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8.1 Berufsbiographische Darstellungsweisen und Geschlecht

Um die Frage nach der Bedeutung klassischer Rollenzuschreibungen in Familie und Beruf für die Stressund Bewältigungsmuster (Unterfrage 1) [1] zu bearbeiten, ist zunächst ein Blick auf die berufsbiographischen Darstellungsweisen der befragten Frauen und Männer zentral. Aus den deskriptiven Ergebnissen geht hervor, dass ein Teil der interviewten Frauen die Aufnahme der CC-Tätigkeit vor dem Hintergrund einer Beziehungstrennung und damit einhergehenden existenziellen Nöten erklären. Die befragten Männer tendieren hingegen eher zu einer inhaltlich begründeten Darstellung ihrer Tätigkeit, indem sie eine bewusste Berufswahl in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen stellen. Obgleich auch bei den männlichen Befragten die Aufnahme der Tätigkeit zum Teil aufgrund eines objektiven Zwangs erfolgte – wie z. B. durch körperliche Einschränkungen oder saisonale Arbeitslosigkeit – wird sie dennoch keineswegs als plötzliches und schicksalhaftes Resultat einer Erkrankung dargestellt, sondern als geplante und eigenmächtige Entscheidung. Dieses Antwortmuster erklärt sich ggf. mit Blick auf die bereits in Kapitel 3 angeführte Aktualität traditioneller Leitbilder von Männlichkeit. So kommt Siegrist (2010) zu der Annahme, dass positive wie negative Aspekte der Erwerbsarbeit in der heutigen Gesellschaft Männer nach wie vor stärker tangieren als Frauen, da sie dem Beruf – im Vergleich zu anderen Lebensbereichen – eine höhere Wertigkeit beimessen. Diese resultiert sowohl aus Verpflichtungen des oftmaligen Hauptverdieners der Familie als auch aus normativen Erwartungen an die männliche Geschlechtsrolle. Letztere bestehe – so die Annahme – vor dem Hintergrund eines sozialen Statuserwerbs und der sozioökonomischen Existenzsicherung.

Gleichwohl wäre es verkürzt, die Erkenntnisse aus dem theoretischen Rahmen unhinterfragt zu übernehmen. Mit Blick auf die Formen des Gender-Bias (Kapitel 2) bestünde das Risiko einer Dichotomisierung, wenn die Darstellungsweisen der befragten Frauen und Männer den theoretischen Erkenntnissen lediglich auf Grundlage der Vergleichsdimension Geschlecht zugeteilt werden. Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Befragten zeigt sich, dass die berufsbiographischen Darstellungsweisen weiter auszudifferenzieren sind. Die Interviews geben ebenso Hinweise auf statusbezogene Aufnahmegründe der Tätigkeit, indem ein angehender Student die CC-Tätigkeit als „Übergang“ (I_14, Abs. 10, ♂18-25) und finanzielle Zwischenstation auf dem Weg in die spätere berufliche Karriere bezeichnet.

Darüber hinaus belegen Interviews mit weiblichen Agents, die eine Supervisionsfunktion innerhalb der CC-Tätigkeit ausüben, dass die Situation weniger vor dem Hintergrund der finanziellen Abhängigkeit als vielmehr durch berufsinhaltliche Motive begründet wird. So führen die befragten Frauen den nach der Kindererziehungszeit erfolgten Verbleib in der Tätigkeit auf ein inhaltliches Interesse und auf Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs zurück. Dass positive wie negative Aspekte der Erwerbsarbeit Männer stärker tangieren als Frauen (Siegrist, 2010), mag vor dem Hintergrund der quantitativen Ungleichverteilung von Hausund Familienarbeiten zunächst schlüssig erscheinen. Gleichwohl zeigt ein Teil der berufsbiographischen Darstellungsweisen befragter Frauen, dass die Ausübung der Tätigkeit nicht lediglich als ‚Mittel zum Zweck' angeführt wird, sondern ebenso berufsinhaltliche Motive vorliegen. Vor dem Hintergrund der in der Einleitung der Arbeit deutlich gewordenen Persistenz klassischer Rollenverteilungen in Familie und Beruf (Statistisches Bundesamt, 2014) ist im Folgenden die Frage zu beantworten, welche Bedeutung die Vereinbarkeitsanforderungen für die Darstellungsweise der Stressund Bewältigungsmuster einnehmen (Unterfrage 1).

  • [1] Siehe Kapitel 6.
 
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