Handlungsempfehlungen

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Aus dem Theorieteil, den empirischen Ergebnissen sowie der Diskussion lassen sich Handlungsempfehlungen für die Forschung, Betroffene sowie Fachkräfte ableiten:

für die Forschung

Die soeben geschilderten Forderungen nach der Operationalisierung von unbestimmten Rechtsbegriffen und der Entwicklung von standardisierten Erhebungsinstrumenten werden als Anregung für die Forschung in den Bereichen der Psychologischen Diagnostik sowie der Klinischenund Rechtspsychologie aufgegriffen. Ziel könnte beispielsweise ein ‚Inventar zur systematischen Erfassung einer krankheitsbedingten Selbstoder Fremdgefährdung' sein. Um praxistauglich zu sein, sollten klare Beurteilungskriterien und psychopathologische Indikatoren für das Vorliegen der Unterbringungskriterien herausgearbeitet und Hinweise zum praktischen Vorgehen gegeben werden. Allerdings sollte es bei Orientierungshilfen für den Entscheidungsprozess, ob die Anwendung von Zwangsmaßnahmen im konkreten Einzelfall indiziert und legitimiert ist, belassen werden; eine gesetzliche Verankerung von spezifischen zu erfüllenden Kriterien wird nicht für sinnvoll erachtet, da dadurch die Berücksichtigung des konkreten Einzelfalls sowie die Handlungsautonomie der Fachkräfte zu sehr eingeschränkt werden könnten.

Davon abgesehen wäre es interessant, die divergierenden Unterbringungsquoten innerhalb Deutschlands nicht nur quantitativ zu erfassen, sondern auch mittels qualitativer Forschung zu verstehen.

Damit Zwangsmaßnahmen weiter reduziert werden können, wäre es sinnvoll, die Wirksamkeit von Präventionsmöglichkeiten zu beforschen und mildere Alternativmaßnahmen zu evaluieren.

für Betroffene

Generell wird es jedem empfohlen, sich darüber Gedanken zu machen, ob man lieber mittels Vorausverfügungen (Patientenverfügung, Betreuungsverfügung, Vorsorgevollmacht) Vorsorge für mögliche Situationen zukünftiger Selbstbestimmungsunfähigkeit treffen möchte, um sicherzustellen, dass die eigenen Wünsche berücksichtigt werden, oder ob man so schwierige Entscheidungen lieber den Fachleuten überlässt, damit sie im Rahmen der dann geltenden Gesetzeslage das tun können, was sie für richtig halten. Bevor eine Vorausverfügung ausgestellt wird, sollte man sich bestenfalls fachkundig beraten lassen, zumindest aber gut informieren, statt vorschnell einen Vordruck auszufüllen. Um sicherzugehen, dass die Einwilligungsfähigkeit zum Zeitpunkt der Erstellung nicht angezweifelt wird, empfiehlt es sich, sich diese fachärztlich bescheinigen zu lassen. Damit die Verfügung dann auch wirklich Beachtung finden kann, wenn es darauf ankommt, sollte sie mit dem Personalausweis stets bei sich getragen und beim Vorsorgeregister online registriert werden.

Wenn es zu einer Zwangsmaßnahme gekommen ist, sollten psychoedukative Angebote angenommen werden, um die eigenen Frühwarnmerkmale kennen und beachten zu lernen. Wenn man diese Merkmale an sich bemerkt, kann man rechtzeitig auf freiwilliger Basis Hilfe in Anspruch nehmen und somit erneuten Zwangsmaßnahmen vorbeugen.

Wenn in der Psychiatrie eine psychopharmakologische Behandlung erfolgt ist, steht nach der Entlassung die gut zu durchdenkende Entscheidung an, ob man die Medikamente weiterhin nehmen möchte oder nicht. Entscheidet man sich für eine Einnahme, sollte diese kontinuierlich, also nicht nur während schlechter Zeiten, erfolgen. Möchte man die Medikamente irgendwann bzw. direkt nach der Entlassung absetzen, sei vor einem eigenmächtigen, abrupten ‚Weglassen' dringend gewarnt; stattdessen sollten sie in Rücksprache mit einem Psychiater oder Neurologen langsam ausgeschlichen werden, um Absetzerscheinungen und Rückfällen vorzubeugen.

Die folgenden Empfehlungen richten sich in erster Linie an Menschen, die von Zwangsmaßnahmen betroffen sind und die Anwendung von Zwang in ihrem konkreten Fall für ungerechtfertigt halten und dagegen vorgehen möchten: Wenn öffentlichrechtlich untergebrachte Menschen den Eindruck haben, dass bestimmte Maßnahmen, die lediglich auf Grundlage ärztlichen Ermessens erfolgen, unangebracht sind, sollten sie die Möglichkeit nutzen, diesbezüglich eine gerichtliche Entscheidung zu beantragen – ‚schlimmstenfalls' bleibt es bei der ärztlich angeordneten Maßnahme, aber möglicherweise wird diese vom Betreuungsrichter auch gänzlich untersagt.

Wenn eine Zwangseinweisung unmittelbar bevorsteht, wird davon abgeraten, sich zu wehren. Erstens ist die Erfolgsaussicht gering, da die Fachleute in der Überzahl sind und Gewalt anwenden dürfen, und zweitens ist es nicht hilfreich, als fremdaggressiv zu gelten, da bei akuter Gefahr für Dritte unmittelbar und ohne gerichtliche Überprüfung sowohl eine zwangsweise Verabreichung von beruhigenden Psychopharmaka als auch eine Fixierung erfolgen dürfen. Stattdessen sollte versucht werden, möglichst ruhig zu bleiben und abzuwarten, bis die richterliche Anhörung stattfindet. Falls die Mitpatienten oder Mitarbeiter in der Psychiatrie davor warnen sollten, dass ‚der Richter kommt', sollte man versuchen, sich davon nicht einschüchtern zu lassen. Der Kontakt zu einem Betreuungsrichter sollte vielmehr als Chance aufgefasst werden, denn die richterliche Anhörung infolge einer sofortigen Unterbringung führt nicht automatisch zu einem Unterbringungsbeschluss, sondern bietet gleichermaßen die Möglichkeit, entlassen zu werden; je nachdem, ob der Betreuungsrichter den Betroffenen nach dem Gespräch für unterbringungsbedürftig hält oder nicht. Immerhin ist es seine Aufgabe, die Unterbringung auf ihre Richtigkeit zu prüfen; wer also die Zwangseinweisung für ungerechtfertigt und deren Zustandekommen für ein Missverständnis hält, sollte das Gespräch mit dem Richter unbedingt nutzen und ihm die eigene Sicht der Dinge sachlich erklären. An der hier befragten Richterin wurde eine unvoreingenommene, faire und reflektierte Vorgehensweise deutlich, die nach reichlicher Überlegung zu einer sorgfältig abgewogenen Entscheidung führt. Diejenigen, deren Unterbringung aufgehoben wurde, die sich aber zurzeit stationär besser aufgehoben fühlen würden als zu Hause, haben die Möglichkeit, auf freiwilliger Basis weiterhin in der Klinik zu bleiben und sich jederzeit selbst entlassen zu können.

 
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