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7.4.4 Typ D: Akutes Belastungsempfinden bei ausbleibender Bewältigung

Gegenüber den bisher dargestellten Typen komprimiert der zuletzt beschriebene Typus D Passagen, die sich durch einen starken Erschöpfungszustand bei gleichzeitigem Defizit an subjektiven Bewältigungsstrategien auszeichnen (vgl. Abb. 16). Insgesamt fällt in der Auswertung der dem Typ D zugeteilten Passagen auf, dass auch hier nahezu keine Interview-Transkripte vorliegen, in denen ausschließlich Belastungen dargestellt werden, ohne dass die Befragten in irgendeiner Weise Auswegmöglichkeiten präsentieren. Der Unterschied zu den jeweils anderen Darstellungsweisen besteht jedoch darin, dass die Erzählungen durch die Belastungssituation dominiert werden und folglich eine besondere Relevanz für die Befragten einzunehmen scheinen. Bewältigung erfolgt hierbei nicht im Sinne eines bewussten Rückgriffs auf vorhandene Ressourcen, sondern in Form von pathogen-destruktiven Strategien (z. B. Medikalisierung der stressbezogenen Belastungen).

Typ D: Akutes Belastungsempfinden bei ausbleibender Bewältigung

Benennung von Stressoren:

Beruflich: technisierte, reglementierte und monotone Arbeitsvorgänge; Fremdbestimmung der Arbeitsformen und -inhalte; allgemeine berufliche Perspektivlosigkeit.

Außerberuflich: Pflegeund Erziehungsarbeit; Trennung/Scheidung; Konflikte in der Partnerschaft.

Deutungsweisen der Entstehung von Stress:

Stress als permanenter Zustand; Verlust von Handlungsfähigkeit; Verflechtung von Belastungen aus beruflichem und außerberuflichem Kontext.

Benennung von Bewältigungsfaktoren:

Beruflich: Flucht durch Krankschreibung; Fehlen von konstruktiven Bewältigungsstrategien; „Der Akku ist leer“ (I_15, Abs. 54, ♂51-55).

Außerberuflich: Sport; Medikalisierung.

Deutungsweisen der Bewältigung von Stress:

Zurückweisung von Bewältigungsmöglichkeiten; Interaktion im Interview: Verwunderung über Fragestellung nach beruflichen Ausgleichsmöglichkeiten.

Persönliche und strukturelle Rahmenbedingungen:

Motivation der Tätigkeitsausübung aus finanzieller Not; Alleinerziehendenstatus.

Abbildung 16: Überblick der Charakteristika des Typus D.

Die dem Typus zugeteilten Interviewpassagen lassen sich schließlich aus zwei Blickwinkeln fokussieren: zum einen hinsichtlich der von den Interviewten direkt oder indirekt beschriebenen Ursachen empfundener Handlungsunfähigkeit, zum anderen in Bezug auf die Darstellung der Auswirkung von arbeitsbedingten Stressoren. Gemäß der Forschungsfrage, inwiefern sich Geschlechtsunterschiede bei der Darstellung der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress ergeben, ist im Kontext des Typus D die Positionierung in Bezug auf die Umgangsweise mit Handlungsund Leistungsunfähigkeit zentral. Darüber hinaus zeigt eine Berücksichtigung von subjektiven Rahmenbedingungen der Befragten, dass sich das hier bezeichnete akute Belastungsempfinden durch ein Ineinandergreifen von Arbeitsund Lebenswirklichkeiten charakterisiert. Hierbei ist insbesondere die erlebte Arbeitssituation in Zusammenhang mit dem Alleinerziehendenstatus bedeutend.

arstellungsweisen der Handlungsund Leistungsunfähigkeit

Zunächst zeichnet sich Typ D durch Fallpassagen aus, innerhalb derer auf die Frage nach betrieblichen Ausgleichsmöglichkeiten keinerlei relevante Aspekte benannt werden können. Exemplarisch dafür steht die folgende Interviewpassage, in der die Interviewte einen Ausgleich während der CC-Tätigkeit strikt zurückweist:

