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9.4 Fallkontrastierung – Erfahrungen im Rahmen geschlechtsreflektierender Typenbildung

Neben der Zusammensetzung des Samples ergaben sich im Vergleich der Fälle für die Typenbildung Auffälligkeiten, die eine methodische Reflektion erfordern. Zunächst lassen sich diese auf Grundlage des konzeptionellen Rahmens der Arbeit ableiten. Sowohl in der Darstellung des theoretischen und empirischen Stands der Forschung als auch in der Beschreibung der Methodik wurde darauf hingewiesen, dass eine bipolare Zuschreibung der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress bei Frauen und Männern eine Geschlechtsdichotomie begünstigt. Gleichwohl erfolgte im späteren Verlauf der Typenbildung mit Hilfe der Software MAX QDA eine Zuteilung von Codes in die Kategorien Frau und Mann, um einen Vergleich von Passagen zu ermöglichen. Hier wurde in der Planung und Durchführung der Auswertung deutlich, dass eine Zuweisung der Textpassagen auf alleiniger Basis von Geschlecht stereotypisierende Annahmen begünstigt.

Eine methodische Abhilfe ermöglichte schließlich das Darstellungsverfahren der Typenbildung nach Kelle und Kluge (2010). Indem innerhalb der dargestellten vier Typen unterschiedliche Stressund Bewältigungsmuster von weiblichen und männlichen Agents herausgearbeitet wurden, konnte eine stereotypisierende Zuschreibung vermieden werden. Dies spiegelte sich insbesondere in dem Verfahren der allgemeinen Aufbereitung der Typen wider. So bezogen sich die Typen A-D nicht auf einzelne idealtypische Interviewpersonen, sondern auf eine Zusammenfassung der herausgearbeiteten Muster verschiedener Fälle. Ziel war es zum einen, Elemente zu benennen, die innerhalb eines Typs möglichst ähnlich waren. Zum anderen sollten sich die Typen im jeweiligen Vergleich voneinander unterscheiden. Ausgangspunkt interner Homogenität und externer Heterogenität war demnach nicht die bipolare Unterscheidung von Frauen und Männern, sondern die jeweiligen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Stressund Bewältigungsmuster.

Als Drehund Angelpunkt dieser geschlechtsreflektierenden Herangehensweise diente eine Kontrastierung der Rahmenbedingungen auf Basis interner und externer Vergleichsdimensionen (Kapitel 7.3.1), die in die spätere Typenbildung eingingen. So wurde zum einen der unterschiedliche Feldzugang in der Kontrastierung berücksichtigt, indem die Interviewaussagen der Befragten aus den verschiedenen Erhebungskontexten der Geschäftsführung, der betrieblichen Interessensvertretung und des Zeitungsinserats verglichen wurden. Zum anderen wurden personenspezifische Charakteristika, wie der Studierendenund Alleinerziehendenstatus sowie die jeweilige Funktion im betrieblichen Kontext (Agent/Supervisorin) berücksichtigt. Dadurch war es möglich, die Vergleichsdimension Geschlecht vor dem Hintergrund unterschiedlicher Rollen zu analysieren und herauszuarbeiten, an welcher Stelle Geschlechtsunterschiede vorliegen und wann ggf. andere Merkmale die Darstellungsweisen prägen. Um ein Beispiel anzuführen: Eine Auswertung der Stressund Bewältigungsmuster ohne Einbezug der Motivation zur Tätigkeitsaufnahme hätte womöglich dazu geführt, die distanzierten und theoretisierten Ausführungen in Bezug auf Stress als männliche Darstellungsweise zu interpretieren („So richtig den Stress hat ich jetzt noch nicht.“ I_14, Abs. 33, ♂18-25). Bedeutend erschien hierbei jedoch, die Unterschiede auch innerhalb der Kategorie Mann miteinander zu vergleichen. So konnten der studentische Hintergrund und die daraus resultierende Gewissheit, die CC-Tätigkeit lediglich als Übergang und Zwischenstation auszuführen, als weiterer Erklärungsansatz formuliert werden. Ebenso hat sich in der Diskussion der Vereinbarkeitsanforderungen in Familie und Beruf gezeigt, dass keine spezifisch weibliche Umgangsweise mit dem in der Literatur angeführten „total workload“ (Lindfors et al., 2006, S. 131) vorliegt. Als aufschlussreich erwies sich schließlich ein Vergleich der vorhandenen Bedingungsressourcen, die sich etwa in der außerberuflichen sozialen Unterstützung widerspiegelten („Das geht nur, wenn die Omas mitspielen.“ I_6, Abs. 58, ♀45-50). Im Verlauf der Deskription und Interpretation der Typologie war es dadurch möglich, die Vergleichsdimension Geschlecht auszudifferenzieren.

 
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