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8.4 Prosoziales Stressbewältigungsverhalten und Geschlecht

Kollegialität und soziale Unterstützung wurden im betrieblichen Kontext ebenso als ein Gegenpol zum fremdbestimmten Arbeitsalltag herausgearbeitet, der innerhalb des Typus C sowohl für Frauen als auch für Männer eine zentrale Bedeutung einnimmt. Hier zeigt sich, dass ein Teil der männlichen Befragten – entgegen der Diskussion in Kapitel 8.3.1 – weniger das fachliche Erfahrungswissen in den Mittelpunkt der kollegialen Unterstützung stellt. Vielmehr erfolgt durch die befragten Männer innerhalb dieses Typs ein deutlicher Bezug auf emotionale Unterstützung. Eine theoretische Einbettung dieses Bewältigungsmusters ermöglichen zunächst die Ausführungen von Hobfoll (1998). So greift dieser in der Theorie zur Ressourcenerhaltung die soziale Umwelt als integralen Teil des Bewältigungsprozesses auf und bezieht sich direkt auf den Aspekt der sozialen Unterstützung. Hierbei führt er den Begriff des „Prosozialen Coping“ (Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 19) an, der die Suche nach sozialer Unterstützung („seeking social support“) meint, indem „Koalitionen oder Teams mit anderen“ (ebd.) gebildet werden („social joining“). Die Theorie ermöglicht, dass der Arbeitsplatz als „soziales Umfeld“ (ebd.) mit einbezogen wird und dadurch Ressourcen für die Verarbeitung von Stressbelastungen systematisch berücksichtigt werden können.

Allerdings lassen die Annahmen Hobfolls (1998) im theoretischen Rahmen keine direkten Rückschlüsse darauf zu, welche Bedeutung die Vergleichsdimension Geschlecht in der Thematisierung von sozialer Unterstützung einnimmt. Aus den empirischen Ergebnissen der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2012 geht hervor, dass Männer weniger darunter leiden, wenn sie an ihrem Arbeitsplatz keine soziale Unterstützung erhalten (BAuA, 2013c) (Kapitel 3.2.4). Der quantitativen Datenlage zufolge nimmt der Aspekt der sozialen Unterstützung für Männer eine geringere Bedeutung ein. Unter Berücksichtigung der deskriptiven Ergebnisse ergibt sich jedoch eine Ausdifferenzierung der unterschiedlichen Positionierung von Frauen und Männern. So wird die Beschaffenheit und Funktion der arbeitsplatzbezogenen, sozialen Netzwerke offensichtlich unterschiedlich bewertet. Während die dem Typus C zugeteilten weiblichen Agents soziale Unterstützung als existenznotwendige Hilfe beschreiben, verstehen sich die zugeteilten Befragten aus der Gruppe der Männer als Schlüsselpersonen zur Herstellung und zum Schutz von Kollegialität und sozialer Unterstützung. Vor diesem Interpretationshintergrund wäre es falsch zu schlussfolgern, dass Männer in der Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress weniger auf soziale Unterstützung zurückgreifen oder in geringerem Maße davon profitieren. Vielmehr ist der Blick auf die unterschiedlichen Rollen und Positionierungen zu richten, die Frauen und Männer bei der Nutzung und Herstellung von sozialer Unterstützung einnehmen.

Zur Erklärung unterschiedlicher Rollen dient die von Hobfoll und Buchwald (2004) vorgenommene Ausdifferenzierung prosozialer Coping-Strategien. Ihnen zufolge ist im Rahmen der Suche nach sozialer Unterstützung sowohl ein aggressives („aggressive action“ ebd., S. 19) als auch ein vorsichtiges Aktivitätsniveau möglich („cautious action“ ebd.). Während das aggressiv-prosoziale Handeln durch ein selbstbehauptendes Verhalten gekennzeichnet sei, beschreibt das vorsichtige Handeln die Tendenz, „sich in andere einzufühlen, ihre Nöte zu respektieren und ihnen die Gelegenheit zu geben, sich zu äußern, anstatt sie zu übergehen“ (ebd.). Auf Grundlage dieser theoretischen Ausführungen könnte die Schlussfolgerung formuliert werden, dass die befragten Frauen im Rahmen ihrer CC-Tätigkeit zu einem vorsichtigen und sensiblen Handeln tendieren, das die Bedürfnisse und Probleme der KollegInnen berücksichtigt („wenn der eine Probleme hat, geht er zum anderen und erzählt ihm auch davon.“ I_13, Abs. 34, ♀51-55). Demgegenüber entsprechen die Darstellungsweisen der Männer einem aktiven, prosozialen Verhalten, da hier Kollegialität aggressiv eingefordert wird. In diesem Rahmen positionieren sich die befragten Männer kritisch gegenüber der technisierten Arbeitsvorgänge, die eine Interaktion innerhalb des Teams einschränken.