„Also während der Arbeit ja gar nicht. Weil man ist ja getaktet. Man hat sieben bis acht Anrufe

die Stunde.“ (I_2, Abs. 38, ♀46-50)

Wie das Zitat zeigt, erfolgt ein Verweis auf die automatisierten und reglementierten Arbeitsabläufe und die damit zusammenhängende Fremdbestimmung durch die Tätigkeit. Unter Berücksichtigung der Agency-Analyse lässt sich diese Passage daher nicht lediglich als anonyme Agency deuten. Zwar wird durch die Formulierung „man ist ja getaktet“ (ebd.) ein deutlicher Verweis auf die Passivität und Monotonie der Tätigkeitsausübung gegeben. Gleichwohl kann diese Aussage ebenfalls vor dem Hintergrund einer strukturellen Agency gedeutet werden, da in weiteren Passagen auf die systemische Komponente der CC-Tätigkeit rekurriert wird. So deuten Aussagen darauf hin, dass die Technisierung im Rahmen der CC-Tätigkeit – also das Gefühl, über das Computer-System gesteuert zu sein – für die Befragten Grenzen des individuellen Ausgleichs am Arbeitsplatz aufzeigt. Deutlich wird dies an der Stelle der Interviews, an der nach Ausgleichsmöglichkeiten während der CC-Tätigkeit gefragt wird:

Gar nicht. Gar nicht. Du bist angemeldet und du darfst ja ich glaub 5 Minuten pro Stunde kann man dir sagen ‚o.k. kannst du mal aufs Klo gehen oder mal nach draußen'. […] Weil wir sind ja angekettet. Head Set und so. Ich kann mich ja maximal einen Meter um den Stuhl da bewegen.“ (I_11, Abs. 44, ♀41-45)

Die Begrifflichkeit „angekettet“ (ebd.) steht an dieser Stelle exemplarisch dafür, dass in den ausgewerteten Interviews keinerlei Möglichkeiten gesehen werden, eigene Handlungsund Bewältigungsstrategien zu entwickeln, um auf die beschriebene Situation zu reagieren. Zur Umschreibung wird eine durch die Technik erzeugte reale ‚Kette' benannt, die exemplarisch für die gefühlte Fremdbestimmung durch die Tätigkeit steht. Zum einen bezieht sich diese auf die Anmeldung durch das Computersystem, das sämtliche Arbeitsschritte erfasst. Aus dem vorangestellten Zitat geht hervor, dass ihr allenfalls „5 Minuten pro Stunde“ bleiben, um sich der Arbeit zu entziehen. Der zusätzliche Hinweis „kann man dir sagen […]“ zeigt, dass die Befragte sich selbst im Rahmen ihrer Pause nicht als handlungsmächtiges Individuum begreift bzw. begreifen kann, sondern auf ein „o.k.“ des Arbeitgebers angewiesen ist, um „mal aufs Klo“ (ebd.) gehen zu können. Zum anderen bezieht sich die Befragte auf die Fessel durch das mit dem Computer verbundene Head Set. Das aus Sicht der Interviewten wahrgenommene ‚Anketten' erfolgt daher sowohl im metaphorischen Sinne durch eine erlebte Fremdbestimmung als auch direkt durch das Kabel der Kopfhörer. So besteht für die Befragte keine Möglichkeit, sich der Situation entziehen zu können. Die technisierten und monotonen Arbeitsabläufe – die bereits unter Typ C beschrieben wurden – veranlassen ebenfalls einen männlichen Befragten dazu, seine Wahrnehmung der CC-Tätigkeit in Bezug auf die Thematik Stress näher auszuführen:

