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10.1.1 Ressourcentheoretische Überlegungen

Wie die Diskussion der empirischen Ergebnisse gezeigt hat, bieten die Ausführungen von Hobfoll (1998) zahlreiche Anknüpfungspunkte zur Einordnung der Geschlechtsunterschiede in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress (Kapitel 8.3). Gleichwohl weisen die Ausführungen auf Lücken in der Interpretation der Befunde hin. Zum einen ist das Modell ursprünglich nicht als Ansatz konzipiert, um die Vergleichsdimension Geschlecht zu berücksichtigen. Zum anderen sind die jeweiligen Achsen des Modells nicht geeignet, um die Ergebnisse der Arbeit vollständig zu erklären. Mit Hilfe der qualitativen Studie ist es jedoch möglich, eine Erweiterung der Theorie der Ressourcenerhaltung in Bezug auf die drei folgenden Aspekte vorzunehmen:

Ÿ Soziale Unterstützung im Kontext Betrieb.

Ÿ Bedingungsressourcen im Kontext Familie.

Ÿ Handlungsund Leistungsfähigkeit des Individuums.

Aus den Ergebnissen geht hervor, dass die soziale Unterstützung im Kontext der CC-Tätigkeit eine hohe Relevanz bei der Erklärung der Bewältigungsmuster von arbeitsbedingtem Stress einnimmt. Sowohl Frauen als auch Männer messen diesem Aspekt eine zentrale Bedeutung bei. Gleichwohl bilden sich Geschlechtsunterschiede in der Darstellungsweise und Funktion ab: Während für die befragten Frauen soziale Interaktion als existenznotwendige Unterstützungshilfe beschrieben wird, verstehen sich die Befragten aus der Vergleichsgruppe der Männer als Schlüsselpersonen zur Herstellung von Kollegialität und sozialer Unterstützung. Wie bereits die Diskussion der Befunde vor dem Hintergrund des Modells der Ressourcenorientierung nach Hobfoll (1998) gezeigt hat, lassen sich die Ergebnisse dem Aspekt des prosozialen Copings zuordnen. Allerdings ist keineswegs davon auszugehen, dass soziale Unterstützung für Männer eine geringere Bedeutung einnimmt. Vielmehr schreiben sie sich selbst die Funktion zu, die Bedingungen für die kollegiale und soziale Unterstützung herzustellen. Um die Geschlechtsunterschiede theoretisch zu berücksichtigen, ist eine Erweiterung der Modell-Achse prosoziales Bewältigungsverhalten zu empfehlen. Wie Hobfoll (1998) beschreibt, erfolgen Bewältigungsstrategien oft in einem Prozess der sozialen Interaktion, der mit einer Suche nach sozialer Unterstützung („seeking social support“ ebd., S. 147ff.) beginnt. Vor dem Hintergrund der qualitativen Ergebnisse erscheint es hierbei sinnvoll, den Aspekt der unterschiedlichen Funktionsweise von sozialer Unterstützung in die Definition der Modell-Achse einzubeziehen. Eine Diskussion der betrieblichen Rollen hat hier jedoch ebenso die Grenzen einer spezifischen Zuschreibung von vermeintlich weiblichen und männlichen Darstellungsweisen aufgezeigt. So zeigten ein Vergleich unterschiedlicher Funktionen innerhalb der CC-Tätigkeit (Supervisorin – Agent) sowie ein Blick auf die Rolle der betrieblichen Interessenvertretung, dass neben der Vergleichsdimension Geschlecht weitere Merkmale für die Interpretation der Entstehungsund Bewältigungsmuster von Bedeutung waren. In zukünftigen Studien ist demzufolge genauer zu prüfen, ob und welche Geschlechtsunterschiede vorliegen oder inwiefern andere Merkmale ebenso prägnant sind.

