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6.5 Auswertungsmethodik: Das texthermeneutische Analyseverfahren

Vor Beginn der Auswertung wurden die Interviews mit Hilfe der Software F4 vollständig und selbstständig transkribiert. Dabei wurden Transkriptionsregeln in Anlehnung an Przyborski und Wohlrab-Sahr (2008) eingesetzt (Anhang 6). Zentral war hierbei der Vermerk von Betonungen, Lautstärken und Pausensetzungen, damit eine Analyse im Rahmen der nachfolgend beschriebenen Auswertungsmethode möglich war. [1]

Das favorisierte Erhebungsverfahren des PZI ist an kein spezielles Auswertungsverfahren gebunden. Vielmehr ist die Wahl der Methode in Abhängigkeit vom jeweiligen Erkenntnisinteresse und der konkreten Fragestellung zu treffen (Witzel, 2000). Im Folgenden sollen daher weniger die allgemeinen theoretischen Debatten zum Verhältnis von deduktiv kategorisierenden (z. B. Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring, 2008) und induktiv rekonstruktiven Auswertungsverfahren (z. B. Grounded Theorie nach Strauss & Corbin, 1996) dargestellt werden. Vielmehr gilt es, den Entscheidungsprozess für die Wahl der Analysemethode mit Bezug zur zugrundeliegenden Forschungsfrage zu plausibilisieren.

Zielsetzung dieser Arbeit ist es, aus den Interviews mit den Agents relevante Stressund Bewältigungsmuster herauszuarbeiten und diese vor dem Hintergrund der Dimension Geschlecht zu bewerten. Das wesentliche Erkenntnisinteresse orientiert sich folglich an den Darstellungsweisen der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress in der CC-Tätigkeit. Während in der Leitfadenkonstruktion noch einzelne Elemente aus dem theoretischen Rahmen berücksichtigt wurden, galt es im Rahmen der Auswertung, von den theoretischen Vorüberlegungen Abstand zu nehmen. Witzel (2000, S. 2) verweist in den Grundpositionen des PZI darauf, dass der Erhebungsund Auswertungsprozess

„[…] als induktiv-deduktives Wechselverhältnis zu organisieren ist“. Für die Auswertung eignete sich daher ein Verfahren, das es vermag, möglichst nah am Text die zentralen Sinnstrukturen der Interviewten herauszuarbeiten, ohne dabei zunächst auf Kategorien zurückzugreifen, die sich aus den Theorien zur Geschlechtersowie zur Stressund Bewältigungsforschung ableiten. Insbesondere vor dem Hintergrund der dargestellten Formen des Gender-Bias empfahl sich ein solches textnahes Vorgehen, das es vermeidet, die eigenen theoretischen Vorannahmen und die subjektiven Relevanzsysteme den Aussagen der Befragten gleichsam ‚überzustülpen' und dadurch zu reproduzieren. Als Verfahren eignete sich dafür die von Kruse (2011) entwickelte integrative texthermeneutische Analysemethode, die den Blick auf sprachlich-kommunikative Phänomene richtet und dadurch eine Zurückstellung eigener Vorannahmen ermöglicht. Die systematische Herangehensweise in der Auswertung orientierte sich folglich an einer mikrosprachlichen Feinanalyse, die als „Herzstück“ (ebd., S. 167) des Analyseverfahrens beschrieben wird. Die Methode kann grob anhand zweier grundlegender Säulen beschrieben werden, die im nächsten Abschnitt konkretisiert werden:

1. In einer Deskription des sprachlich-kommunikativen Vollzugs von Wirklichkeit (WIE etwas gesagt wird).

2. In einer interpretativen Analyse, WAS damit an Bedeutung konstruiert worden ist (interpretativ-analytische Schließung).

  • [1] Für die Darstellung der Ergebnisse wurden die Interviewausschnitte der besseren Lesbarkeit wegen angepasst. So wurden dazu etwa die Erhöhung und Senkung der Lautstärke nicht berücksichtigt.
 
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