„Stress (1) ist im Prinzip permanent. Weil sie (1) wenn sie sichs anhörenWir arbeiten ja Akkord. Es ist ja nichts anderes, als eine Akkordarbeit. Denn sobald das Gespräch beendet ist, klingelt das Telefon und der nächste Kunde ist dran. Das heißt, sie haben im Prinzip ne Fließbandarbeit. Das ist nichts anderes, als n Akkordarbeiter am Fließband, nur eben mit dem Kopf.“ (I_10, Abs. 27, ♂41-45)

Auffällig ist an der Beschreibung, dass die Dienstleistungstätigkeit im CC mit der Produktion im Rahmen einer klassischen Fließbandarbeit verglichen wird. Stress wird dabei nicht als vorübergehender Einfluss, sondern als permanenter Zustand wahrgenommen. Die Fließbandarbeit steht hierbei nicht lediglich für die stetig wiederkehrenden Arbeitsvorgänge. Vielmehr scheinen darüber hinaus ebenfalls der sich wiederholende Inhalt sowie die durch das Fließband bestimmenden Arbeitsvorgänge umschrieben zu werden. Hierbei nimmt der Befragte indirekt Bezug auf die bereits in Kapitel 5 beschriebene Technik, die innerhalb der CC-Tätigkeit angewandt wird. So ermöglicht etwa der so genannte Predictive Dialer automatisch Nummern anzuwählen und die Telefonate nach festgelegten Regeln an die Beschäftigten weiterzuleiten (Fojut, 2008). Die hier beschriebene mentale Fließbandarbeit besteht aus Perspektive des Befragten schließlich aus der unmittelbaren Zuteilung eines Gesprächs, nachdem ein vorheriger Gesprächsvorgang beendet wurde.

Insgesamt zeigt eine Gegenüberstellung der Vergleichsdimension Geschlecht im Rahmen der Kategorie, dass sich zwar die Darstellung dieser Tätigkeitsspezifika zwischen Frauen und Männern gleichen, jedoch offensichtlich Unterschiede in der jeweiligen Umgangsweise mit der erlebten Handlungsund Leistungsunfähigkeit vorliegen, wie die nachfolgenden Ausführungen belegen.

Umgangsweisen mit Handlungsund Leistungsunfähigkeit

Neben der intensiven Beschreibung der betrieblichen Stresssituation verweisen einzelne Interviewte auf die dadurch erlebten gesundheitlichen und sozialen Folgen. Zunächst sei auf eine kurze Passage einer weiblichen Befragten verwiesen, die von der Entstehung ihrer psychischen Erkrankung in Folge der an sie gestellten Anforderungen berichtet.

„Hat alles so ca. eineinhalb Jahre gedauert. Dann wurd ich krank und man versuchte das irgendwie zu schaffen (1) und (.) hat man dann einfach nicht so geschafft.“ (I_2, Abs. 8, ♀4650)

Ein genauerer Blick auf die Wortwahl verdeutlicht, dass der Verlust der Handlungsfähigkeit und Handlungskompetenz in der Umgangsweise mit den Belastungen eine bedeutende Rolle einnimmt: Der Wechsel vom „ich“ zum „man“ (ebd.) steht hier offenbar für den Wandel von der individuellen zur anonymen Agency. Während die Befragte das Erleben der Krankheit aktiv wahrnimmt („dann wurd ich krank“), kennzeichnet das Wort „man“ und „irgendwie“ die Passivität und Ratbzw. Hilflosigkeit der Befragten in Bezug auf den Erkrankungsprozess. Ein kontrastierender Vergleich der Positionierungen von befragten Frauen und Männern zeigt, dass die interviewten Männer die erlebte Handlungsunfähigkeit intensiver und folgenschwerer beschreiben.

