Rechtsextremistische Internetangebote – ein Kernelement der Erlebniswelt Rechtsextremismus

Die Produktion rechtsextremistischer Websites und Web 2.0-Angebote ist keine isolierte Aktion, sondern Teil und Ausdruck systematischer Bemühungen um das junge Publikum mithilfe von Tonträgern, Onlineund Printmedien. Spätestens im Jahr 2004, in dem deutsche Neonazis das "Projekt Schulhof" begannen und die erste Gratis-CD mit rechtsextremistischen Musikstücken vorlegten, wurde diese Entwicklung offensichtlich. Die NPD zog nach und hat inzwischen acht "Schulhof-CDs" vorgelegt, nach eigenen Angaben bereits die erste Fassung in einer Auflage von 200 000 Stück (vgl. Innenministerium NRW 2006: 54). Diese CDs spiegeln die Verbreiterung der rechtsextremistischen Musiklandschaft – vom treibenden Skinhead-Rock über Rap bis zur melancholischen Ballade. Die Partei, die auf eine junge Mitgliederstruktur verweist und Jungwähler als zentrale Zielgruppe sieht, ist auch im Netz besonders aktiv: Auf ihren Websites und zunehmend in ihren Angeboten im Web 2.0 ist eine rechtsextremistische Agitation im jugendgerechten Gewand zu finden, zu deren Grundlagen Musik, Videos und Online-Spiele zählen. Inhaltlich knüpft die Partei auch an Themen aus der aktuellen, gesellschaftlichen Diskussion an:

"So können User im Onlinespiel der NPD Sachsen-Anhalt Punkte mit dem Abschießen von Genmais oder Euromünzen sammeln, die Bremer NPD fordert in einem animierten Wahlkampfvideo das Ende des ›Multikulti-Wahns‹".[1]

In Kreisund Landesverbänden der NPD sind zudem Jugendzeitschriften entstanden – wie "stachel" (Berlin/Brandenburg), "Schinderhannes (Rheinland-Pfalz), "Jugend Rebelliert" (Sachsen-Anhalt), "perplex" (Sachsen), "Lehrerschreck" (Bremen),

"Der Weckruf" (Niedersachsen) oder "Platzhirsch – Der Schülersprecher" (Sachsen) –, die teils in bemerkenswert modernen Designs erschienen sind. Darüber hinaus hat die rechtsextremistische Partei "pro Köln" bzw. "pro NRW" mehrere Ausgaben der Zeitschrift "Objektiv" veröffentlicht. In besonders markanter Form zeigen solche Jugendzeitschriften typische Diskursstrategien, mit denen rechtsextremistische Medien Jugendliche ansprechen: die Gleichzeitigkeit von Provokation und Tarnung. Viele Periodika stellen ihren provokanten Charakter werbewirksam heraus, mitunter inszenieren sich die Autoren als Enthüller unbequemer Wahrheiten, die andere "auf die Palme bringen" ("perplex") – andererseits nehmen sie eine wahrhaft demokratische, aufgeklärte (oder auch "objektive") Haltung in Anspruch, unterstreichen eine vorgebliche Seriosität durch den Bezug auf glaubwürdige Quellen oder greifen die öffentliche Warnung vor dem Rechtsextremismus ironisch auf und machen sie auf diese Weise lächerlich (vgl. Pfeiffer 2008: 300 f.).

Solche (Jugend-)Medien haben entscheidend zum Entstehen einer Erlebniswelt Rechtsextremismus beigetragen. Diese Erlebniswelt ist von einem modernisierten Erscheinungsbild geprägt – in ihr verschmelzen Lebensgefühl, Freizeitaktivitäten und politische Botschaften. Der Begriff meint alle Formen jugendgerechter Angebote der Szene, insbesondere solche, die mit Aktion verbunden sind und Unterhaltungsmöglichkeiten unter rechtsextremistischen Vorzeichen liefern. Zu den Unterhaltungs und Freizeitangeboten der Szene zählt neben den Medien ein breiter Fächer unmittelbar politischer oder politisch aufgeladener Events, wie Demonstrationen, Konzerte, Liederabende, volksfestartige Veranstaltungen oder Wochenendausflüge. Gruppengefühle – das Versprechen von Kameradschaft, sozialer Heimat, Zusammenhalt in unsicheren Zeiten – sind zentraler Bestandteil der Erlebniswelt Rechtsextremismus. Spaß und Unterhaltung als Werbemittel sind keine zufälligen Erscheinungen, vielmehr ist der Aufbau der Erlebniswelt zumindest teilweise ein bewusster, strategisch motivierter Prozess, der mit dem rechtsextremistischen Skinhead-Aktivisten Ian Stuart in den 1980er Jahren seinen Anfang nahm und mit Aktionen wie dem "Projekt Schulhof" bzw. den "Schulhof-CDs" deutlicher und systematischer hervortritt (vgl. Pfeiffer 2013: 56 ff.). Für die Verknüpfung politischer Inhalte mit jugendaffinen, unterhaltenden Formen ist das interaktive Multimedium Web 2.0 mit seiner stark von jungen Menschen geprägten Nutzerschaft ein geradezu ideales Instrument.

  • [1] jugendschutz.net (2011): Die NPD im Netz. Mit Multimedia und Web 2.0 Jugendliche ködern. In: hass-im-netz.info/fileadmin/dateien/dokumente/PDFs/npd_2011.pdf (zuletzt abgerufen am 24. 10. 13).
 
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