Methodisches Vorgehen I

Das im vorangehenden Kapitel skizzierte Steuerungskonzept bildet den analytischen Rahmen für die empirischen Untersuchungen dieser Arbeit. Seine konkrete Anwendung erfordert ein methodisches Vorgehen, das es erlaubt, das Steuerungsinstrumentarium des Staates in seiner Gesamtheit zu erfassen und es den verschiedenen Steuerungsformen zuzuordnen. Eine bloße Darstellung der unterschiedlichen Regelungen trägt nur wenig zum Verständnis der Steuerung bei. Wenn das Erkenntnisinteresse über eine rein deskriptive Darstellung der Regelungen hinausgeht, ist es notwendig die zahlreichen Einzelbestimmungen auf zentrale Ausprägungen und Zusammenhänge zu reduzieren.

Zu diesem Zweck sollen in dieser Arbeit verschiedene Steuerungstypen gebildet werden. Typologien besitzen zunächst einmal eine Ordnungsund Strukturierungsfunktion der gesellschaftlichen Realität. Dabei wird eine Vielzahl von Objekten oder Fällen anhand verschiedener Merkmale in eine deutlich niedrigere Anzahl an Gruppen eingeteilt. Die Zuordnung erfolgt unter den Prämissen, dass die Elemente eines Typus zueinander möglichst ähnlich sind (interne Homogenität) und sich die verschiedenen Typen möglichst stark unterscheiden (externe Heterogenität) (Tippelt 2010: 115; Kluge 1999: 26-27). Der Vorteil von Typologien liegt darin, dass die große Reduktion an Komplexität nicht mit einem entsprechenden Informationsverlust einhergeht (Lauth et al. 2009: 46-47; Feger 2001: 1967). Die gebildeten Typen sind aussagekräftige Informationsträger, sodass allein aus der Zuordnung eines Falls zu einem bestimmten Typ auf seine zentralen Eigenschaften geschlossen werden kann. Typologien ermöglichen es somit, ein unübersichtliches Feld zu ordnen (Kluge 1999: 43-44).

Eine Typenbildung sollte sich jedoch nicht allein auf die Strukturierung der Fälle beschränken. Vielmehr sollte die zunächst rein formale Einteilung in Gruppen dazu genutzt werden, den Sinn der dahinterliegenden Ordnung zu untersuchen. Denn die Übereinstimmung in zentralen Merkmalen der Mitglieder eines Typus dürfte zumeist nicht zufällig zustande gekommen, sondern einer gemeinsamen Logik geschuldet sein. Die Sinnzusammenhänge aufzudecken und zu verstehen ist eine weitere Aufgabe der Typenbildung (Kluge 1999: 46; Tiryakian 1968: 178). Typologien kommt somit neben der Ordnungsfunktion auch eine heuristische Funktion zu. Indem sie Korrelationen und Beziehungen innerhalb und zwischen den Typen offenlegen, deuten sie auf kausale Zusammenhänge hin. Mit Typologien ist grundsätzlich der Anspruch verbunden, zu allgemeinen Aussagen zu gelangen.

Sie können insofern als Grundlage der Theoriebildung dienen. Eine Typologie ist „more than a simple measurement question; it is the initial stage of a theory of politics“ (Peters 1998: 95).

Die Theoriebildung ist dabei nicht allein auf die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Merkmalen beschränkt. Die Typen können auch entweder als abhängige oder als unabhängige Variable zur Theorieentwicklung herangezogen werden (Collier et al. 2008: 167-168). So nutzte z. B. Esping-Andersen (1990) seine Unterscheidung in Wohlfahrtsstaatsregime zur Bestätigung und Präzisierung der Machtressourcentheorie.

Eine entscheidende Rolle bei der Typenbildung kommt der sorgfältigen Auswahl der Merkmale zu, anhand derer die Unterscheidung der Fälle erfolgt. Sartori (1970: 1970) bezeichnet diese berücksichtigten Eigenschaften als „Intension“ einer Klassifikation. Die betrachteten Merkmale spannen einen „Merkmalsraum“ auf, innerhalb dem sich die Fälle gemäß ihrer Variablenausprägungen verorten (Kuckartz 2010: 557). Die Typenbildung auf Basis der Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Fällen bezieht sich allein auf die gewählten Merkmale. Insofern bestimmt bereits die Variablenauswahl ganz wesentlich die spätere Klassifikation (Feger 2001: 1968). Die Ermittlung der relevanten Merkmale muss daher sorgfältig und begründet gemäß dem empirischen und theoretischen Vorwissen der Forschenden erfolgen (Kluge 1999: 71-72; Tiryakian 1968: 178).

Die Bildung von Typologien wird daher in mehreren, aufeinander aufbauenden Schritten durchgeführt, die gemäß den Funktionen von Typologien in zwei Phasen unterteilt werden können. In der ersten Phase wird die heterogene Realität auf wenige Gruppen reduziert, womit der Strukturierungsfunktion Rechnung getragen wird. Der erste Schritt umfasst die Auswahl der relevanten Dimensionen, die in einem nächsten Schritt operationalisiert, d.h. messbar gemacht werden müssen. Auch der Operationalisierung kommt eine bedeutsame Rolle zu, da die Güte der Typologie bei unzuverlässigen Messergebnisse abnimmt (Feger 2001: 1968). Anhand der in den ersten beiden Schritten erhobenen Daten wird dann die Klassifikation der Typen vorgenommen. Dieses Vorgehen wird in den folgenden drei Unterkapiteln näher für die Untersuchungsgegenstände dieser Arbeit erläutert. In Phase zwei wird dann eine Beschreibung und Interpretation der Typen vorgenommen.

Schritt Bezeichnung Funktion

1

Identifizierung der relevanten Dimensionen

Strukturierung

2

Operationalisierung d. Steuerungsdimensionen

Strukturierung

3

Typenbildung durch Clusteranalyse

Strukturierung

4

Beschreibung der Typen

heuristische Funktion

5

Erklärung der Entstehung der Typen

Theoriebildung

Tabelle 3: Forschungsschritte bei der Typenbildung in dieser Arbeit

 
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