< Zurück   INHALT   Weiter >

9.5 Zum Umgang mit Stressund Geschlechtertheorien im EmpirieTheorie-Transfer

In der methodischen Auseinandersetzung im Rahmen der qualitativen Forschung wird darauf hingewiesen, nicht vorschnell theoretische Kategorien in die Auswertung einzubeziehen (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2008; Kruse, 2011). So wurde bereits in der Planung des Forschungsdesigns überlegt, wie in der Ergebnisdiskussion mit vorher gefasstem theoretischen Wissen – insbesondere bezogen auf Theorien der Geschlechter-, Stressund Bewältigungsforschung – umgegangen werden kann. Da der theoretische Rahmen während und im Anschluss an die empirische Erhebung zusammengestellt wurde, sollte in der Strukturierung der Methodik zunächst eine Trennung der Vorannahmen erfolgen. Durch die deskriptiv dargestellte Typenbildung konnten schließlich vorerst Ergebnisse induktiv aus dem Datenmaterial herausgearbeitet werden, ehe diese im Rahmen der Diskussion auf die Theorie übertragen wurden. Um die Aussagekraft der in Kapitel 8 erfolgten Diskussion zu reflektierten, ist ein erneuter Bezug zur Auswahl der für die Forschungsfrage relevanten Theorien erforderlich. Kelle und Kluge (2010) orientieren sich hierbei an der Frage, wie das theoretische Wissen strukturiert ist und wie es für die Ergebnisdiskussion genutzt werden kann. Zur Einordnung des erfolgten Empirie-Theorie-Transfers sind die Implikationen von Treibel (2006) erkenntnisreich, die die Aussagekraft von Theorien auf Mikround Makroebene differenziert. Während Makroansätze sich auf „grundlegende Funktionsprinzipien der Gesamtgesellschaft“ (ebd., S. 15) beziehen und einen allgemeinen Rahmen zur Interpretation bieten, orientieren sich Mikroansätze an Verhaltensweisen und Handlungen einzelner Individuen.

In Kapitel 2 wurden zunächst Theorien auf Makro-Ebene rezipiert, die Geschlecht als allgemeinen hierarchischen Ordnungsfaktor moderner Gesellschaften beschreiben, ohne Erklärungsansätze über rollenspezifische Verhaltensweisen zu berücksichtigen (z. B. Sabo & Gordon, 1995). Dadurch war es in der Ergebnisdiskussion möglich, Aussagen im Rahmen der Vereinbarkeitsanforderungen vor dem Hintergrund der ungleichen Verteilung von Hausund Familienarbeit zu bewerten. Beispielsweise zeigte die Diskussion der Bedeutung der CCTätigkeit für die befragten Frauen, dass die Berufswahl zwar in erster Linie aus Gründen der Flexibilität erfolgte. Gleichwohl berichtete ein Teil der befragten Frauen von einem grundlegenden Stresszustand, der aus einer permanenten Abhängigkeit von der Tätigkeit resultierte. Hierbei zeigten schließlich die Bezüge zur Dimensionalisierung prekärer Arbeit, dass das von einem Teil der befragten Frauen formulierte „hängen bleiben“ (I_4, Abs. 14, ♀41-45) in der Tätigkeit als arbeitsinhaltliche Perspektivlosigkeit interpretiert werden kann.

Darüber hinaus wurde zu Beginn des Forschungsprozesses mit dem DoingGender-Konzept eine Theorie herangezogen, die die Bedeutung von Geschlecht als soziale Konstruktion erklären sollte. Unklar war hierbei jedoch, ob und inwiefern sich dieses Konzept überhaupt in die qualitative Interviewforschung übertragen lässt, da sich die Herund Darstellung von Geschlecht stets in einem interaktiven Prozess äußert, der durch die Interviewsituation nur unzureichend gegeben ist. Hierzu wäre eine ethnographische Studie erforderlich, die in Form einer teilnehmenden Beobachtung die Kommunikation zwischen den AkteurInnen untersucht. Zudem wurde in den theoretischen Ausführungen deutlich, dass das Konzept lediglich der allgemeinen Orientierung in Bezug auf die soziale Konstruktion von Geschlecht dient, sodass Leitlinien fehlten, die die Umstände und Merkmale des Interaktionsprozesses genauer beschreiben (Ridgeway & Smith-Lovin, 2006). Vor dem Hintergrund der Übertragung des Konzepts auf die eigene Forschungsfrage nach den Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress erschien diese Kritik nachvollziehbar, da sich eine Übertragung auf die empirischen Ergebnisse als unergiebig herausstellte.

Anknüpfungspunkte zur Diskussion der Ergebnisse ermöglichten hingegen die Theorie der Ressourcenerhaltung sowie das Constrained-Choice-Konzept. Zum einen ist dies darauf zurückzuführen, dass die für die Beantwortung der Forschungsfrage zentralen Theoriebausteine auf die Erklärung von Verhaltensweisen, Handlungen und Entscheidungsprozessen einzelner Individuen auf der Mikro-Ebene zielen. Zum anderen stellten die Ansätze das nötige theoretische Handwerkszeug bereit, um sowohl arbeitsplatzspezifische Merkmale der CCTätigkeit einzubeziehen als auch Rahmenbedingungen der Lebenswirklichkeiten zu berücksichtigen. Diesbezüglich war es schließlich möglich, männliche und weibliche Entstehungsund Bewältigungsmuster auf den Ebenen Arbeit, Familie und Wohnumfeld zu diskutieren, um Geschlecht nicht lediglich mit Blick auf Verhaltensweisen zu interpretieren. Auf dieser Grundlage wurden die hinter der nicht entlohnten Reproduktionsarbeit stehenden Hierarchien und Anforderungen in die Analyse der Stressund Bewältigungssituation mit einbezogen.

Insgesamt hat sich in der Auseinandersetzung mit arbeitsbedingtem Stress die Ungenauigkeit des Begriffs als schwierig erwiesen. Entsprechend der allgemeinen Definition und Konzeptionalisierung von Stress (Kapitel 4) bildeten sich in der Darstellung und Diskussion der Ergebnisse differentielle Entstehungsund Bewältigungsmuster ab, die für die nachfolgende Übertragung der Ressourcen und Belastungen auf die Praxis der BGF eine Herausforderung darstellen. Um die im Rahmen der qualitativen Studie herausgearbeiteten Ergebnisse systematisch auf den wissenschaftlichen und anwendungsbezogenen Kontext zu übertragen, können nun abschließend Schlussfolgerungen in Form eines ausführlichen Fazits formuliert werden.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >