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8.3 Ressourcenorientierung im Kontext divergierender Lebensund Arbeitswirklichkeiten

Die nachfolgenden Ausführungen zielen darauf ab, die in der Deskription herausgearbeiteten Geschlechtsunterschiede in den beruflichen und außerberuflichen Ausgleichspräferenzen zu deuten (Unterfrage 2). In der Deskription wurde in Typ A bereits eine tendenziell ressourcenbezogene Darstellung in den Interviews aufgezeigt. Generell ermöglicht die Diskussion salutogener[1]Umgangsweisen mit arbeitsbedingtem Stress in CCn, ein Kernanliegen der Gesundheitswissenschaften zu thematisieren, das für die Forschungsfrage dieser Arbeit zentral ist: Welche Faktoren sind ausschlaggebend dafür, dass gleiche oder ähnliche Arbeitsbedingungen subjektiv unterschiedlich bewertet werden?

Zunächst geht aus den Ergebnissen des Typs A hervor, dass Stress als ein subjektiver Prozess dargestellt wird. Dieser wird nicht als ein unbeeinflussbares Phänomen beschrieben, dem jede und jeder gleichermaßen ausgesetzt ist, sondern als zu bewältigender Faktor, der etwa von der Leistungserfüllung oder einer positiven Grundhaltung abhängt („Es kommt drauf an, mit welcher Einstellung man zur Arbeit geht.“ I_7, Abs. 70, ♀31-35). Die Interviewpassagen im Rahmen des Typus A lassen daher Bezüge auf die theoretischen Ausführungen zur transaktionalen Stresstheorie von Lazarus (1966) zu: Ob und in welchem Maße eine Situation von einer Person überhaupt als belastend empfunden wird, hänge davon ab, wie sie das eigene Wohlbefinden von der Situation beeinträchtigt sieht, und ferner, welche möglichen Ressourcen ihr zur Bewertung der Situation zur Verfügung stehen (ebd.). Dem Erkenntnisinteresse entsprechend stellt sich nun die Frage, welche Bedeutung die Vergleichsdimension Geschlecht in der Darstellung der Ressourcen einnimmt und worin sich die Unterschiede zwischen Frauen und Männern begründen.

Auf den ersten Blick zeigen die deskriptiven Ergebnisse, dass im Rahmen des Typus A sowohl Frauen als auch Männer eine Vielzahl von beruflichen und außerberuflichen Ressourcen zur Umgangsweise mit CC-spezifischen Anforderungen benennen. Diese beziehen sich zum einen auf betriebliche Merkmale und Faktoren wie die Leistungserfüllung in den Verkaufsanforderungen und die soziale Unterstützung am Arbeitsplatz. Zum anderen werden außerbetriebliche Ressourcen angeführt, die einen Ausgleich zu den Anforderungen der CC-Tätigkeit ermöglichen. Hierbei werden von Frauen und Männern gleichermaßen Ressourcen und Ausgleichsfaktoren wie Sport, soziale Unterstützung durch Familie, Freunde und Nachbarschaft, geistiger Ausgleich sowie ehrenamtliche Tätigkeiten thematisiert (vgl. Tab. 13 in Kapitel 7.1). In Anlehnung an die ressourcentheoretischen Überlegungen Hobfolls (1998) deuten sowohl die dem Typ A zugeteilten Darstellungen der interviewten Frauen als auch die der Männer auf ein hohes Maß an „proaktivem Coping“ (ebd., S. 147). So werden in den Interviews bewusste Strategien formuliert, um die zu erwartenden Stressoren zu bewältigen. Während jedoch Ausmaß und Intensität der formulierten Ressourcen auf keinerlei Geschlechtsunterschiede hinweisen, gehen aus den Darstellungsweisen unterschiedliche Präferenzmuster in Bezug auf subjektive Bewältigungsressourcen hervor. Nachfolgend sollen diese beruflichen (Kapitel 8.3.1) und außerberuflichen Befunde (Kapitel 8.3.2) interpretiert und theoretisch eingebettet werden.

  • [1] Mit dem Begriff salutogen soll beschrieben werden, dass es sich um eine ressourcenorientierte Darstellungsweise handelt, die aus Sicht der Befragten für die Umgangsweise mit wahrgenommenen Belastungen dienlich erscheint. Damit kann und soll in der Diskussion jedoch keine Bewertung von gesunden oder kranken Umgangsweisen erfolgen. Auf Grundlage der Selbstbeschreibung in qualitativen Interviews ist nicht abschließend beurteilbar, welche gesundheitlichen Konsequenzen sich aus dem jeweils dargestellten Bewältigungsverhalten ergeben.
 
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