„Keine Motivation. Der Akku ist einfach leer. Man wird schnell müde, man setzt sich mal eben hin. Und dieses eben hinsetzen kann dann locker mal ne Stunde oder zwei Stunden dauern, weil man einfach nicht den Hintern hoch kriegt. Und das ärgert mich persönlich unheimlich. Aber es ist so (.) ist so. So ist das.“ (I_15, Abs. 87, ♂51-55)

Die Auswertung der Interviews von Männern, die über ihre gesundheitlichen und sozialen Folgen der erlebten Stressoren berichten, deutet insbesondere auf die Schwierigkeit, mit der erlebten Funktionsunfähigkeit umzugehen. Diese bezieht sich allerdings nicht lediglich auf die Anforderungen der CC-Tätigkeit. Vielmehr lässt die folgende Passage die Annahme zu, dass insbesondere die Zeit außerhalb der Erwerbsarbeit durch die erlebte Funktionsunfähigkeit als belastend wahrgenommen wird.

„Und (atmet tief ein) also ich tu mich heute damit zum Beispiel schwer, zu renovieren. Weil ich hier einfach keinen Antrieb finde, das zu tun. Weils mir schwer fällt. Und ich bin eigentlich son Bastler, der sich hinstellen kann und machen kann. Dat kann ich heute nicht mehr. Ich schaffʼs nicht mehr. Da bin ich komplett mit durch.“ (I_15, Abs. 85, ♂51-55)

Der vorangestellte Abschnitt zeigt exemplarisch, dass für den Befragten die fehlende Handlungsund Wirkmächtigkeit eine besondere Bedeutung einnimmt. Hier verweisen die Erzählpassagen auf konkrete berufliche und außerberufliche Folgen der Funktionsunfähigkeit. Während Frauen und Männer gleichermaßen die erlebte Fremdbestimmung durch die Tätigkeit als deutlichen Stressor thematisieren, werden die körperlichen und psychischen Folgen der Belastungserscheinungen besonders fatalistisch und folgenschwer von den interviewten männlichen Agents beschrieben. Hier wird in der Diskussion der deskriptiven Ergebnisse die Frage von Bedeutung sein, wie eine unterschiedliche Wahrnehmung bzw. Belastung durch Handlungsund Leistungsunfähigkeit erklärt werden kann. Die zuletzt dokumentierten Fallpassagen deuten bereits an, dass ein Blick auf das Zusammenspiel von Lebensund Arbeitswirklichkeiten erforderlich ist, um Geschlechtsunterschiede in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress herauszuarbeiten.

Ineinandergreifen von Arbeitsund Lebenswirklichkeiten

Die hier dokumentierten Darstellungsund Umgangsweisen von arbeitsbedingtem Stress werden zum Teil vor dem Hintergrund spezifischer außerberuflicher Stressoren der befragten Frauen und Männer thematisiert. Die dem Typus D zugeteilten Passagen weiblicher Agents verweisen auf ein akutes Belastungsgeschehen, das sich insbesondere vor dem Hintergrund der jeweiligen Lebensrealitäten alleinerziehender Mütter abbildet. Zunächst wird dieser Aspekt anhand der von den weiblichen Agents geschilderten finanziellen Motivation der CCTätigkeit deutlich. Hier fällt auf, dass die Perspektivlosigkeit und die damit einhergehende existenzielle Abhängigkeit von dem Job besonders von Frauen formuliert werden. Die dem Typ D zugeteilten Fallpassagen beschreiben die Aufnahme der CC-Tätigkeit nicht vor dem Hintergrund eigenmächtiger Entscheidungen im Sinne einer berufsinhaltlichen Motivation, wie sie etwa in Typ B deutlich wird. Vielmehr nehmen die befragten Frauen die CC-Tätigkeit überwiegend in Folge einer Beziehungstrennung und der daraus resultierenden existenzsichernden Notlösung auf.

„Ja wir haben uns dann getrennt vor fünf Jahren. (.) Ja und dann (.) musst ich natürlich arbei-

ten.“ (I_4, Abs. 12, ♀41-45)

Hier zeigt sich, dass die Tätigkeit vorrangig als ‚Mittel zum Zweck' verstanden wird, um die Kinder bzw. sich selbst finanziell abzusichern. Der berufliche Zugang wird hier vor dem Hintergrund struktureller Gegebenheiten begründet (strukturelle Agency). So verdeutlicht die Aussage „musst ich natürlich arbeiten“ (ebd.), dass sich die Befragte nicht als handelndes und selbstbestimmtes Individuum begreift, sondern aufgrund ihrer Lebenssituation gezwungen war, die CC-Tätigkeit aufzunehmen. Dieser Beweggrund bildet sich als zentrales Muster in den dem Typus zugeteilten Interviews mit weiblichen Agents ab, die in erster Linie den ökonomischen Nutzen des Jobs thematisieren:

„Ich hatte ähm (.) finanzielle Not. Ich hatte ja in irgendeiner Form meine Tochter und mich zu ernähren und brauchte einen Job. Und hab dann auch (.) alles gemacht. Alles Mögliche. Also für nichts zu schade.“ (I_11, Abs. 13, ♀41-45)

Die Bezeichnung der Tätigkeit als „Job“ (ebd.) verweist – zumindest vor dem Hintergrund einer Begriffsdefinition – auf dessen Zweckgebundenheit. Das aus dem englischen stammende Wort umschreibt eine Tätigkeit, die als „Gelegenheitsarbeit“ und „vorübergehende einträgliche Beschäftigung“ (DUDEN, 2013,

S. 570) bezeichnet wird. Dass die Befragte sich „für nichts zu schade“ (I_11, Abs. 13, ♀41-45) war, zeigt darüber hinaus, dass diese bereit war, etwas aus ihrer Sicht inhaltlich Anspruchsloses zu tun, um in erster Linie ihre eigene Versorgung und die ihrer Tochter sicherzustellen.

Wie die deskriptive Analyse weiterer Interviews verdeutlicht, wird aus der existenzsichernden Notlösung jedoch eine langfristige Tätigkeit, die ein Teil der Befragten bereits seit 20 Jahren ausübt. Die Angabe einer Interviewten, in der Tätigkeit „hängen geblieben“ (I_4, Abs. 14, ♀41-45) zu sein, zieht sich wie ein roter Faden durch die dem Typus D zugeteilten Interviewausschnitte. Exemplarisch deutlich wird dies anhand einer längeren Passage, in der die Ursache von stark empfundenem Stress als Ineinandergreifen von Arbeitsund Lebenswirklichkeiten begründet wird. Beispielhaft wird dies im Rahmen eines Abschnitts bebildert, in der die Befragte ohne besonderen Frageimpuls erläutert, warum CCUnternehmen von der Zielgruppe alleinerziehender Frauen profitieren.

„Nun weil so ein Callcenter davon lebt (1), dass Frauen angewiesen sind auf diesen Job. Weil die meisten Frauen Kinder haben. Und in diesem Callcenter kannst du morgens, nachmittags, nachts arbeiten. Und das ist wichtig für die Frauen (.) weil die entweder die Kinder im Kindergarten haben oder weil der Mann vielleicht dann abends zu Hause ist. Oder für viele Alleinerziehende, ja.“ (I_5, Abs. 56, ♀46-50)

Zunächst wird die hohe Quote der in CCn tätigen Frauen durch die flexiblen Arbeitszeiten begründet. Hier haben bereits die Setting-bezogenen Erläuterungen in Kapitel 5 darauf verwiesen, dass CC gemeinhin als geeignetes Arbeitsfeld zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelten, da die Unternehmen in der Regel rund um die Uhr erreichbar sind. Auf Grundlage des von der Interviewten geschilderten ökonomischen Abhängigkeitsverhältnisses werden schließlich nicht lediglich einzelne Stressfaktoren in den Mittelpunkt der Erzählung gestellt. Vielmehr wird ein allgemeiner Stresszustand beschrieben, der sich in den weiteren Ausführungen abbildet:

