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10.3 Arbeit, Gesundheit und Geschlecht – ein theorieund anwendungskritischer Ausblick

Zunächst gehen aus der Beantwortung der Forschungsfrage Aspekte hervor, die auf einen zukünftigen theoretischen Forschungsbedarf in Bezug auf den Themenkomplex arbeitsbedingter Stress, Gesundheit und Geschlecht verweisen. Diesbezüglich hat die Studie insgesamt gezeigt, dass die Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress – entsprechend der theoretischen Bestimmung (Kapitel 4) – in Abhängigkeit von strukturellen und individuellen Voraussetzungen unterschiedlich bewertet wird. Neben CC-spezifischen Belastungen und Ressourcen deuten die Ergebnisse auf außerberufliche Rahmenbedingungen, die sowohl als Ausgleichsfaktoren als auch als zusätzliche Belastungen formuliert werden. In diesem Zusammenhang wurde bereits im theoretischen Hintergrund auf konzeptionelle Defizite der Stressund Bewältigungstheorien hingewiesen. So erfolgt in den derzeitigen Modellen keine Differenzierung zwischen außerberuflichen Belastungen auf der einen Seite und erwerbsarbeitsbedingtem Stress auf der anderen Seite. Dadurch fiel es im Empirie-Theorie-Transfer zum Teil schwer, die in den qualitativen Ergebnissen benannten Rahmenbedingungen im betrieblichen und familiären Kontext theoretisch einzubetten. Hier haben sowohl die Theorie der Ressourcenerhaltung als auch das Constrained-ChoiceKonzept eine Interpretation der Stressund Bewältigungsmuster ermöglicht. Zum einen konnten Arbeitsbedingungen und Organisationsstrukturen in CCn berücksichtigt werden. Zum anderen war es möglich, außerberufliche Bedingungen im häuslichen und privaten Kontext mit Blick auf Geschlechtsunterschiede herauszuarbeiten. Auf Grundlage der vorangestellten Ergebnisse ist es perspektivisch unerlässlich, dass sich die Gesundheitswissenschaften auf einen Stressbegriff beziehen, der sowohl Arbeitsals auch Lebenswirklichkeiten in die Analyse einschließt.

Darüber hinaus haben sich im Zuge der Erhebung und Auswertung grundlegende Fragen zur zukünftigen Anwendung der Dimension Geschlecht in den Gesundheitswissenschaften gestellt. Die empirischen Ergebnisse deuten nicht auf einen geschlechtsspezifischen Dualismus in der Entstehung und Bewältigung von Stress, sondern lassen sich vor dem Hintergrund der jeweiligen personellen und strukturellen Rahmenbedingungen auch innerhalb der Kategorien Frau und Mann ausdifferenzieren. Aus diesem Grund ist für die Zukunft der gesundheitsbezogenen Geschlechterforschung die Frage bedeutend, welche Rolle die Vergleichsdimension Geschlecht als konzeptioneller Analysefokus einnehmen kann. Um eine Stereotypisierung im Forschungsdesign zu vermeiden, ist – in Anlehnung an das Konzept des Doing Gender – die Perspektive eines Undoing Gender (Geschlechtsaufweichung) dienlich (Hirschauer, 2001). Eine solche Ausrichtung zielt keineswegs darauf ab, die Auseinandersetzung mit Geschlechtsunterschieden einzustellen. Vielmehr gilt es – ganz im Sinne einer Berücksichtigung der Formen des Gender-Bias (Dekontextualisierung) – eine einseitige Zuschreibung von weiblichen und männlichen Verhaltensweisen zu vermeiden und kontextabhängig zu beurteilen, welche Relevanz Geschlecht einnimmt und welche Bedeutung anderen Faktoren zukommt.