Ein weiterer Aspekt, der für theoretische Schlussfolgerungen zentral erscheint, bezieht sich auf die Bedingungsressourcen im familiären Kontext. Diesbezüglich hat ein Blick auf die modellbezogenen Ausführungen zur Theorie der Ressourcenerhaltung gezeigt, dass die Beschreibung der Ressourcenmerkmale zu allgemein gehalten wird. Bedingungsressourcen definiert Hobfoll (1998) lediglich mit den Merkmalen Familienstand, Alter, Gesundheit und berufliche Position. Ein Grund für die oberflächliche Beschreibung dieser Klassifikation liegt vermutlich in dem Versuch Hobfolls (1998), diese Ressourcen für die empirische Anwendung zu quantifizieren. Gleichwohl ist eine Erweiterung der Charakteristika sinnvoll, um die Bedeutung von Ressourcen für die Vereinbarkeitsanforderungen zu klären. Hier deuten die Ergebnisse der Interviews darauf hin, dass weibliche Agents die privaten Rahmenbedingungen und die Unterstützung durch Familienangehörige als zentrale Voraussetzung zur Umgangsweise mit CCspezifischen Stressoren anführen. Zukünftige Studien zu Vereinbarkeitsanforderungen im Zuge eines Wandels familiärer Rollen sollten daher sowohl den weiterhin vorhandenen „total workload“ (Lindfors et al., 2006, S. 131) berücksichtigen als auch die Bedeutung von außerberuflichen Unterstützungsmöglichkeiten zur Bewältigung der daraus resultierenden Stressoren einbeziehen. Für die Theorie der Ressourcenerhaltung lässt sich daher schlussfolgern, dass vorhandene (und auch fehlende) Bedingungsressourcen nicht lediglich aus dem Familienstand resultieren, sondern ebenso aus freundschaftsbezogenen Netzwerken.

Ein letzter Aspekt, der für die ressourcentheoretischen Überlegungen von Bedeutung erscheint, bezieht sich auf das konzeptionelle Gegenstück der prosozialen Bewältigung: das antisoziale Stressbewältigungsverhalten. Während den empirischen Ergebnissen Hobfolls et al. (1994) zufolge Männer zu einem aggressiv-destruktiven Verhalten neigen, das sich in Konkurrenz zu anderen Kollegen äußert, handeln Frauen – so die AutorInnen weiter – stärker teamorientiert. Hier hat die Diskussion individueller Handlungsund Leistungsfähigkeit im Kontext der CC-Tätigkeit gezeigt, dass zwei Befunde für die Formulierung von theoretischen Implikationen zentral sind: Erstens zeigen sich in den Interviews der männlichen Befragten im Vergleich zu den Frauen zwar häufiger antisoziale Darstellungsweisen. Allerdings werden diese nicht auf kollegialer Ebene formuliert, sondern in Abgrenzung zum Arbeitgeber, der als Repräsentant der durch Technisierung und Fremdbestimmung gekennzeichneten CC-Tätigkeit wahrgenommen wird. Für die weitere Anwendung der Theorie der Ressourcenerhaltung ist daher eine Ausdifferenzierung antisozialer bzw. aggressiver Bewältigungsformen zu empfehlen. Möglich wäre etwa, dass das Modell neben lebensweltlichen Aspekten stärker den arbeitsweltlichen Kontext mit einbezieht und damit betriebliche Rahmenbedingungen berücksichtigt. Mit Blick auf die CC-Tätigkeit sind dabei insbesondere die personellen Hierarchien sowie der durch die Technik erzeugte Druck einzubeziehen. Konkret ist es etwa in einem quantitativen Erhebungsinstrument möglich, den Einfluss der Führung in der Bewertung von Stressoren und Ressourcen zu berücksichtigen.

Zweitens kennzeichnen sich die Interviews der männlichen Agents nicht lediglich durch ein aggressives Bewältigungsverhalten. Vielmehr haben die Deskription und Diskussion gezeigt, dass ein Teil der männlichen Befragten die Leistungsund Funktionsfähigkeit in den Mittelpunkt ihres subjektiven Präferenzsystems stellen und konstruktive Strategien entwickeln, um mit den CCspezifischen Anforderungen umgehen zu können. Für die zukünftige Anwendung des multiaxialen Copingmodells ist daher eine bipolare Zuschreibung von Geschlechtsunterschieden zu vermeiden. Zur geschlechtsreflektierten Analyse ist vielmehr eine Ergänzung des Modells durch ein qualitatives Design erforderlich, das die hinter dem prosozialen und antisozialen Stressbewältigungsverhalten stehenden Intentionen der befragten Frauen und Männer zu erfassen vermag.

 
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