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7.3 Vom Einzelfall zum Typus – Typenbildung im Prozess geschlechtsreflektierender Stressund Bewältigungsforschung

Die Typenbildung ist weniger eine spezifische Auswertungsmethode als vielmehr ein Sammelbegriff ganz unterschiedlicher Verfahren, mit denen Einzelfälle zueinander in Beziehung gesetzt werden, um allgemeingültige Aussagen zu erhalten (Seipel & Rieker, 2003). [1] Kelle und Kluge (2010, S. 85) beschreiben eine Typologie demnach als „[…] Ergebnis eines Gruppierungsprozesses, bei dem ein Objektbereich anhand eines oder mehrerer Merkmale in Gruppen bzw. Typen eingeteilt wird“. Im Rahmen der zugrundeliegenden Forschungsfrage zielt eine Typenbildung darauf ab, Stressund Bewältigungsmuster von Frauen und Männern in CCn miteinander zu vergleichen und auf dieser Grundlage Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.

Im Einzelnen lässt sich der Prozess in vier Teilschritte gliedern, die eine systematisch und empirisch begründete Typenbildung erlauben (Kluge, 1999). Ziel ist es zum einen, Elemente herauszuarbeiten, die innerhalb eines Typus möglichst ähnlich sind (interne Homogenität). Zum anderen sollen sich die Typen im jeweiligen Vergleich voneinander unterscheiden (externe Heterogenität) (ebd.). Nachfolgend wird das Verfahren anhand der praktischen Entscheidungen im Auswertungsprozess erläutert.

7.3.1 Darstellung relevanter Vergleichsdimensionen

Kelle und Kluge (2010) haben zentrale Verfahrensschritte entwickelt, in denen Typen auf Grundlage äußerlicher Merkmale gebildet werden, ehe ihre innere Struktur interpretativ erschlossen wird. Ausgehend von der Forschungsfrage und dem theoretischen Rahmen lassen sich in einem ersten Schritt externe Vergleichsdimensionen abbilden. Tabelle 13 dokumentiert die Dimensionen, die bereits im Rahmen der Fallauswahl und Leitfadenerstellung deduktiv festgelegt wurden (Kapitel 6). Zentral sind hierbei zum einen personenspezifische Merkmale, die sich auf Geschlecht, Alter, im Haushalt lebende Kinder, Beschäftigungsdauer und beruflichen Staus der Agents beziehen. Zum anderen sind aus den theoretischen Befunden Setting-spezifische Merkmale hervorgegangen, die sich auf den Betriebstyp, auf die Richtung der Kommunikation – also auf Inboundund Outbound-CC – sowie auf die jeweilige betriebliche Funktion der Befragten beziehen. Darüber hinaus haben sich aus den unterschiedlichen Wegen der Kontaktaufnahme – also Betriebsrat, Geschäftsführung und Zeitungsinserat – feldzugangsspezifische Vergleichsdimensionen ergeben.

Tabelle 13: Darstellung externer Vergleichsdimensionen.

Zwar rekurrieren Kelle und Kluge (2010) auf die methodischen Risiken, die sich aus einer direkten Übernahme von formulierten Konzepten des theoretischen Rahmens in die Bildung externer Vergleichsdimensionen ergeben. So könne die Sensibilität für neue Phänomene verloren gehen. Gleichwohl gilt das theoretische Wissen nicht per se als Hindernis in der Auswertung qualitativer Daten. Vielmehr stattet es die Forschenden mit den notwendigen Analyseheuristiken aus (ebd.). Allerdings darf dieser theoretische Rahmen nicht zu eng angelegt werden, da andernfalls bislang unbekannte Sachverhalte im qualitativen Material verloren gehen bzw. gar nicht erst entdeckt werden. Aus diesem Grund wurde bei der Interviewanalyse darauf geachtet, dass neben den äußerlichen Merkmalen die innere Struktur der Fälle interpretativ erschlossen wird. Dazu wurden in einem zweiten Schritt neue Phänomene in Hinblick auf die vorzufindenden Stressund Bewältigungskonzepte in CCn aus den Interviews induktiv herausgearbeitet und als interne Vergleichsdimensionen gegenübergestellt. Tabelle 14 unterteilt die Analysedimensionen in die allgemeinen Themen berufliche Motivation sowie Entstehungsund Bewältigungsmuster von arbeitsbedingtem Stress.

Tabelle 14: Darstellung interner Vergleichsdimensionen.