Neben theoretischen Herausforderungen ergeben sich aus den Ausführungen zum „gender-orientierten Gesundheitsmanagement“ (Meierjürgen & Wieland, 2007, S. 190) ebenfalls Aspekte, die einen kritischen Ausblick erfordern. Die anwendungsbezogene Problemund Ressourcenanalyse hat gezeigt, dass sich praktische Interventionen u. a. an einer salutogenen Perspektive orientieren, die strukturbezogene Maßnahmen in den Blick nimmt. Aus diesem Grund zielen die Schlussfolgerungen im Kern auf eine Veränderung der Arbeitssituation unter Berücksichtigung der Bedürfnisse von MitarbeiterInnen. Eine Darstellung der Möglichkeiten und Grenzen von geschlechtsreflektiertem BGM im Allgemeinen und CC-spezifischen Interventionen im Besonderen zeigt jedoch, dass eine idealtypische Umsetzung der Schritte im PHAC aus inhaltlichen und strukturellen Gründen nicht ohne Widerstände möglich erscheint. Auf Grundlage der praktischen Überlegungen sind folgende Stolpersteine zu beachten, die sich hinderlich bei der Umsetzung auswirken können:

Ÿ Fehlende Akzeptanz gegenüber der Bedeutung von Geschlechtsunterschieden

Ÿ Verantwortungszuschreibung der lebensweltlichen Anforderungen und Belastungen

Ÿ Befürchtete Machtverschiebung der Geschäftsführung

Ÿ Defizitorientierter Blick im Kontext von BGM

Ÿ Gesundheit als alleiniger Kosten-Nutzenfaktor

Erste Hürden ergeben sich aus einer fehlenden Akzeptanz gegenüber der Bedeutung von Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress. Vorbehalte können zum einen auf Seiten der Geschäftsführung vorhanden sein, indem spezifische Lebensund Arbeitswirklichkeiten von Frauen und Männern nicht als Belastungsmerkmale anerkannt werden. Die Problematik liegt darin, dass von einer Zustimmung die (Teil-)Finanzierung eines geschlechtssensiblen BGM abhängt. Zum anderen können sich Vorbehalte auf Seiten der CC-Beschäftigten ergeben, wenn das Thema Geschlecht ungefragt in den Mittelpunkt der Problemanalyse gestellt wird. Eine direkte Zuschreibung von vermeintlich männlichen und weiblichen Anliegen, Belastungen oder Ressourcen durch den Steuerkreis wäre daher ein falsches Signal. Im Sinne einer geschlechtsreflektierten Vorgehensweise erscheint es zentral, vorerst einen Austausch darüber zu führen, welche Themen für die Beschäftigten – als ExpertInnen ihrer Situation – von Bedeutung sind und anschließend eine Entscheidung darüber zu treffen, ob bzw. welche Geschlechtsunterschiede relevant erscheinen.

Neben der inhaltlichen Akzeptanz der Dimension Geschlecht ist ein kritischer Blick auf die in der Arbeit erfolgte Lebensweltperspektive erforderlich. Berechtigterweise verweist Hien (2012) auf das Risiko, Stressoren zu privatisieren und zu individualisieren, sobald der Lebenskontext als Drehund Angelpunkt von stressbedingten Belastungen in den Mittelpunkt der Analyse gestellt wird. Ihm zufolge bestehe die Gefahr darin, dass ArbeitgeberInnen auf die Eigeninitiative der Betroffenen verweisen und sich von ihrer Verantwortung der betrieblichen Gesundheitsfürsorge lösen (ebd.). Gleichwohl zeigen die vorliegenden Ergebnisse, dass gerade der Blick auf Belastungen und Ressourcen der lebensweltlichen Rahmenbedingungen zentral ist, um eine differenzierte Betrachtung der Umgangsweise mit erwerbsarbeitsbedingtem Stress zu ermöglichen. Hierbei sind die Gesundheitswissenschaften zukünftig gefordert, lebensund arbeitsweltbezogene Faktoren stärker als ineinandergreifende Dynamik zu untersuchen und die daraus resultierenden Empfehlungen vor dem Hintergrund der hier aufgezeigten Kritikpunkte zu reflektieren. Ziel ist es dabei, die konkreten Maßnahmen vor dem Hintergrund der Bedürfnisse der beschäftigten Frauen und Männer zu entwickeln.

