Zur Erweiterung des Constrained-Choice-Konzepts

Neben Empfehlungen für die Ressourcentheorie gehen aus den Ergebnissen ebenso Schlussfolgerungen für das Constrained-Choice-Konzept nach Bird und Rieker (2008) hervor. Zentral sind dabei diejenigen Entstehungsund Bewältigungsmuster von arbeitsbedingtem Stress, die aus den sozialen und strukturellen Rahmenbedingungen innerhalb aber auch außerhalb der CC-Tätigkeit resultieren. Folgende drei Aspekte sind hierbei von Bedeutung:

Ÿ Erwerbsarbeitsspezifische Rahmenbedingungen

Ÿ Außerberufliche Ausgleichspräferenzen

Ÿ Soziale und berufliche Folgen der CC-Tätigkeit

Aus der Ergebnisdiskussion geht zunächst hervor, dass der Aspekt der sozialen Unterstützung für das Constrained-Choice-Konzept nach Bird und Rieker (2008) zahlreiche Anknüpfungspunkte bietet. So zeigen die Befunde, dass ein Teil der befragten Frauen die emotionale Unterstützung am Arbeitsplatz in den Mittelpunkt der Erzählung stellt. In der Diskussion der Ergebnisse wurde daraufhin die These formuliert, dass aufgrund der multiplen Rollenanforderungen in Familie und Beruf die Erwerbsarbeit für die befragten Frauen möglicherweise als psychosoziale Ressource gilt, da sie ein erweitertes soziales Netzwerk bereithält. Da dieser Aspekt durch die qualitativen Ergebnisse jedoch nicht umfassend bestätigt werden konnte, liegt diesbezüglich ein weiterer Forschungsbedarf vor. Für die zukünftige Anwendung des Constrained-Choice-Konzepts ist daher die Forschungsfrage bedeutend, inwiefern Erwerbsarbeit einen positiven Einfluss im Rahmen der Vereinbarkeitsanforderungen ausübt.

Neben den Schlussfolgerungen für die betriebsbezogenen Rahmenbedingungen lassen sich aus den außerberuflichen Ausgleichspräferenzen ebenso theoretische Implikationen für die Ebene Community Actions ableiten. Hier führen die Autorinnen im Rahmen der Konzeptbeschreibung aus, dass Geschlechtsunterschiede in den alltäglichen Rollenaktivitäten vorliegen. Jedoch formulieren Bird und Rieker (2008) weiter, dass die sich aus dem Wohnumfeld ergebenden

„coping styles“ (ebd., S. 126) insgesamt Forschungslücken bezüglich der Frage aufweisen, worin sich Frauen und Männer in der Nutzung von strukturellen Rahmenbedingungen – wie z. B. Nachbarschaftsnetzwerke oder Freizeitmöglichkeiten – unterscheiden. Die Befunde der Studie verweisen insgesamt auf Geschlechtsunterschiede in den dargestellten Ausgleichspräferenzen. Offensichtlich bezieht sich ein Teil der befragen männlichen Agents auf eine zweckrationale Nutzung des sportlichen Ausgleichs zur Wiederherstellung der Arbeitskraft, während die weiblichen Befragten die selbsterfüllende Funktion sozialer, psychischer und physischer Aktivitäten in den Mittelpunkt stellen. Durch die Befunde ist es möglich, die Ebene der Community Actions mit Blick auf die Vergleichsdimension Geschlecht zu erweitern. So ist im Rahmen des Constrained-ChoiceKonzepts die Funktion und Rolle des Ausgleichs für Frauen und Männer zu berücksichtigen, um eine Analyse der Bewältigungsformen von arbeitsbedingtem Stress zu ermöglichen.

Die Überlegungen von Bird und Rieker (2008) reflektieren eindrücklich unterschiedliche Ebenen gesundheitsrelevanter Entscheidungsprozesse, indem sie sich lebensnah an dem Alltag einer jungen, mittelständischen Familie orientieren. Dadurch gelingt es den Autorinnen ebenso, das Paararrangement bezüglich der Frage der Vereinbarkeit abzubilden und auf mögliche Belastungsfaktoren zu rekurrieren. Die Differenzierung der Ergebnisse mit Hilfe einer Typologie hat allerdings gezeigt, dass von den befragten Müttern weniger die Doppeloder Mehrfachbelastungen in der Vereinbarkeit von beruflichen und familiären Rollenanforderungen in den Mittelpunkt gestellt werden, als vielmehr die aus der CC-Tätigkeit resultierenden sozialen und beruflichen Folgen, z. B. in Form einer erlebten Dequalifizierung. Im Rahmen der zukünftigen Anwendung des Constrained-Choice-Konzepts ist daher zu empfehlen, die Ebene Work and Family Level nicht bloß auf die Frage zu reduzieren, wie die unterschiedlichen Aufgaben in Bezug auf Kindererziehung und Haushaltsarbeiten aufgeteilt werden. Auf Grundlage der Ergebnisse erscheint es für die gesundheitsrelevanten Entscheidungsund Aushandlungsprozesse erforderlich, stärker die berufsinhaltlichen Bedürfnisse von Frauen mit Kindern zu berücksichtigen. Im Zuge der Veränderung klassischer Familienkonstellationen (Peuckert, 2012) besteht zudem ein zusätzlicher Forschungsbedarf darin, weitere Rahmenbedingungen von Alleinerziehenden, Patchwork-Familien oder gleichgeschlechtlichen Familienkonstellationen heranzuziehen, um sich nicht einseitig an der Lebensrealität klassischer mittelständischer Familien zu orientieren.

 
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