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6.5.2 Agency-Analyse als Instrument der texthermeneutischen Auswertungsmethode

Kruse (2011, S. 199) schlägt eine Reihe von „konzeptionellen Scannern“ vor, mit denen Muster und Thematisierungsregeln herausgearbeitet werden können. Diese sind in enger Orientierung an die Forschungsfrage auszuwählen und ergeben sich im Rahmen einer ersten deskriptiven Analyse des Materials. Aus der qualitativen Auswertung, die ausführlich in den Kapiteln 7 und 8 vorgestellt wird, gehen verschiedene Umgangsweisen mit den von den Agents geschilderten Arbeitsund Lebenswirklichkeiten hervor. Diese unterscheiden sich bezüglich der von den Befragten wahrgenommenen Möglichkeiten, die Arbeitssituation und die daraus entstehenden Belastungen eigenständig zu bewältigen. Hierbei zeigen sich sowohl konstruktive und aktive Umgangsweisen mit den vorzufindenden Anforderungen als auch resignative und passive Haltungen im Kontext der CC-spezifischen Anforderungen.

Die in der Auswertung deutlich gewordenen subjektiven Wahrnehmungen der jeweiligen eigenen Handlungsund Wirkmächtigkeit in Bezug auf arbeitsbedingten Stress kann mit dem Konzept der Agency [1] -Analyse erfasst werden (Helfferich, 2012). Dieses stammt aus der Erzähltheorie sowie der Gesprächsanalyse und erfasst die „[…] Vorstellungen, die Menschen davon haben, wer oder was – wo, wie und was zum Zustandekommen von Ereignissen beiträgt“ (Kruse, 2011, S. 203). Lucius-Hoene und Deppermann (2002, S. 59) zufolge bezieht sich Agency darauf, „[…] wie der Erzähler seine Handlungsmöglichkeiten und Handlungsinitiative in Hinblick auf die Ereignisse seines Lebens linguistisch konstruiert“. Die Analyseheuristik beschäftigt sich folglich mit der Frage, ob und in welcher Form sich die Befragten als handelnde Individuen und als Inhaber von Entscheidungsund Kontrollmöglichkeiten begreifen oder ob sie sich als fremdbestimmte Subjekte erleben (Helfferich, 2012). Zur methodischen und inhaltlichen Begründung der Wahl dieser Analyseheuristik sollen nachfolgend beispielhafte Bezüge zu den ausgewerteten Interviews hergestellt werden.

Unter Berücksichtigung der von Lucius-Hoene und Deppermann (2002) vorgestellten Theorie erscheinen die folgenden fünf Formen für die Forschungsfrage relevant: [2]

Anonyme bzw. kollektive Agency

Als anonyme bzw. kollektive Agency werden Äußerungen begriffen, in denen nicht das Individuum – als das handelnde Ich – den Ausgangspunkt der Darstellung bildet, sondern eine übergeordnete und fremdbestimmte Macht in die Erzählungen einfließt. Deutlich wird dies etwa an dem vorangestellten Zitat, das exemplarisch für die technischen und automatisierten Arbeitsabläufe in der CCTätigkeit steht. Der Gebrauch der passiven Wortkonstruktion („man“) zeigt, dass anonyme, unbeeinflussbare Mechanismen – hier die Teamleitung oder die eingesetzte Software – den Arbeitstag bestimmen.

Strukturelle Agency

„Also ich komme ausm Berchbau. Also das ist schon n bisschen rauer als wie hier. Und äh

deswegen kann ichs an für sich ganz gut verarbeiten.“ (I_16, Abs. 14, ♂46-50)

Nach Helfferich et al. (2006, S. 210) meint strukturelle Agency, dass die Erzählperson in ihrem Lebensund Arbeitsumfeld bestimmte Strukturen identifiziert, die sie als „ursächlich für positive Handlungsgefüge“ erklärt. Besonders deutlich wird dies anhand der beispielhaft angeführten Textstelle, in der der befragte Agent seine frühere Bergbau-Tätigkeit als Ressource für eine positive Verarbeitung der Belastungen im CC-Betrieb anführt.

Agentivierung anderer

„Komme rein, setz mich hin, MELD mich erst mal an. PC weiß, ich bin da.“ (I_1, Abs. 12,♂18-25)

Agentivierung anderer bezieht sich auf eine Agency-Form, durch die die Befragten das Zustandekommen von Ereignissen anderen Akteuren oder Dingen zuschreiben (z. B. Personen, Artefakte, Materialien) (Kruse, 2011). Sie ist als Teil der anonymen Agency zu verstehen, unterscheidet sich jedoch dadurch, dass keine fremdbestimmte Macht in den Erzählungen konstruiert wird, sondern ganz konkrete Einflussgrößen benannt werden, wie die vorangestellte Aussage zeigt: Auf die Aufforderung, einen normalen Arbeitstag zu beschreiben, führt der befragte Agent den Computer als relevanten Akteur an. Dieser steht in dem Kontext exemplarisch für die Fremdbestimmung in Folge einer Technisierung der Arbeitsvorgänge.

Konsensuale Agency (Wir-Bezug)

„Da wir alle diesen Stress haben, haben wir so ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt. Ja (.) und (2) wenn der eine Probleme hat, geht er zum anderen und erzählt ihm auch davon.“ (I_13, Abs. 34, ♀51-55)

Im Laufe der deskriptiven Auswertung konnten Unterschiede hinsichtlich der individuellen und gemeinschaftsbezogenen Bewältigungsarbeit aufgezeigt werden. Das vorangestellte Zitat steht demzufolge für eine Bewältigung der erlebten Stressoren, die mit Hilfe des Kollegiums gemeinsam erfolgt, sodass ein konsensualer Bezug deutlich wird. In Abgrenzung dazu bilden sich AgencyFormen ab, die sich durch eine Individualisierung der Umgangsweise mit den subjektiv relevanten Stressoren auszeichnen.

Individualisierte Agency (Ich-Bezug)

„Wenn ich alles so ein bisschen entspannter mache (.) die Einstellung einfach da auch zu ändere.“ (I_10, Abs. 91, ♀41-45)

Neben der gemeinschaftlichen Bewältigung der arbeitsbedingten Stressoren beziehen sich die Aussagen der Agents zum Teil auf individualisierte Vorgänge in der Beurteilung und Bewältigung der aus der Arbeitssituation resultierenden Belastungen. In Abgrenzung zur objektivierten, anonymen Beschreibung stellen sich die Befragten hierbei als handelnde Individuen in den Mittelpunkt des Bewältigungsgeschehens.

Die überblickhaft angeführten Beispiele zeigen, dass die Agency-Analyse ein geeignetes Konzept für die Beurteilung der Interviewergebnisse darstellt. Vor dem Hintergrund der zu behandelnden Forschungsfrage ist es relevant, ob und wie sich die subjektiven Handlungsund Wirkmächtigkeiten in der Umgangsweise mit arbeitsbedingtem Stress zwischen Frauen und Männern unterscheiden und inwiefern sie sich gegebenenfalls (an)gleichen.

  • [1] Der wortwörtlichen Übersetzung nach steht der englische Begriff „agency“ in diesem Zusammenhang für „Handlungsfähigkeit“ (Langenscheidt, 2010).
  • [2] Da die angeführten Interviewpassagen nur zum besseren Verständnis der Analyseheuristik dienen, erfolgt an dieser Stelle noch keine Darstellung von Geschlechtsunterschieden. Siehe hierzu die ausführliche Typologie in Kapitel 7.4.
 
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