Rechtsextremistinnen heute – Aktuelle Entwicklungen und Fallbeispiele

Ellen Esen

Vorwort

Als im November 2011 bekannt wurde, ein mörderisches, rechtsextremes Trio habe zehn kaltblütige Morde begangen, war das Erschrecken groß. Eine rechte Terrororganisation in Deutschland, die über Jahre hinweg unbehelligt morden konnte? Dies schien selbst für viele Fachleute und Sicherheitsbehörden unfassbar zu sein, obwohl es eine lange Geschichte des rechten Terrors gibt und weit über hundert Opfer rechtsextremer Gewalt zu beklagen sind (vgl. Röpke/Speit 2013). Zum "erstaunlichen Erstaunen" über die mutmaßlichen "NSU-Morde" (vgl. Mayer 2013, 19–29) gehört das ebenso erstaunliche Erstaunen über die Mittäterschaft einer Frau.

Wer ist Beate Zschäpe, die sich gegenwärtig in München vor Gericht zu verantworten hat, welche Rolle spielte sie? Die Frau schweigt und so bleiben letztendlich nur Spekulationen über ihr Handeln und die Form ihrer Tatbeteiligung. Zu den wenigen Fakten: Beate Zschäpe führte über 13 Jahre lang ein konspiratives Leben in der Illegalität, tarnte sich mit diversen Decknamen und trug durch ihre leutselige Art dazu bei, dass sich das Leben des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) mitnichten völlig abgeschottet im Untergrund abspielte (vgl. Baumgärtner 2012: 228). Die Mitglieder des "NSU" waren eingebettet in ein Netzwerk und zu ihrem Unterstützerkreis gehörten ganz maßgeblich Frauen. Sie stellten Wohnungen, Ausweise und Versicherungspapiere zur Verfügung. Das Netzwerk dieser Frauen ist bis heute nicht ausgeleuchtet.

Der Komplex NSU wirft viele Fragen auf: Nach einer institutionellen Blindheit, nach Rassismus in den Behörden. Die Geschichte des NSU zeigt aber auch, dass es eine Ignoranz gegenüber dem Wirken und Handeln rechtsextremer Frauen gibt.

Die Rolle von Mädchen und Frauen in der extremen Rechten nie wieder zu bagatellisieren, wäre die notwendige Konsequenz aus der Erfahrung mit der mutmaßlichen Mordserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds".

 
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