In der Ausdifferenzierung konnten schließlich spezifische Kategorien erarbeitet werden, die sich für den weiteren Prozess der Typenbildung als geeignet erwiesen. So wurde im Rahmen der deskriptiven Auswertung deutlich, dass die Befragten aufgrund ihrer individuellen Lebenswirklichkeiten spezifische berufliche Motivationen aufweisen. Beispielhaft sei darauf hingewiesen, dass insbesondere Agents einer jungen Altersgruppe (18-25 Jahre) ihre CC-Tätigkeit als „Übergang“ (I_14, Abs. 10, ♂18-25) – etwa zur finanziellen Überbrückung eines Studiums – bezeichnen. Demgegenüber geht aus dem Interviewmaterial eine Vielzahl von Aussagen weiblicher Agents hervor, die aufgrund ihres Alleinerzieherinnenstatus die Tätigkeit aus existenziellen Gründen aufgenommen haben bzw. ausüben. Schließlich bezieht sich ein Teil der Befragten auf berufsinhaltliche Motivationen der Tätigkeitsaufnahme.

Die in den Interviews erfolgte Frage nach der Wahrnehmung arbeitsbedingter Stressoren in der CC-Tätigkeit offenbarte überdies unterschiedliche Beurteilungsperspektiven auf die Arbeitssituation, die zum Teil bereits in Kapitel 7.1 dargestellt wurden. Während etwa ein Teil der Befragten die Stresssituation individualisiert („Es kommt drauf an, mit welcher Einstellung man zur Arbeit geht.“ I_7, Abs. 70, ♀31-35), führen andere die Arbeitssituation auf die technisch strukturellen Verfahren und dem damit einhergehenden geringen Handlungsspielraum zurück („Wir sind ja angekettet.“ I_11, Abs. 44, ♀41-45). Die Tätigkeit wird von einigen Agents als permanenter Stresszustand erlebt, der aber als normaler und konstitutiver Bestandteil der Arbeit verstanden wird. Zur Berücksichtigung der Lebenswirklichkeiten der befragten Frauen erschien ein Bezug auf die in den Interviews benannte Verflechtung von beruflichen und außerberuflichen Stressoren zentral.

Abschließend konnten im Rahmen der internen Vergleichsdimension Aspekte herausgearbeitet werden, die auf unterschiedliche Bewältigungsmuster rekurrieren. Auffällig sind dabei Distanzierungen gegenüber dem Begriff Stress, in dem eigene aber auch kollektive Bewältigungsstrategien in Bezug auf soziale Unterstützung in den Vordergrund gestellt werden. Deutlich wird ebenso ein Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung über die Gestaltung der Arbeit, welches aktiv formuliert wird („Von dieser Geißel [2] habe ich mich vor wenigen Monaten losgesagt.“ I_10, Abs. 29, ♂41-45). Außerberufliche Bewältigungsressourcen – wie ein sportlicher Ausgleich – werden schließlich sowohl unabhängig von der CC-Tätigkeit als körperliche und seelische Selbstfürsorge verstanden als auch zur Wiederherstellung der Arbeitskraft angeführt.

Im weiteren Verlauf der Typenbildung erfolgte eine Gegenüberstellung einzelner Dimensionen anhand der Gruppierung der Fälle. Hierbei war es bedeutend, dass sowohl innerhalb als auch zwischen den Vergleichsdimensionen Ähnlichkeiten und Unterschiede identifiziert werden. So war es im Rahmen der Forschungsfrage etwa möglich, Wahrnehmungsund Bewältigungsmuster miteinander zu vergleichen und ergänzend dazu die Vergleichsdimension Geschlecht zu berücksichtigen. Dadurch konnten sowohl Aussagen weiblicher als auch männlicher Interviewter im Rahmen eines Typus reflektiert werden, ohne eine einseitige Zuschreibung vorzunehmen. Nachfolgend soll dieser nächste Schritt anhand einer konkreten Gruppierung der Fälle vorgenommen werden, der für die Vorstellung der Stressund Bewältigungstypologie von Bedeutung ist (Kapitel 7.4).

  • [1] Streng genommen ist das Darstellungsverfahren Teil des methodischen Vorgehens. Da hier jedoch nicht nur der methodische Ergebnisweg der Typenbildung, sondern ebenso die für die weitere Interviewanalyse notwendigen Kernaussagen beschrieben werden, ist eine Platzierung der Überlegungen an dieser Stelle sinnvoll.
  • [2] Mit „Geißel“ sind hier die Arbeitsbedingungen bzw. spezifische Vorgaben in Bezug auf Gesprächstechnik und Gesprächsführung gemeint.
 
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