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6.5.1 Die Analysedurchgänge im Überblick

Im Einzelnen zeigt Abbildung 11 die Bestandteile der deskriptiven und interpretativen Analyse, die nachfolgend anhand von Beispielen aus dem Interviewmaterial erläutert werden. Im ersten sequenziellen Analysedurchgang (deskriptive Analyse) erfolgte eine Segmentierung des Textes anhand sprachlich kommunikativer Aufmerksamkeitsebenen. Kruse (2011) begründet dies damit, dass Versprachlichung stets als symbolisch verdichteter Sinn der SprecherInnen gestaltet wird. Die Textstellen wurden daraufhin anhand verschiedener sprachlicher Mittel strukturiert (z. B. Pausensetzung, wiederkehrende Wörter, auffällige Themenwechsel, Satzphrasengrenzen).

Deskriptive Analyse

Interpretative Analyse

Theorie – Praxis Transfer

vier sprachlich kommunikative Aufmerksamkeitsebenen

+

Inhalt (Themen/Faktengerüst)

Zentrale Motive

Zentrale Thematisierungsregeln

Abbildung 11: Bestandteile rekonstruktiver Interviewanalyse im Überblick. (Quelle: Kruse, 2011, S. 179)

In einem weiteren Schritt erfolgte eine mikrosprachliche Feinanalyse als zweite wichtige Funktion im sequentiellen Analyseprozess. [1] Hierbei wurden insbesondere die Eingangspassagen sowie weitere dichte Textstellen analysiert, indem die in Tabelle 10 dokumentierten Aufmerksamkeitsebenen in der deskriptiven Analyse der Transkripte berücksichtigt wurden.

Während auf der Ebene des Inhalts die genannten Themen der Befragten – wie beispielsweise wahrgenommene Aspekte der Arbeitssituation – dokumentiert wurden, erfolgte durch die Berücksichtigung der Interaktionsebene im Prinzip der erste Schritt des feinanalytischen Vorgehens. Charakteristisch war hierbei die Analyse der Interview-Dynamik, die sich zwischen den KommunikantInnen zeigte. Beispielhaft sind hier gemeinsam geteilte Erfahrungshintergründe zu nennen – wie beispielsweise ein gewerkschaftlicher Hintergrund –, der die Darstellung der Arbeitssituation beeinflusst. Möglich sind hierbei jedoch auch Interaktionsphänomene zwischen den Befragten und dritten Personen. So erfolgten in der Darstellung der Stresssituation Bezüge zur Geschäftsführung als zentrales Merkmal der Belastung.

Tabelle 10: Aufmerksamkeitsebenen in der integrativen, texthermeneutischen Analysemethode (Quelle: Kruse, 2011, S. 159f.)

Aufmerksamkeitsebenen Aspekte

Inhalt Benennung angesprochener Thematiken/Faktengerüste

Interaktion Interview-Dynamik, inszenierte Rollenverteilung zwischen

Ÿ den KommunikantInnen

Ÿ oder zwischen den Befragten und dritten Personen

Syntax Sprachlich-grammatikalische Besonderheiten,

z. B. Verwendung von Negationen, Pausen, direkter Rede

Wortsemantik Besonderheiten der Wortwahl, der Metaphorik sowie der Redewendungen und Versprachlichungsmodi (Fachsprache, Hochsprache, Alltagssprache)

Erzählfiguren und Gestalt In sich geschlossene, wiederkehrende Figuren

des Aufbaus und der Organisation der Rede

Die Syntax – als weitere Aufmerksamkeitsebene – beschreibt sprachlich-grammatikalische Besonderheiten. Dabei wurde auf die Verwendung von Negationen, Pausen oder z. B. Wiedergabe von Aussagen Dritter in Form von direkter Rede geachtet und daraus deskriptiv-analytische Schlüsse gezogen. Zur Bebilderung sei auf die teilweise auffallend langen Pausen in den Interviews verwiesen, die bei der Frage nach der Empfindung von Stress entstanden sind.