„Weil es nämlich oft gar nicht der Kunde ist. Sondern es ist wirklich die allgemeine Situation. Diese Unzufriedenheit, diese Unterforderung, dieser Lärmpegel, ja dieser Stress und dieses ‚ich kann nichts anderes tun, als hier sitzen. Ja weil ich nichts anderes bekomme. Und ich verdiene gerade mal so viel, dass ich meine Rechnung bezahlen kann'.“ (I_5, Abs. 92, ♀46-50)

Als zentral wird dabei nicht etwa die KundInnenkommunikation als isolierter Stressfaktor benannt, sondern eine allgemeine Unzufriedenheit. Während die Interviewte im vorangestellten Abschnitt zunächst einzelne für sie relevante physische und psychische Belastungen anführt (z. B. Lärm), wird eine grundlegende Unzufriedenheit mit der empfundenen beruflichen und sozialen empfundenen Perspektivlosigkeit geschildert. In weiteren Interviewabschnitten desselben Falls fällt schließlich auf, dass sowohl von einer physischen als auch von einer psychischen Überforderung bei gleichzeitig geistiger bzw. intellektueller Unterforderung gesprochen wird. Deutlich wird dies etwa im Rahmen folgender Aussage einer Befragten:

„Eigentlich fühlst du dich immer unterfordert in deinem Job. Und das ist sehr stressig. Ja das ist anstrengend. Du bist total müde, wenn du nach Hause kommst und fühlst dich trotzdem unterfordert.“ (I_5, Abs. 68, ♀46-50)

Als „sehr stressig“ (ebd.) wird ein Gefühl der hohen Belastung bei gleichzeitiger Unterforderung beschrieben. Offensichtlich fühlt sich die Befragte durch die aus ihrer Sicht anspruchslose Tätigkeit belastet. Dass dieses Empfinden jedoch nicht als vorübergehender Stresszustand wahrgenommen wird, sondern mit intellektuellen Einschränkungen verbunden scheint, zeigt sich schließlich in einem letzten zitierten Interviewabschnitt. So beschreibt die Befragte im weiteren Verlauf ein damit einhergehendes Gefühl der Abstumpfung durch die Tätigkeit. Anhand der weiteren Thematisierung wird deutlich, dass nicht lediglich einzelne Faktoren – wie etwa der zeitliche Druck oder die emotionale Dissonanz – als Stress wahrgenommen werden, sondern insbesondere die permanente Unterforderung im Rahmen der Arbeitsinhalte:

Irgendwie verlierst du (1) dein Denken. Dein deine (.) ja deine Intelligenz (.) deine (.) Allgemeinbildung, weil du eigentlich nur noch dieses stupide dich auseinandersetzen mit diesen Personen also Problemen hast und du überhaupt kein Interesse mehr hast, wenn du nach Hause kommst, irgendwas anderes zu tun.“ (I_5, Abs. 42, ♀46-50)

Die abschließend zitierte Passage des befragten weiblichen Agents steht exemplarisch für die wahrgenommenen Folgen der ausgeführten CC-Tätigkeit. Offensichtlich bestehen für die Befragte direkte Erklärungszusammenhänge zwischen der aus ökonomischen Gründen ausgeführten CC-Tätigkeit und der daraus resultierenden grundlegenden Stresssituation. Die deskriptive Darstellung der Interviews zeigt diesbezüglich, dass sich die dem Typ D zugeteilten Passagen der befragten Frauen nicht etwa auf einzelne Vereinbarkeitsprobleme im Zuge einer Mehrfachbelastung durch familiäre und berufliche Anforderungen beziehen. Vielmehr wird in den hier dokumentierten Interviewpassagen die ökonomische und soziale Perspektivlosigkeit des „hängen bleibens“ (I_4, Abs. 14, ♀41-45) in den Mittelpunkt der Erzählung gestellt. Diese bildet sich in den hier herangezogenen Fällen vor dem Hintergrund der als stupide und sinnlos erlebten CCTätigkeit ab und hat darüber hinaus ebenfalls Auswirkungen auf außerberufliche Bereiche („[…] und du überhaupt kein Interesse mehr hast wenn du nach Hause kommst, irgendwas anders zu tun.“ ebd.).

