Subjektive Folgen der Handlungsund Leistungsunfähigkeit

Während die dem Typus C zugeteilten Fälle noch konkrete Bewältigungsstrategien formulieren, um innerhalb des vorstrukturierten Arbeitsalltags selbstbestimmt zu handeln, zeigt sich im Rahmen der Fallpassagen des Typus D, dass die erlebte Handlungsunfähigkeit intensiv und folgenschwer beschrieben wird („Man ist ja getaktet.“ I_2, Abs. 38, ♀46-50; „Akkordarbeiter am Fließband, nur eben mit dem Kopf.“ I_10, Abs. 27, ♂41-45). Eine Berücksichtigung der Vergleichsdimension Geschlecht hat im Rahmen der Deskription gezeigt, dass sich zwar die Tätigkeitswahrnehmung zwischen Frauen und Männern gleichen, jedoch offensichtlich Geschlechtsunterschiede in der Umgangsweise mit der erlebten Handlungsund Leistungsunfähigkeit bestehen. So werden die körperlichen und psychischen Folgen von den zugeteilten männlichen Befragten des Typus D besonders folgenschwer beschrieben. („Ich schaff´s nicht mehr. Da bin ich komplett mit durch. […] der Akku ist einfach leer.“ I_15, Abs. 85, ♂51-55). Eine theoretische Verankerung der Darstellungsweise bieten Erklärungsansätze der Männergesundheitsforschung. Wie bereits in Kapitel 3 zusammengefasst führt Courtenay (2011) rollenbezogene Anforderungen („role strain“ ebd., S. 29) für die Begründung von Geschlechtsunterschieden an. Diese können entstehen, wenn die an die männliche Rolle gerichteten Erwartungen der Gesellschaft und des familiären bzw. sozialen Umfeldes nicht erfüllt werden. Folglich entstehen Stressbelastungen mit gesundheitlichen Folgen – so Courtenay (2011) – aus dem Gefühl, dieser Rolle nicht gerecht zu werden.

Die These eines Zusammenhangs von Geschlechtsrolle und Gesundheitsverhalten – die bereits mit Bezug auf Faltermaier (2004) in Kapitel 8.3.2 angeführt wurde – irritiert jedoch vor dem Hintergrund der qualitativen Ergebnisse des Typus D. Hier deuten die Befunde darauf hin, dass weniger die Funktionsunfähigkeit innerhalb der CC-Tätigkeit betont wird, als vielmehr der Verlust der persönlichen, individuellen Handlungsfähigkeit im privaten Kontext. Die Passagen zeigen, dass insbesondere die Zeit außerhalb der Erwerbsarbeit durch die erlebte Funktionsunfähigkeit als beeinträchtigt wahrgenommen wird. Beispielsweise führt ein männlicher Befragter Belastungen darauf zurück, dass es ihm schwer falle, die Wohnung zu renovieren, obwohl er „eigentlich so´n Bastler [sei], der sich hinstellen kann und machen kann“ (I_15, Abs. 85, ♂51-55). Zwar wird die CC-Tätigkeit als Ausgangspunkt der erlebten Stressbelastung beschrieben. Gleichwohl erfüllt diese offensichtlich nicht mehr eine zentrale sinnstiftende Funktion. Im Zuge dessen berufen sich die befragten Männer auf keine bewussten Ressourcen. Vielmehr zeigen die Darstellungen, dass für den nötigen Ausgleich Strategien entwickelt werden, die zwar einerseits als gesundheitlich kritisch oder moralisch verwerflich gelten (Medikalisierung, unbegründete Fehlzeiten: „bin ich halt krank (.) Punkt.“ I_15, Abs. 78, ♂51-55). Andererseits stehen sie für die Rückgewinnung subjektiver Handlungsfähigkeit über die als fremdbestimmt erlebte CC-Tätigkeit. So stellen sie für die Befragten möglicherweise einen selbstgewählten Ausweg dar, der den Verlust der Kontrolle über die eigene Person kompensiert.

Zum Abschluss des Kapitels verweisen die vorangestellten Ausführungen damit auf Widersprüche zwischen den vorliegenden Ergebnissen und den theoretischen Erklärungsansätzen: Dass negative Aspekte der Erwerbsarbeit in der heutigen Gesellschaft Männer stärker als Frauen beeinträchtigen, da sie dem Beruf – im Vergleich zu anderen Lebensbereichen – aufgrund ihrer gesellschaftlich zugeschriebenen Rolle eine höhere Wertigkeit beimessen (Siegrist, 2010), kann mit Blick auf die Befunde nicht bestätigt werden. Die durch die Typologie abgebildeten Darstellungsweisen der männlichen Agents des Typus D zeigen vielmehr, dass Verluste und Gewinne von Handlungsund Leistungsfähigkeit vorwiegend außerhalb des Arbeitsplatzes verortet werden und damit arbeitsplatzbezogene Folgen – wie z. B. der Rückgang der Verkaufszahlen – an Bedeutung verlieren. Demgegenüber hat die Diskussion der Befunde in Kapitel 8.2 gezeigt, dass die befragten Frauen desselben Typus die aus der beruflichen Perspektivlosigkeit resultierenden Belastungen in den Mittelpunkt der Erzählung stellen. Bevor diese und weitere Aspekte für eine Erweiterung der Theorie sowie für eine Übertragung auf die Praxis zusammengefasst und näher ausgeführt werden, erfolgt eine Reflektion des Erhebungsund Auswertungsprozesses.

 
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