Die Beachtung der Wortsemantik kann in Zusammenhang mit der texthermeneutischen Analysemethode als Kern-Aufmerksamkeitsebene bezeichnet werden (Kruse, 2011). Zentral waren dabei Besonderheiten der Wortwahl oder der Metaphorik. Insbesondere in der Darstellung der CC-Tätigkeit wurden Begriffe – wie etwa Peitsche oder Geißel – genutzt, die Rückschlüsse auf die Charakteristika der Wahrnehmung der Arbeitssituation durch InterviewpartnerInnen erlaubten. Als letzte Aufmerksamkeitsebene nennt Kruse (2011) die Relevanz von Erzählfiguren und Gestalten, die sich in immer wiederkehrenden Figuren des Aufbaus und der Organisation der Rede offenbart. Im Rahmen der Auswertung fiel etwa der häufige und durchgängige Gebrauch des Modalpartikels „halt“ auf. Dieser wurde ausschließlich in der Beschreibung der Arbeitsabläufe genutzt („Ja ist halt acht Stunden telefonieren“, I_8, Abs. 14, ♀26-30) [2]. Dies suggerierte eine Normalisierung der beschriebenen Arbeitsabläufe.

Auf Grundlage der deskriptiven Analyse erfolgte in einem nächsten interpretativen Schritt die Bündelung, Verdichtung und Strukturierung der Analysearbeit. Ziel dabei war es, „Cluster oder Bündel von Motiven und Thematisierungsregeln“ (Kruse, 2011, S. 167) herauszuarbeiten, indem der eigene Text auf zentrale Motive, die sich in den Analysen bestätigen, geprüft wurde. Kruse (2011) definiert Motive jedoch nicht im psychologischen Sinne als Handlungsmotive. Das zentrale Motiv ist vielmehr als ein „[…] konsistentes Bündel verschiedener sprachlicher Wahlen bzw. Selektionen“ (ebd., S. 177) zu verstehen, die sich im gesamten Interview abbilden. Darunter werden „[…] wiederholt auftauchende sprachliche Bilder oder Argumentationsstrukturen, Figuren, Modelle, thematische Äußerungen und Positionierungen etc. gefasst, die im Zusammenhang mit den subjektiven Deutungen und Repräsentationen der befragten Person stehen“ (ebd., S. 178). Daran anlehnend wurde mit Blick auf die Forschungsfrage nach den Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress der Begriff des Motivs durch den des Musters ersetzt.

Zudem erfolgte im Rahmen des Analyseprozesses die Beschreibung von Thematisierungsregeln. Dabei wurde zum einen der Fokus darauf gesetzt, „was die Erzählperson wie ausführlich thematisiert“ (ebd., S. 180) und was die Erzählperson hingegen nicht versprachlicht. Nachdem die zentralen Muster und Thematisierungsregeln im Prozess der Verdichtung analysiert wurden, erfolgte eine abschließende Interpretation der herausgearbeiteten Fallstruktur unter Einbeziehung der in Kapitel 2 bis 5 vorangestellten Befunde und Theorien (EmpirieTheorie-Transfer). Ziel dabei war es, die Erkenntnisse über Geschlechtsunterschiede in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstands zu diskutieren, um eine geeignete Grundlage für wissenschaftliche und anwendungsbezogene Empfehlungen bereitzustellen.

Um die dargestellten sprachlich kommunikativen Aufmerksamkeitsebenen zu berücksichtigen, wird auf Grundlage der Forschungsfrage empfohlen, so genannte Analyseheuristiken in die Auswertung einzubeziehen. In einem weiteren Abschnitt soll die konkrete Entscheidung und das daraus resultierende Analyseinstrument näher erläutert werden.

  • [1] Der Analysedurchgang entspricht im Prinzip dem des offenen Codierens in der Grounded Theory nach Strauss und Corbin (1996).
  • [2] Zur Erklärung der Zitationskennzeichen sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass „I_8“ für die Nummer des Interviews steht, „Abs. 14“ sich auf den Absatz im jeweiligen Transkript des Interviews bezieht und „♂46-50“ für das Geschlecht und die Altersgruppe der Befragten steht. Alle im Textfluss verarbeiteten Interviewzitate werden kursiv dargestellt.
 
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