Zwar wird die existenzielle Abhängigkeit von der CC-Tätigkeit und dem damit einhergehenden Stresszustand im Rahmen des Typs D überwiegend von Frauen thematisiert. Um jedoch die Vergleichsdimension Geschlecht in der qualitativen Auswertung diskutieren zu können, ist ebenso ein Blick auf die Ergebnisse der Interviews mit männlichen Alleinerziehenden erforderlich. Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass die dem Typus D zugeteilten Männer ihre familiäre Situation kaum in den Mittelpunkt der Erzählung stellen. Vielmehr begründen sie ihre Belastung fast ausschließlich im Rahmen der erlebten Handlungsund Leistungsunfähigkeit. Gleichwohl fällt anhand des folgenden Beispiels eines alleinerziehenden Vaters auf, dass die lebensweltlichen Anforderungen als zusätzliche Belastung zur CC-Tätigkeit wahrgenommen werden:

„Ich sag mal, ich fühl mich son bisschen ausgebrannt. Ich bin wie gesagt alleinerziehender Papa. Das war ne schwere Zeit gewesen (.) Trennung (2) ganz viel Druck von allen Seiten. Also ob das jetzt der Arbeitgeber war, aber auch Schule und Jugendamt undich sag mal (.) nicht die richtige Unterstützung, die mir (.) hätte zutage kommen können (.) müssen. Ich hab ja auch mit allem ziemlich alleine gestanden. Und ich bin jetzt aus dem Groben raus, aber ich ich merk halt, dass mein Akku leer ist.“ (I_15, Abs. 44, ♂51-55)

Aus dem Interviewausschnitt geht hervor, dass kumulativ zu den Anforderungen der CC-Tätigkeit weitere Belastungen dargestellt werden. Neben der „schweren Zeit“ (ebd.) als alleinerziehender Vater nennt der Befragte „Druck von allen Seiten“, der laut weiteren Ausführungen durch den Arbeitgeber, die Schule oder das Jugendamt resultiert. Gleichwohl fällt an der Formulierung der persönlichen Situation auf, dass der Befragte sich zu Beginn seiner Ausführungen – im Gegensatz zu den darauffolgenden Beschreibungen der Ursachen seiner Situation – relativierend ausdrückt („ich sag mal, ich fühl mich son bisschen ausgebrannt“ ebd.).

Die Darstellungsweise des alleinerziehenden Vaters im Rahmen dieses Typs zeigt, dass in der Bewertung der Entstehungsund Bewältigungsmuster von arbeitsbedingtem Stress eine differenzierte Beurteilung der Geschlechtsunterschiede erforderlich scheint. Obgleich die quantitative Anzahl der alleinerziehenden Frauen in CCn größer ist, wäre es falsch, spezifische Belastungen aus der Vereinbarkeit von Familie und Beruf abzuleiten. Ein Vergleich der Interviewpassagen von Frauen und Männern zeigt vielmehr, dass im Zuge des Ineinandergreifens von Arbeitsund Lebenswirklichkeiten unterschiedliche Thematisierungsschwerpunkte gesetzt werden. Während die dem Typ D zugeteilten Fälle weiblicher Agents in ihren Ausführungen die Zweckgebundenheit der CC-Tätigkeit als eine Ursache der erlebten arbeitsbedingten Stressoren beschreiben, verweist das Beispiel des alleinerziehenden Vaters explizit auf die Mehrfachbelastung durch außerberufliche Stressoren und die ausbleibende Unterstützung. Mit Hilfe der deskriptiv dargestellten Typologie gilt es nun, die Annahmen über Stressund Bewältigungsmuster von Frauen und Männern miteinander zu vergleichen und unter Bezugnahme auf den theoretischen und empirischen Rahmen zu diskutieren.

 
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