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...für Fachleute bzw. für die Praxis

Bevor im weiteren Verlauf auf die Konsequenzen speziell für die Soziale Arbeit eingegangen wird, werden nun generelle Handlungsempfehlungen für Fachkräfte im Handlungsfeld von Zwangsmaßnahmen ausgesprochen, die die geläufigen Empfehlungen (Zwang nur als ultima ratio, zunächst auf Freiwilligkeit hinwirken etc.) ergänzen sollen.

Damit man als Fachkraft bei der Auslegung der unbestimmten Rechtsbegriffe nicht ganz auf sich allein gestellt ist, empfiehlt es sich zum einen, sich beispielsweise in Gesetzeskommentaren über die Rechtsprechung zu informieren, um Anhaltspunkte dafür zu bekommen, was die herrschende Meinung unter den Begriffen versteht und wie in bestimmten Grenzfällen entschieden wurde. Zum anderen wird ein kollegialer Austausch unter Fachleuten für sinnvoll befunden. In den Interviews wurde herausgestellt, dass insbesondere Erfahrung und Gefühl relevant für die Entscheidungsfindung sind, sie sich aber erst im Laufe der Berufstätigkeit entwickeln. Von daher könnten vor allem Berufseinsteiger von einem kollegialen Austausch profitieren. Da die Unterbringungspraxis so divergent ist, wäre ein überregionaler, interdisziplinärer Austausch über die jeweiligen Vorgehensweisen und Entscheidungsgrundlagen sicherlich ebenfalls sehr bereichernd und perspektivenerweiternd.

Zudem könnten Handlungsleitlinien und Entscheidungshilfen aus der Praxis für die Praxis entwickelt werden, um den Fachkräften in Zwangssituationen mehr Handlungssicherheit zu geben, zumal es sich meist um dramatische, emotional sehr belastende und gefährliche Situationen handelt. Voraussetzung für die Entwicklung von Entscheidungshilfen wäre allerdings, dass die Fachleute ihre Entscheidungen reflektieren und insbesondere bei ‚Bauch-/Gefühlsentscheidungen' versuchen zu rekonstruieren, welche situativen Aspekte oder Verhaltensweisen des Betroffenen zum Zustandekommen dieses Gefühls beigetragen haben; möglicherweise kristallisieren sich beim Rückblick auf mehrere Fälle auch Parallelen heraus.

Wenn ein Betroffener mehrere psychosoziale Hilfsangebote nutzt, wäre es aus Gründen der Prävention sinnvoll, wenn die einzelnen Akteure miteinander kooperieren und sich nach Einholung einer Schweigepflichtsentbindung untereinander austauschen würden. So könnten sie sich beispielsweise gegenseitig auf Zustandsverschlechterungen aufmerksam machen und die Hilfen besser aufeinander abstimmen.

Wenn man in einer bestimmten Situation die Anwendung von Zwang für indiziert hält, sollte man kurz innehalten und überlegen, inwiefern dabei subjektive Bewertungsmaßstäbe angelegt wurden und welche Rolle das eigene Unbehagen, einen Menschen in einer für leidvoll erachteten Situation sich selbst zu überlassen, gespielt haben könnte. Um die Wünsche und Einstellungen des Betroffenen zugrunde legen zu können, ist es unabdingbar, diese zu kennen. Idealerweise sollte man diese vorab in einem persönlichen Gespräch im Zustand freier Willensbestimmung gemeinsam eruieren, allerspätestens aber in Form einer Nachbesprechung nach einer erfolgten Zwangsmaßnahme.

In der konkreten Zwangssituation wird dazu geraten, die Abläufe möglichst transparent zu gestalten und dem Betroffenen zu erklären, was als nächstes passiert, wieso es dazu kam und wer die beteiligten Personen sind. Des Weiteren sollte dem Betroffenen in der Zwangssituation menschliche Zuwendung und Begleitung zumindest angeboten werden, auch wenn es sein kann, dass er diese ablehnt. Zudem sollte darauf geachtet werden, dass eine Zwangseinweisung so diskret wie möglich vonstattengeht, um eine Stigmatisierung des Betroffenen in seinem unmittelbaren Wohnumfeld zu vermeiden und seine Privatsphäre zu schützen.

Außerdem sollte sich stets vergegenwärtigt werden, dass das Erleben von psychiatrischen Zwangsmaßnahmen Weichen stellend für das zukünftige Hilfesuchverhalten sein kann; von daher ist es wichtig, dass die Fachkräfte und die beteiligten Institutionen des psychiatrischen Versorgungssystems für so wenig bedrohlich und feindselig wie möglich gehalten werden.

 
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