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8.2.2 Stress als Prozess beruflicher und sozialer Perspektivlosigkeit

Wie sich in der Ergebnisdarstellung gezeigt hat, deuten die dem Typus D („Akutes Belastungsempfinden bei ausbleibender Bewältigung“) zugeteilten Interviewpassagen der befragten Mütter nicht etwa auf einzelne organisatorische Stressfaktoren in der Vereinbarkeit von Familie und CC-Tätigkeit. Vielmehr wird eine grundlegende Stressbelastung in einem Prozess beruflicher und sozialer Perspektivlosigkeit begründet, der aus der Tätigkeit resultiert. Anhand der deskriptiv dargestellten Ergebnisse wurde damit eindrücklich deutlich, dass die CC-Tätigkeit – die für die Befragten des Typus D vorrangig aus dem Zwang zur ökonomischen Absicherung aufgenommen wurde – als Drehund Angelpunkt der Stressbelastung gilt. Erfolgt eine Gegenüberstellung dieser Interviewpassagen mit den theoretischen Ausführungen zur CC-Tätigkeit, lassen sich Verknüpfungen zu der in Kapitel 5 erfolgten Dimensionalisierung prekärer Arbeit herstellen (Brinkmann et al., 2006). Auffallend ist zunächst, dass die Tätigkeit offensichtlich die monetären Bedürfnisse der Befragten nicht zu erfüllen vermag und damit als prekär im Sinne einer „reproduktiv materiellen Dimension“ (ebd., S. 18) wahrgenommen wird („Und ich verdiene gerade mal so viel, dass ich meine Rechnung bezahlen kann.“ I_5, Abs. 92, ♀46-50).

Gleichwohl hat eine Analyse der Interviews gezeigt, dass nicht lediglich die unzureichende Entlohnung als belastender Aspekt angeführt wird. Vielmehr wird von den befragten Frauen des Typus D zum einen die „arbeitsinhaltliche Dimension“ (Brinkmann et al., 2006, S. 18) in den Kontext des Stressgeschehens gestellt, indem ein Sinnverlust durch die Ausübung der CC-Tätigkeit formuliert wird. So haben die Ausführungen gezeigt, dass die Tätigkeit als permanente Unterforderung mit negativen Konsequenzen für die eigene Denkleistung empfunden wird (Irgendwie verlierst du (1) dein Denken. Dein deine (.) ja deine Intelligenz (.) deine (.) Allgemeinbildung.“ I_5, Abs. 42, ♀46-50). Zum anderen bestätigen die Befunde die von Brinkmann et al. (2006) angeführte Statusund Anerkennungsdimension prekärer Beschäftigung, die sich im Rahmen der Interviews exemplarisch anhand des oftmals formulierten „hängen bleibens“ (I_4, Abs. 14, ♀41-45) in der Tätigkeit abbildet. So verweisen die befragten Frauen auf einen negativen Ruf von CC-Unternehmen, der zu einer Dequalifizierung bisheriger Ausbildungsabschlüsse führt. Daraufhin stellt ein Teil der befragten Frauen des Typs D die daraus resultierende berufliche Perspektivlosigkeit in den Mittelpunkt der Erzählung („Ich kann nichts anderes tun als hier sitzen, ja weil ich nichts anderes bekomme.“ I_5, Abs. 92, ♀46-50).

Unklar bleibt an dieser Stelle jedoch der konkrete Bezug zur Bedeutung der Vergleichsdimension Geschlecht. Theoretische Anknüpfungspunkte ermöglichen die Ausführungen von Bird und Rieker (2008) (Kapitel 3.4). Im Rahmen des Constrained-Choice-Konzepts berücksichtigen die Autorinnen mit der Ebene

„Work and Family Level“ (ebd., S. 61) u. a. den Wandel klassischer Rollenverteilung. Dieser kennzeichnet sich ihnen zufolge durch eine Verstetigung familiärer Rollenanforderungen gegenüber Frauen bei gleichzeitiger Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeitsquote. Für die Erklärung der empirischen Befunde ließe sich daraus schlussfolgern, dass der aus Mehrfachbelastungen resultierende „total workload“ (Krantz et al., 2005, S. 209) einen zentralen Drehund Angelpunkt für die Deutung der Stressmuster bildet. Auf Grundlage der empirischen Befunde ergeben sich aus der Beschreibung der Konzeptebene allerdings inhaltliche Grenzen. So geht aus den Ergebnissen hervor, dass die dem Typus D zugeteilten Mütter keine einzelnen Stressfaktoren im Rahmen einer „double shift“ (Lorber & Moore, 2002, S. 29) benennen, die aus diversen Rollenanforderungen in Familie und Beruf resultieren. Vielmehr wird ein allgemeiner Stresszustand beschrieben, der aus einem ökonomischen Abhängigkeitsverhältnis entsteht, von dem insbesondere Frauen betroffen sind („Nun weil so ein Callcenter davon lebt (1), dass Frauen angewiesen sind auf diesen Job. Weil die meisten Frauen Kinder haben.“ I_5, Abs. 56, ♀46-50). Dieser Aspekt ist daher in den theoretischen Schlussfolgerungen erneut aufzugreifen, um Empfehlungen für eine Erweiterung des Constrained-Choice-Konzepts zu formulieren.

Der Transfer der überwiegend von Frauen formulierten Vereinbarkeitserfordernisse auf die Theorie zeigt, dass ein differenzierter Blick auf die Frage nach der Bedeutung klassischer Rollenzuschreibungen für die Stressund Bewältigungsmuster erforderlich ist. Die in diesem Abschnitt diskutierten Umgangsweisen belegen, dass kein spezifisch weibliches Belastungsmuster aus den wahrgenommenen Stressoren hervorgeht. Einerseits deuten die Ergebnisse darauf hin, dass für einen Teil der befragten Frauen nicht etwa die aus dem Vereinbarkeitsprozess resultierenden organisatorischen Anforderungen als belastend dargestellt werden, sondern die aufgrund der CC-Tätigkeit insgesamt als alternativlos wahrgenommene prekäre Situation. Andererseits hängt die Entstehung von arbeitsbedingtem Stress offensichtlich von den zur Verfügung stehenden außerberuflichen Unterstützungsmöglichkeiten ab. Insbesondere nimmt die Darstellungsweise von Ressourcen und Bewältigungsmöglichkeiten innerhalb der Typen A („Ressourcenorientierte Darstellung CC-spezifischer Anforderungen“) und B („Individualisierte Anpassung trotz erfahrener Stressbelastung“) eine zentrale Rolle für die beschäftigten Frauen und Männer ein. Aus diesem Grund sollen diese im Folgenden mit Blick auf die Bedeutung der Vergleichsdimension Geschlecht diskutiert werden.

 
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