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8.1.1 Das Untersuchungsfeld: Dienstleistungen statt Transfers

Die Vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung ist lange Zeit durch eine recht einseitige Fokussierung auf den Bereich der monetären Transferleistungen gekennzeichnet gewesen und hat erst in den vergangenen Dekaden die sozialen Dienstleistungen als eigenständiges Untersuchungsfeld entdeckt (Stoy 2014; Jensen 2008). In Bezug auf die Determinanten der sozialpolitischen Entwicklung ist diese Unterscheidung von Bedeutung, da die Zielgruppen der Programme voneinander abweichen. Transferleistungen adressieren in erster Linie die Risiken der Industriegesellschaft, d.h. sie richten sich vor allem an Erwerbstätige. Soziale Dienstleistungen stehen hingegen stärker in Verbindung mit den sozialpolitischen Bedürfnissen, die sich über den Lebensverlauf ergeben wie z.B. Kinderbetreuung, Krankheit und Pflege (Jensen 2011: 132). Die Interessen bestimmter Wählergruppen und der Parteien an einem Ausbau der Transferleistungen müssen somit nicht zwangsläufig mit einer Befürwortung von sozialen Dienstleistungen einhergehen. Während die Ansätze der Machtressourcentheorie und der Parteiendifferenzhypothese im Wesentlichen davon ausgehen, dass sozialdemokratische Parteien das Ziel verfolgen Arbeitnehmer zu dekommodifizieren, trägt ein Ausbau der Kindertagesstätten gerade dazu bei, junge Frauen zu kommodifizieren. Auch ist nicht zwingend ersichtlich, warum Gewerkschaften und sozialdemokratische Parteien an hohen Erwerbstätigenquoten von Frauen interessiert sein sollten, da diese das Arbeitskräftepotential und somit den Lohnwettbewerb erhöhen (Hieda 2013: 486-487).

Quantitative Untersuchungen der Determinanten einer Expansion sozialer Dienstleistungen ergeben in Hinblick auf den Einfluss der Parteien kein einheitliches Bild. Während Huber und Stephens (2000: 323) einen positiven Effekt linker Regierungsparteien nachweisen können, findet Jensen (2011) keinen Einfluss der Parteien.

8.1.2 Die Abhängige Variable: Steuerung statt Ausgaben

Nahezu alle Untersuchungen zu dem Parteieinfluss auf die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung greifen auf den Indikator der Sozialausgaben zurück. Dies ist nicht der Ort, um auf die Vorund Nachteile dieses Vorgehens einzugehen, die in der Literatur unter dem Stichwort des „Dependent Variable Problems“ diskutiert werden (vgl. Stoy 2014; Siegel 2007; Green-Pedersen 2004). An dieser Stelle sei lediglich auf die mit einem solchen Vorgehen verbundene begrenzte Verallgemeinerbarkeit der Befunde verwiesen: Untersucht wird allein der Zusammenhang zwischen parteipolitischer Zusammensetzung der Regierung und der Höhe der Sozialausgaben. Aufgrund des Mangels an theoretischer Reflexion und Einbettung können kaum darüber hinausgehende Aussagen aus den Befunden abgeleitet werden. Rückschlüsse auf weitere Aspekte der sozialen Sicherung wie z.B. der Wohlfahrtsmix oder Fragen sozialpolitischer Steuerung sind schwierig. Im Klartext bedeutet dies, dass trotz der fast 40-jährigen Forschungshistorie mit der Parteiendifferenzhypothese so gut wie keine Erkenntnisse in Bezug auf die parteipolitischen Präferenzen hinsichtlich Steuerungsfragen bestehen. Im Folgenden sollen daher erste deduktive Annäherungen an die Positionen der Parteien vorgenommen werden.

 
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