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9.3 Die Dimension Geschlecht als Herausforderung für die Zusammensetzung und Auswahl der Fälle

Der Einzelfall wird für die qualitative Forschung erst interessant, wenn er für etwas steht und etwas repräsentiert (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2008). Im Forschungsprozess spielte demnach der kontrastierende Vergleich der erhobenen Fälle eine entscheidende Rolle für die erfolgte Typenbildung. Bereits bei der Auswahl der Fälle sowie der Dimensionalisierung der Kategorien werden die Richtung der Ergebnisse und ihre Verallgemeinerung mit beeinflusst (Steinke, 2008). So muss im Rahmen der Fallauswahl betont werden, dass sich die Rekrutierung der Befragten an den Zusagen und Möglichkeiten der angefragten Agents orientierte. Schließlich konnten nur diejenigen Fälle in die Auswertung eingehen, die sich für ein Interview zur Verfügung stellten. Wie bereits im methodischen Vorgehen deutlich wurde, erklärten sich im Rahmen der Befragung des Dienstleistungs-CCs lediglich 11 von 200 Beschäftigten bereit, von ihrer Arbeitssituation zu berichten. Aufgrund des betrieblichen Feldzugangs ist davon auszugehen, dass die Befragten einer spezifischen Personengruppe entsprechen. So sind Mut, Extrovertiertheit, Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit oftmals Gründe, warum Befragte sich trauen, ihre Arbeitsund gegebenenfalls Lebenssituation Fremden gegenüber zu offenbaren.

Neben allgemeinen Herausforderungen im betrieblichen Feld bestand die Schwierigkeit im vorliegenden methodischen Design darin, gleiche Anteile von Frauen und Männern in die Auswertung mit einzubeziehen. Hier wurde in fast allen Erhebungskontexten deutlich, dass Männer im Vergleich zu Frauen seltener bereit waren, an einer Befragung teilzunehmen. Zwar ist dies unter anderem auch mit der im theoretischen Teil der Arbeit beschriebenen horizontalen Segregation im Tätigkeitsfeld der CC zu begründen. Gleichwohl ist davon auszugehen, dass Männer aufgrund des bereits beschriebenen Health-Reporting-Behaviors seltener bereit sind, Belastungen zu thematisieren. Um das für die Differenzierung der Stressentstehungsund Bewältigungsmuster nötige Verhältnis von Frauen und Männern zu erhalten, wurden im späteren Verlauf der Erhebung Schlüsselpersonen – wie der Betriebsrat – oder bereits interviewte Männer explizit darum gebeten, männliche Probanden zu vermitteln. Dies führte allerdings dazu, dass ein großer Teil der in der Studie eingeschlossenen männlichen Probanden als betriebliche Interessenvertretung (Vertrauensperson oder Mitglied im Betriebsrat) engagiert waren, ohne dabei eine adäquate weibliche Vergleichsgruppe befragt zu haben. Zunächst erwies sich dies als Vorteil, da es durch die Berücksichtigung unterschiedlicher betrieblicher Rollen möglich war, auch innerhalb der Gruppe der Männer Kontrastierungen vorzunehmen. Gleichwohl war davon auszugehen, dass der subjektive Hintergrund die Darstellung der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress in spezifischer Weise prägt. So nahm in den Ergebnissen der Aspekt der Kollegialität und sozialen Unterstützung insbesondere bei den gewerkschaftlich assoziierten Agents eine zentrale Bedeutung ein.

Darüber hinaus fiel in der Fallauswahl auf, dass sich – auch auf Nachfrage – nur wenige Frauen oder Männer mit Kindern im betreuungsbedürftigen Alter (unter 12 Jahren) für ein Interview bereit erklärten. Dies war relevant, weil im empirischen Stand der Forschung spezifische Anforderungen insbesondere von alleinerziehenden Frauen formuliert werden, denen in der Erhebung eine besondere Aufmerksamkeit gezollt werden sollte. Hier ist anzunehmen, dass gerade aufgrund dieser hohen Anforderungen keine zeitlichen Ressourcen für die Teilnahme an den Interviews zur Verfügung standen. Aus diesem Grund beziehen sich die Entstehungsund Bewältigungsmuster von arbeitsbedingtem Stress vor dem Hintergrund der Vereinbarkeitsanforderungen von Familie und Beruf zum Teil auf die Wahrnehmung zurückliegender Erfahrungen und bilden daher nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Hier sind perspektivisch weitere Studien erforderlich, die einen geeigneten methodischen Zugang für die Durchführung von qualitativen Interviews ermöglichen. Für zukünftige Forschungsdesigns wäre eine Fallauswahl denkbar, die sich beispielsweise an Elterncafés oder anderen pädagogischen Einrichtungen orientiert.

 
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