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8.2.2 Ziele der Ministerialbürokratie

In den vorangehenden Ausführungen wurden erhebliche Einflussmöglichkeiten der Ministerialbürokratie aufgezeigt, in denen sie eigenmächtig Entscheidungen treffen kann bzw. zumeist auch muss. Die klassische Webersche Darstellung des Beamten als rein weisungsgebundener, loyaler Experte, die auf einer strikten Trennung zwischen Politik und Verwaltung basiert (Weber 1972: 854-856), ist vor diesem Hintergrund nicht länger aufrechtzuerhalten. Geht man also von einem Gestaltungsspielraum der Ministerialbürokratie aus, so ist in einem nächsten Schritt zu fragen, gemäß welchen Zielen und Motiven sie diese Einflussmöglichkeiten ausfüllt.

8.2.2.1 Eigennutzenmaximierung

Ökonomische Bürokratietheorien betrachten Bürokratinnen und Bürokraten gemäß den Prämissen der Neuen Politischen Ökonomie / Public Choice als rationale Eigennutzenmaximierer. Diese sind somit nicht primär an den Bedürfnissen der Bevölkerung oder an der Verbesserung unzulänglicher Regelungen interessiert, sondern einzig auf ihren eigenen Vorteil bedacht (zur Übersicht: Moe 1997; Wintrobe 1997). So unterscheidet Downs (1967) fünf Typen von Bürokraten, die von unterschiedlichen Motivationsstrukturen geleitet werden. Während er sich hauptsächlich auf die Abläufe innerhalb der Verwaltung beschränkt, versucht Niskanen (1974, 1975) auch Aussagen über die politischen Auswirkungen eines solchen Verhaltens zu treffen. Oberstes Ziel von Bürokratinnen und Bürokraten sei es, die Größe ihres Aufgabenbereiches zu erhöhen und das ihnen zustehende Budget zu maximieren. Denn die Höhe des Budgets stelle nach außen einen wichtigen Indikator für den eigenen Erfolg dar. Eine ähnliche Argumentation findet sich bei Ellwein (1970: 190): „Ministerien sind Verwaltungsunterbau-süchtig. Sie geben ihnen unterstehende Behörden nur nach erbittertem Widerstand her und sie bemühen sich […] immer darum, gesetzliche Maßnahmen verwaltungsmäßig anzureichern, um die eigene Zuständigkeit zu erweitern.“ Eine Modifizierung des Ansatzes der Budgetmaximierung stellt Dunleavys (1991) Modell des „Bureau-shaping“ dar. Es postuliert, dass Bürokratinnen und Bürokraten nicht zwingend das Budget ihrer Abteilung erhöhen wollten, sondern stattdessen daran interessiert seien, ihren Arbeitsbereich in Größe, Arbeitsweise, Aufgabenbereich usw. nach ihren persönlichen Vorstellungen auszurichten.

Zwar wird den Ansätzen oftmals mit gewisser Berechtigung ein „Mangel empirischer Unterfütterung“ (Derlien et al. 2011: 149) vorgeworfen. Die Grundannahme der Eigennutzenmaximierung findet jedoch z.B. durch die Ergebnisse einer Umfrage der subnationalen Verwaltungselite in Deutschland ihre Bestätigung, der zufolge ein großer Anteil geneigt ist, sachliche Erfordernisse hinter ihre persönlichen Karriereambitionen zurückzustellen (Pitschel 2012).

 
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