Bei näherem Blick auf die deskriptiven Ergebnisse zeigt sich jedoch, dass diese Annahme aus zweierlei Perspektive diskutiert werden kann: Zum einen zeigen die Interviews, dass die befragten männlichen Agents die Arbeitsbedingungen, die aus ihrer Sicht zu einer Verhinderung der Kommunikation innerhalb des Teams führen, kritisieren („Hier wird man überwacht ohne Ende. […] teammäßig ist da jetzt an für sich auch nichts mehr. (.) es zerbricht alles.“ I_16, Abs. 12, ♂46-50). Kollegialität wird daraufhin aktiv eingefordert und als konstitutiver Bestandteil einer menschlichen Tätigkeit betrachtet (I_22, Abs. 30, ♂5660). Dementsprechend könnte diese Verhaltensweise im Sinne des multiaxialen Copingmodells einerseits als aktiv-prosozial interpretiert werden. Gleichwohl zeigen die Ergebnisse, dass die eigene Befindlichkeit nicht von einem Zugewinn an Kollegialität abhängig gemacht wird („Ich geh damit um.“ I_16, Abs. 28, ♂46-50). Die befragten Männer verstehen sich weniger als Nutznießer sozialer Unterstützung, sondern vielmehr als Schlüsselpersonen zur Herstellung und zum Schutz von Kollegialität. Aus dieser Perspektive ließe sich andererseits ein eher passiv-prosoziales Verhaltensmuster schließen. Hingegen zeigen die Befunde der befragten Frauen im Rahmen des Typus C, dass der kollegiale Austausch als existenzielle Bedingung zur Ausführung der Tätigkeit verstanden wird, sodass daraus ein deutliches aktives prosoziales Bewältigungsverhalten geschlossen werden kann („Weil wie gesagt, wir haben diese Arbeit diesen Stress und (.) ja wir müssen uns auch einfach austauschen können bei dieser Arbeit, sonst sind wir verloren.“ I_13, Abs. 34, ♀56-60).

Eine Gegenüberstellung der Entstehungsund Bewältigungsmuster von arbeitsbedingtem Stress mit den jeweiligen subjektiven und strukturellen Rahmenbedingungen der befragten Frauen und Männer zeigt jedoch, dass eine vorschnelle Abbildung von explizit weiblichen und männlichen Darstellungsweisen verkürzt ist. Vor dem Hintergrund der Formen des Gender-Bias besteht hierbei das Risiko einer Geschlechtsstereotypisierung. Diese begründet sich im vorliegenden Beispiel darin, dass Charaktereigenschaften – wie Rationalität und Emotionalität – geschlechtsspezifisch zugeschrieben werden, ohne die jeweils relevanten Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, die für eine Erklärung der Darstellungsweisen von Bedeutung sind (Dekontextualisierung). Die Befunde deuten offensichtlich auf unterschiedliche Darstellungsweisen in der Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress in der CC-Tätigkeit, die neben der Vergleichsdimension Geschlecht ebenso vor dem Hintergrund der Funktion im betrieblichen Kontext auszudifferenzieren sind. Möglicherweise führt die Rolle als gewerkschaftliche Vertrauensperson zu einer spezifischen Form der Positionierung in Bezug auf den kollegialen Austausch. So inszeniert sich ein Teil der befragten Männer des Typs C qua ihrer Rolle der betrieblichen Interessensvertretung als Schlüsselperson zur Herstellung sozialer Unterstützung.

In einem Vergleich der Typen untereinander fällt zudem auf, dass nicht nur die befragten männlichen Agents – wie in Typ C herausgestellt – eine ausgleichende Funktion gegenüber ihren KollegInnen einnehmen. Vielmehr belegen die Befunde des Typs B ebenso eine Übernahme von moderierender Stressprävention durch die interviewten Frauen: „Ich sag dann immer ‚schalt dich mal 5 Minuten raus geh mal zum Klöchen und […] dann ist alles wieder n bisschen ruhiger'" (I_4, Abs. 95, ♀41-45). In der deskriptiven Ergebnisdarstellung wurde anhand dieses Beispiels die Annahme formuliert, dass die Thematisierung von der betrieblichen Funktion als Supervisorin bestimmt wird. So kommt diesen aufgrund ihres Tätigkeitsprofils die Aufgabe zu, innerhalb des Teams möglichen Stressbelastungen entgegen zu wirken. Unter Berücksichtigung der Kontrastierungsmerkmale wird insgesamt deutlich, dass die hier diskutierten Ergebnisse keinem Geschlechterdualismus im Sinne eines männlichen oder weiblichen Bewältigungsmusters von arbeitsbedingtem Stress entsprechen. Vielmehr variieren Funktion und Rolle der formulierten Bewältigungsmuster auch innerhalb der Gruppe der Frauen und Männer und führen zu divergierenden Darstellungsweisen und Positionierungen. Dies wird insbesondere dann deutlich, wenn weitere Vergleichsdimensionen – wie die gewerkschaftliche Funktion oder berufliche Motive und die damit einhergehenden Aufstiegsinteressen – in die Interpretation eingehen.

Neben den zum Teil CC-unspezifischen Entstehungsund Bewältigungsmustern von arbeitsbedingtem Stress, konnten im Rahmen der Deskription ebenso Darstellungsweisen zusammengetragen werden, die sich auf konkrete inhaltliche und organisatorische Rahmenbedingungen des Arbeitsplatzes beziehen. Diese sollen in einem letzten Abschnitt mit Blick auf die theoretischen Implikationen diskutiert werden.

 
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