Außerberufliche Stressprävention zwischen Funktionalität und persönlicher Erfüllung

In Bezug auf die Bedeutung außerberuflicher Ressourcen bei Frauen und Männern haben die Erkenntnisse durch das Constrained-Choice-Konzept nach Bird und Rieker (2008) bereits erste theoretische Impulse gesetzt. Wie in den Erläuterungen im Rahmen der Ebene Community Action deutlich wird, messen sie den aus der sozialen Infrastruktur resultierenden Ressourcen sowohl für das private als auch für das arbeitsplatzbezogene Umfeld eine wichtige Bedeutung bei. In den näheren Ausführungen verweisen die Autorinnen darauf, dass Frauen und Männer innerhalb ihrer Wohnumgebung unterschiedliche „coping styles“ (ebd., S. 126) entwickeln, die für gesundheitsrelevante Entscheidungen förderlich oder hinderlich sein können. Einschränkend offenbaren die Konzeptmerkmale des Constrained-Choice-Ansatzes jedoch Lücken bezüglich der Frage, worin sich umweltund umgebungsbezogene Aspekte bei Frauen und Männern unterscheiden (ebd.). Diesbezüglich erlauben die qualitativen Ergebnisse eine Ausdifferenzierung der außerberuflichen Bewältigungsmuster. Zunächst lässt eine Interpretation der dem Typus A zugeteilten Passagen der weiblichen Agents vermuten, dass außerberufliche Ressourcen eine höhere Relevanz für die befragten Frauen einnehmen. Zwar werden zahlreiche Ausgleichsfaktoren – bestehend aus sozialem Netzwerk, Sport, ehrenamtlichem Engagement sowie ein geistiger und kreativer Ausgleich – sowohl von Frauen als auch von Männern angeführt. Allerdings verweisen die deskriptiven Ergebnisse auf unterschiedliche Ausgleichspräferenzen im außerberuflichen Kontext. Während die Aussagen der männlichen Agents auf eine zweckrationale Nutzung des sportlichen Ausgleichs deuten (fit für die Tätigkeit, Typ A), beziehen sich die weiblichen Befragten auf die selbsterfüllende Funktion sozialer, psychischer und physischer Aktivitäten. Daraus ist jedoch nicht direkt zu schließen, dass Frauen in der Bewältigung der Stressbelastungen geeignetere Bedingungen zur Verfügung stehen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die genannten Ressourcen der männlichen Befragten anders fokussiert sind, indem sie sich prioritär auf die Erwerbsarbeit beziehen.

Eine weitergehende Diskussion dieser Befunde bieten die Ausführungen von Faltermaier (2005) im Rahmen des Zusammenhangs von Geschlechtsrollen und Gesundheitsverhalten (Kapitel 3.3.2). Er geht davon aus, dass das Thema Gesundheit bei beiden Geschlechtergruppen positiv konnotiert ist. Allerdings stellten Männer stärker die körperliche Ebene und die Leistungsund Funktionsfähigkeit in den Mittelpunkt ihres subjektiven Präferenzsystems und verständen Gesundheit damit als ‚Mittel zum Zweck' (ebd.). Möglicherweise bildet sich dieses geschlechtsrollenspezifische Gesundheitsverhalten ebenfalls in der Darstellungsweise von Ausgleichspräferenzen bei Frauen und Männern ab. Eine empirische Verknüpfung ermöglichen die in Kapitel 8.1 diskutierten berufsbiographischen Darstellungsweisen. So lässt sich die von Frauen formulierte stärkere Priorität auf außerberufliche Aktivitäten und Netzwerke als Form der physischen und psychosozialen Selbstfürsorge vor dem Hintergrund der berufsbiographischen Motivation der Tätigkeitsausübung deuten. Da die weiblichen Befragten überwiegend ein zweckrationales Verhältnis zu ihrer Tätigkeit beschreiben, sind Ausgleichsfaktoren weniger zur arbeitsplatzspezifischen Stressbewältigung bestimmt („Ich tu das für mich und ich brauch das auch.“ I_11, Abs. 48, ♀4145). Vielmehr werden sie in Bezug auf die Gestaltung der eigenen Lebensideale formuliert, in denen Erwerbsarbeit für einen Teil der befragten Frauen eine untergeordnete Rolle einnimmt. Demgegenüber hat sich in den deskriptiven Ausführungen gezeigt, dass Männer ihre Tätigkeit stärker vor dem Hintergrund einer beruflich entwickelten Identität begründen. Ein Ausgleich außerhalb des Berufs wird dann konsequenterweise als funktional im Sinne einer Regeneration oder Erhaltung der Arbeitskraft dargestellt („dann macht mir auch der Psychostress nicht mehr so viel aus.“ I_23, Abs. 35, ♂41-45).

In Abgrenzung zu den Thematisierungsmustern im Kontext des ausschließlich ressourcenorientierten Typus A wurden subjektive Bewältigungsressourcen in Form von sozialer Unterstützung ebenso in Konflikt mit den Arbeitsbedingungen angeführt, die als belastend empfunden werden. Diese wurden in der Deskription innerhalb des Typs C („Selbstbestimmung über Lebensund Arbeitsentwürfe im Konflikt mit Stressoren“) abgebildet und sollen nachfolgend in einem gesonderten Kapitel diskutiert werden. Dadurch ist es möglich, die Bedeutung sozialer Unterstützung als Stressbewältigungsmuster vor dem Hintergrund der Vergleichsdimension Geschlecht zu diskutieren (Unterfrage 3).

 
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