Diesbezüglich hat sich in den anwendungsbezogenen Empfehlungen gezeigt, dass in CC-Unternehmen strukturelle Veränderungen vonnöten sind, die eine fachliche und soziale Unterstützung ermöglichen. Die Umsetzung dieser Empfehlungen kann bei der Geschäftsführung möglicherweise auf Widerstände stoßen. Der Erfolg einer Einrichtung von Mitbestimmungsstrukturen ist maßgeblich von der Akzeptanz der ArbeitgeberInnen gegenüber betrieblichen Veränderungen abhängig, die durch die MitarbeiterInnen forciert werden. Ist der jeweilige Betrieb durch eine starke Hierarchie gekennzeichnet, kann die aus Sicht der ArbeitgeberInnen befürchtete Machtverschiebung zu einer ablehnenden Haltung gegenüber partizipativen Strategien der Gesundheitsförderung führen. Bei der Implementierung von Maßnahmen ist daher ein transparentes Vorgehen zwischen den verschiedenen Hierarchieebenen erforderlich. Abhängig von der Betriebsgröße wäre eine Form der gemeinsamen Supervision denkbar, um Missverständnissen in der Forderung nach strukturellen Veränderungen entgegenzuwirken. Hier kann der Gesundheitszirkel als hierarchieübergreifende Kommunikationsplattform eine zentrale Rolle einnehmen.

Darüber hinaus fällt bereits in der Ausdifferenzierung des CCArbeitsplatzes auf, dass nach wie vor ein defizitorientierter Blick auf die personellen und strukturellen Ausgangsbedingungen dominiert (Kapitel 5). Im Mittelpunkt stehen überwiegend Aktivitäten, die sich an den Belastungsquellen der Tätigkeit orientieren. Obschon der Arbeitsbereich durch hohe physische Belastungsfaktoren gekennzeichnet ist und ergonomische Gestaltungsmerkmale von entscheidender Bedeutung sind, bleibt in zukünftigen CC-Projekten der Einbezug von Gesundheitsressourcen unerlässlich. Der von geringem Handlungsspielraum und emotionalen Anforderungen geprägten Arbeitsform wären perspektivisch Rahmenbedingungen entgegenzusetzen, die einen kommunikativen Austausch fördern und Mitgestaltungsmöglichkeiten ermöglichen.

Ein letztes Kriterium bezieht sich auf das in der Forschung und Praxis oftmals angeführte Argument einer Steigerung der Motivation und Produktivität der MitarbeiterInnen durch die Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden. Unbestritten bietet diese Argumentation eine wichtige Grundlage für die Finanzierung und Akzeptanz gesundheitsfördernder Aktivitäten im Betrieb. Die Entscheidung der ArbeitgeberInnen, in eine Veränderung betrieblicher Strukturen zu investieren, orientiert sich an dem ökonomischen Nutzen eines BGM. Gleichwohl impliziert diese Logik jedoch, dass bei einem Ausbleiben der erhofften Leistungssteigerung das Interesse an BGM verloren geht. Insofern erscheint es notwendig im Sinne der Forderung der Ottawa Charta (WHO, 1986, S. 1) nach einer „Gesundheit für alle“, die ethische Begründung einer geschlechtsreflektierten Gesundheitsförderung in den Mittelpunkt zu stellen. Zielgruppenspezifische Gesundheitsförderung – ob unter Berücksichtigung von Geschlecht, Migration, Alter oder anderen sozialen, kulturellen und biologischen Merkmalen – hat das Ziel, zu einem höheren Maß an Chancengleichheit und gesellschaftlicher Teilhabe beizutragen und nicht allein marktund gewinnorientierten Interessen zu entsprechen.

 
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