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8.4 Pfadabhängigkeit

8.4.1 Grundaussagen

Das Konzept der Pfadabhängigkeit hat in der jüngeren Vergangenheit in der sozialwissenschaftlichen Forschung weite Verbreitung gefunden. Dank der grundlegenden Reflexion einiger Autoren (Beyer 2005; Mahoney 2000, Pierson 2000a, 2000b; North 1990) ist es dabei gelungen, einen weitestgehend geteilten Kern des Pfadabhängigkeitskonzepts zu etablieren, der über die breite wie inhaltslose Aussage „History matters“ hinausgeht.

Das Konzept der Pfadabhängigkeit geht davon aus, dass in der Vergangenheit getroffene Entscheidungen künftige Auswahlmöglichkeiten einschränken. Jede Entscheidung lässt sich bildlich als Weggabelung beschreiben und die Wahl einer Abzweigung sorgt dafür, dass bestimmte Pfade in der Zukunft nicht mehr erreichbar sein werden. Dabei werden entlang des Weges weitere Weggabelungen (Entscheidungsmöglichkeiten) kommen, sodass die Route keinesfalls vorherbestimmt ist. Wandel ist folglich auch innerhalb des Pfadabhängigkeitskonzepts möglich, es ist jedoch eingeschränkter Wandel (Pierson 2000a: 265, 2000b: 76; North 1990: 9899). Ein vollständiger Wandel, der – um im Bilde zu bleiben – den Wechsel auf einen ehemals nicht gewählten Pfad bedeuten würde, ist hingegen mit sehr hohem Aufwand verbunden und daher sehr unwahrscheinlich. Der einmal eingeschlagene Pfad ist somit sehr robust gegen Veränderungen.

Verlässt man das sehr eingängige Bild des Wegenetzes, so ist es genau dieser letzte Aspekt, der nach einer Erklärung verlangt und daher im Fokus des Pfadabhängigkeitsansatzes steht: die Gründe für die Pfadstabilität.

In diesem Zusammenhang wird in der Literatur auf pfadstabilisierende Mechanismen verwiesen. Hierbei handelt es sich um Faktoren, die kausal ursächlich dafür sind, dass ein Pfadwechsel nur mit hohem Einsatz materieller, politischer oder zeitlicher Ressourcen möglich ist. Inzwischen werden sehr verschiedene Begründungen für pfadabhängige Entwicklungen differenziert, denn „Pfadabhängigkeit ist nicht gleich Pfadabhängigkeit“ (Beyer 2005: 13-14). Eine Übersicht über verschiedene Stabilisierungsmechanismen gibt Tabelle 11 (vgl. auch Ebbinghaus 2005: 21; Mahoney 2000: 517).

Mechanismus Logik der Kontinuitätssicherung

Increasing Returns Sequenzen

Funktionalität Komplementarität Macht Legitimität Konformität

Selbstverstärkungseffekt

Irreversibilität der Ereignisabfolge, „Quasi-Irreversibilität“ der Auswirkungen von Ereignisabfolgen Zweckbestimmungen, systemische Notwendigkeiten Interaktionseffekt

Machtsicherung, Vetomacht Legitimitätsglaube, Sanktionen

Entscheidungsentlastung, mimetischer Isomorphismus

Tabelle 11: Übersicht über Pfadstabilisierende Mechanismen

Quelle: Beyer 2005: 18.

Ohne auf die einzelnen Stabilisierungsmechanismen an dieser Stelle im Detail eingehen zu wollen, sei an dieser Stelle nur noch einmal die Kernaussage des Pfadabhängigkeitskonzeptes betont. Es genügt nicht, mit dem Verweis auf die Vergangenheit eine Institution als pfadabhängig zu deklarieren. Vielmehr muss diese Stabilität anhand von zugrundeliegenden Faktoren kausal begründet werden.

 
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