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Behandlung

Hinsichtlich der Behandlungsmethoden in psychiatrischen Kliniken wurde kritisch angemerkt, dass dort nach Ansicht einiger Befragter vorrangig Psychopharmaka verabreicht werden, wie folgende Beispiele verdeutlichen.

„Und die [Psychiatrie] beschäftigt sich dann hauptsächlich damit, an die Leute Psychopharmaka zu verteilen ne.“ (Antipsychiatrie 2014, Z. 132-133)

„Naja, die Behandlung besteht ja daraus, dass die Medikamente suchen, die passen. Sonst nichts.“ (Gesetzliche Betreuerin 2014, Z. 455-456)

In diesem Zusammenhang wurde der Wunsch nach mehr Psychotherapie geäußert.

„eine Behandlung würde ich mir eigentlich anders vorstellen. [...] Naja, richtig, eh, länger und auch psychotherapeutische Arbeit mit Gesprächen.“ (Gesetzliche Betreuerin 2014, Z. 460-466)

Demgegenüber macht der Psychiater darauf aufmerksam, dass es sich bei der reinen Vergabe von Psychopharmaka lediglich um ein Vorurteil handelt. Er betont, dass die Psychopharmakotherapie nur ein Teil eines breit gefächerten Therapieprogramms darstellt, welches zudem noch aus Einzelund Gruppenpsychotherapie sowie komplementären Therapien wie Ergound Bewegungstherapie besteht.

„Nee, es gibt ja noch son komplementäres Therapieprogramm ne, Beschäftigungstherapie, Ergotherapie, Bewegungstherapie [...]. Es gibt weitreichende Angebote noch. Neenee, das ist ein Vorurteil, dass hier nur mit Medikamenten behandelt wird ne. Und natürlich auch Gespräche werden geführt ne, es gibt auch Gruppengespräche, Einzelgespräche, natürlich, das gehört genauso, ist Bestandteil der Behandlung wie die Medikamente ne.“ (Psychiater 2014, Z. 514-520)

Im folgenden Interviewausschnitt beschreibt die Betroffene eine Situation, in der sie vom Pflegepersonal gewalttätig zur Medikamenteneinnahme gezwungen wurde.

„Und dann hat man mich festgehalten mit mehreren Leuten, mir die Nase zugehalten, bis ich keine Luft mehr kriegte, und hat gewartet, bis ich den Mund aufmachen musste und hat mir die Tabletten gegeben, diese Tavor, die ich nicht nehmen wollte. [...] Das war die Krankenschwester mit den Pflegern der Station.“ (Betroffene 2014, Z. 373-380)

Hinsichtlich einer psychopharmakotherapeutischen Behandlung äußerte der Psychiater, dass die Überzeugungsversuche beim Großteil der Patienten gut funktionieren und zu einer Zustimmung führen. Er führt den Erfolg darauf zurück, dass in den Überzeugungsgesprächen gewissermaßen eine Restvernunft im Patienten aktiviert wird.

„ich will nicht behaupten, dass wir hier Wunder vollbringen, aber in den allermeisten Fällen schaffen wir es tatsächlich, die Person zu überzeugen.“ (Psychiater 2014, Z. 942-944)

„ich denke schon, also dass es dann doch Überzeugungsbildung ist, auch wenn jemand eigentlich aufgrund seiner Krankheit es ja gar nicht richtig einsehen kann, ne, aber dass es dann doch irgendwie noch ne Art Restvernunft vielleicht gibt, [...] die dann die Leute dazu bringt, dann doch zu kooperieren“ (Psychiater 2014, Z. 115-118)

Was die Gesprächsführungstechnik bei solchen Überzeugungsversuchen angeht, schildert er, dem Patienten zunächst seine guten Absichten zu verdeutlichen, ihm anschließend die Krankheitssymptomatik zu erklären und Medikamente als hilfreiche Behandlungsmethode vorzuschlagen.

„man kann denen ja nur sagen, ‚also wir machen das hier ja jetzt nicht, [...] um Ihnen zu schaden, sondern wir wollen Ihnen helfen', und eh, auf die Krankheit hinweisen ne, oder denen das nochmal erklären mit der Krankheit, dass das Symptome der Krankheit sind und so weiter, und dass, eh, da doch eine Medikation hilfreich wäre ne. Das gelingt, gelingt sehr oft.“ (Psychiater 2014, Z. 123-127)

Im folgenden Interviewausschnitt beschreibt die gesetzliche Betreuerin, wie sie im Gespräch vorgeht, um die Betroffenen von einer kontinuierlichen Medikamenteneinnahme zu überzeugen. Dabei plädiert sie für eine dauerhafte Einnahme und warnt davor, dass ein Absetzen in guten Zeiten zu einem Rückfall führen kann.

„Also, ich sage dann, dass sie ihr Leben lang diese Medikamente nehmen müssen, weil sonst immer wieder solche Situationen kommen. Und auch wenns ihnen gut geht, gehts ihnen nur deswegen gut, weil sie die Medikamente nehmen, weil, wenn sie ne Einsicht haben und nehmen die Medikamente, und dann gehts ihnen gut, und dann setzen sie die ab, dann gehts ja erstmal noch weiter gut, und irgendwann kommts dann. Und dann sehen die aber keinen Zusammenhang. Man kann da immer nur immer wieder denen das sagen und versuchen zu erklären, warum das so ist.“ (Gesetzliche Betreuerin 2014, Z. 1154-1161)

Patienten haben die Möglichkeit, bestimmte Behandlungsformen mittels einer Patientenverfügung zu untersagen. Darum wird im Folgenden auf den praktischen Umgang mit Patientenverfügungen eingegangen.

 
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