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(Bauch-)Gefühl und Erfahrungswerte

Als wesentliche Faktoren der Entscheidung für oder gegen die Erforderlichkeit einer Zwangsmaßnahme geben die Fachleute fast einstimmig ihr (Bauch-) Gefühl und ihre Erfahrung an, was an folgenden Aussagen exemplarisch verdeutlicht wird.

„letztlich ist es dann doch oft ne Bauchentscheidung.“ (Richterin 2014, Z. 301)

„Ich denke, das ist [...] so ne Sache, die man im Laufe [...] der Zeit im Gefühl hat“ (Psychologin BeWo 2014, Z. 100-101)

„man weiß irgendwann, wann einfach die Zeit reif ist“ (Sozialarbeiterin SpDi 2014, Z. 160)

„das ist Erfahrung, das kann man sehr schwer in Worte fassen“ (Psychiater 2014, Z. 375)

Diesbezüglich betont die Sozialarbeiterin, dass man mit der Zeit, in der man in diesem Arbeitsfeld tätig ist, ein immer adäquater werdendes Gefühl dafür entwickelt.

„am Anfang ist man sicherlich unsicherer und ruft [den Arzt und das Ordnungsamt] einmal mehr als einmal zu wenig an. Zum Schluss hat man das einfach recht gut im Gefühl, wenn man n bisschen länger im Job ist.“ (Sozialarbeiterin SpDi 2014, Z. 267-269)

Kenntnis des Betroffen und der individuellen Vorgeschichte

Als Faktor, der den Fachkräften bei ihrer Entscheidungsfindung hilft, wurde eine gute Kenntnis der Betroffenen sowie der individuellen Vorgeschichte benannt.

Im folgenden Interviewausschnitt äußert die gesetzliche Betreuerin, dass es besonders hilfreich für sie ist, wenn sie einen Betreuten gut kennt und weiß, welche Verhaltensweisen für ihn normal sind. Zudem beschreibt sie, auf Erfahrungswerte von früheren Krankheitsepisoden und Unterbringungen zurückzugreifen, aufgrund derer sie individuelle Indikatoren für unterbringungsbedürftiges Verhalten ableitet.

„am Besten ist, wenn man die Person gut kennt und weiß, was jetzt so im normalen Rahmen ist und was nicht, ne. Da wusste ichs ja genau, weil ich die Geschichte so kannte, und wusste genau, wenn die nur noch albanisch spricht, ist alles vorbei eigentlich.“ (Gesetzliche Betreuerin 2014, Z. 74-77)

„dieses Krankheitsbild kannte ich genau von früher, von anderen Episoden, wo es so war, und wusste, jetzt ist es soweit, jetzt muss sie in die Klinik, da kann man sonst nichts mehr machen“ (Gesetzliche Betreuerin 2014, Z. 54-56)

Die Sozialarbeiterin bestätigt dies, indem sie herausstellt, dass es hinsichtlich der Entscheidungsfindung hilfreich ist, wenn es in der Vergangenheit schon Zwangsmaßnahmen gab und man die damaligen Umstände kennt, da man darauf aufbauend weiß, wie man bestimmte Verhaltensweisen des Betroffenen einzuschätzen hat.

„es gibt ja in den meisten Fällen auch eine Vorgeschichte, wo man weiß, wie läuft das weiter. Bei ner Ersterkrankung und bei ner ersten Unterbringung, dann ist das alles noch neu, dann guckt man immer noch, wos läuft. Aber das war jetzt ne bekannte Patienten, das war nicht ihre erste Zwangseinweisung, und dann weiß man schon immer, wenn bestimmte Dinge vorfallen, [...] ganz genau, da klingelts.“ (Sozialarbeiterin SpDi 2014, Z. 173-179)

„ich wusste das, weil ich die Patientin [...] seit langem kenne und das immer nach dem gleichen selben Muster abläuft.“ (Sozialarbeiterin SpDi 2014, Z. 202-204)

Darüber hinaus deuten die dargestellten Erfahrungswerte der Befragten darauf hin, dass die Unterbringungsanlässe von Personen, die bereits mehrfach zwangseingewiesen wurden, immer sehr ähnlich waren, sodass sich bestimmte individuelle Verhaltensweisen benennen lassen, die allen damaligen Unterbringungen zugrunde lagen. Wenn der Betroffene dann gegenwärtig sein

‚unterbringungstypisches' Verhalten zeigt, wird dies von den Fachleuten als wesentlicher Indikator für die gegenwärtige Erforderlichkeit einer Zwangsmaßnahme angesehen.

Nachdem die Faktoren, die der Entscheidung über Zwangsmaßnahmen arbeitsfeldübergreifend zugrunde liegen, thematisiert wurden, wird nun der Frage nachgegangen, welche Rolle das ärztliche Gutachten bei der richterlichen Entscheidung spielt.

 
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