2.2.2 Die Partnerschaftsentwicklung Alleinerziehender aus Sicht des Lebenslaufansatzes

Die Untersuchung von Partnerschaftsund Haushaltsgründungen von Eltern nach dem Alleinerziehens impliziert die Kombination von partnerschaftsund fertilitätsbiografischen Ereignissen. Die Lebenslaufforschung betont eben diese längsschnittlich-interdependente Perspektive, indem sie den „Lebenslauf als Ergebnis eines selbstreferentiellen und simultan verschiedene Lebensbereiche betreffenden Entscheidungsprozesses individueller Akteure“ versteht, „der zudem in einen gesellschaftlichen Mehrebenenzusammenhang eingebettet ist“ (Huinink 1998: 306).

Ausführlicher bedeutet dies, dass der Lebenslauf als bestehend aus Statuspassagen („Trajectories“, Elder/Johnson/Crosnoe 2004: 8) und Statusübergängen („Transitions“, ebd.: 8) verstanden wird. Die verschiedenen Lebenslaufphasen werden von "zentralen Lebensereignissen" („Turning Points“, ebd.: 8, Huinink 1995: 154), wie beispielsweise dem Beginn oder der Auflösung von Partnerschaften beendet, gelenkt oder eingeleitet Im Wesentlichen sind es die folgenden drei von Huinink (1995), in Anlehnung an die Arbeiten Elders (1985, Elder et al. 2004), entwickelten Paradigmen, welche die relevanten Aspekte des Lebenslaufkonzepts vereinen und mit Hilfe derer auch die familiensoziologische Forschung in die Lebensverlaufsforschung eingebettet werden kann. Erstens sei der Lebenslauf als „selbstreferentieller Prozess“ anzusehen. Individuen berücksichtigten bei ihren Handlungsentscheidungen immer die persönliche Vergangenheit und die möglichen Auswirkungen auf die Zukunft. Die Pfadabhängigkeit individueller Handlungen wird hier deutlich. Zweitens können mehrere parallel laufende Teilbiographien der Individuen ausgemacht werden. Diese

„Teillebensläufe“ sind als interdependent zu betrachten. Beispielsweise können Veränderungen in der Erwerbsbiografie richtungweisende Entwicklungen in der Partnerschaftsbiografie nach sich ziehen. Und drittens ist der Lebenslauf, wie angedeutet, „Teil eines gesellschaftlichen Mehrebenenprozesses“ (Huinink 1995: 154).

Das hier gemeinte Mehrebenenmodell geht auf Coleman zurück (1990: 8ff.) und wurde für den deutschen Sprachraum von Huinink (2000) und Esser (1999) weiterentwickelt. Das Mehrebenenmodell oder „Modell der soziologischen Erklärung“ (Esser 1999: 20) beinhaltet, dass auf der Makroebene sichtbar werdende Phänomene – welche Forschungsbereich der Soziologie sind – das Resultat der Aggregation individueller Handlungen auf der Mikroebene sind. Der Möglichkeitsraum der individuellen Handlungen wird unter anderem wiederum selbst von der Situation auf der Makroebene bestimmt, während die Auswahl einer Handlungsalternative einer bestimmten Handlungslogik folgt.

Partnerschaftsverläufe (jemals) Alleinerziehender sind demnach als eine Teilbiografie im Leben der betreffenden Personen anzusehen. Gemäß der hier vorliegenden Definition (siehe Abschnitt 1.2) beinhaltet diese Biografie ein erstes Koresidieren mit Kindern, ohne den Haushalt gleichzeitig mit einem Partner zu teilen und ohne eine Beziehung zum Kindsvater zu führen. Daran anschließend können die partnerschaftlichen Statuspassagen des (jemals) alleinerziehenden Elternteils zwischen dem partnerlosen Alleinleben mit Kind, partnerschaftlichen Beziehungen mit getrennten Haushalten sowie dem partnerschaftlichen nichtehelichen oder ehelichen Zusammenleben als „Stieffamilie“ variieren. Die Passagen werden, je nach dem, durch Statusübergänge wie der Gründung von LAT-Partnerschaften, dem Zusammenzug mit einem Partner, der Eheschließung oder der Auflösung einer dieser Verbindungen eingeleitet. Wie beschrieben, wird es im theoriegeleiteten Teil der Studie um die Statusübergänge der Partnerschaftsgründung sowie der Haushaltsgründung gehen. Implizit muss dabei auch der Statuserhalt ohne weitere Veränderung bedacht werden, sprich: der Fortbestand versus die Auflösung der Partnerschaft ohne gemeinsamen Haushalt. Im Sinne der Pfadabhängigkeit (erstes Paradigma) ist für jeden der Statusübergänge relevant, welche Erfahrung das Individuum bis dahin gesammelt hat. Ob die Alleinerziehende also bereits seit der Geburt des Kindes mit diesem alleine wohnt und (auch vorher) keinen (festen) Partner hatte, oder dieser Statuspassage ein langjähriges eheliches Familienleben vorausging, sollte eine Rolle für zukünftige Partnerschaftsstatusübergänge und die damit verbundenen Konsequenzen spielen. Auch Ereignisse innerhalb anderer (interdependenter) Biografien der Person sind, im Sinne des zweiten Paradigmas, mit der Ausgestaltung partnerschaftlicher Verläufe verknüpft. Beispielsweise ist denkbar, dass das Eingehen eines neuen Arbeitsverhältnisses (Erwerbsbiografie) dazu führt, dass in diesem Kontext auch ein neuer Lebenspartner gefunden wird (Partnerschaftsbiografie). Dem dritten Paradigma zufolge sind Partnerschaftsverläufe Alleinerziehender in einen gesellschaftlichen Mehrebenenzusammenhang einzubetten. Es ist also nötig allgemeine Regeln herzuleiten nach denen die untersuchten Personen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt und unter bestimmten strukturellen und individuellen Bedingungen für oder gegen einen Statusübergang, sprich eine partnerschaftliche Veränderung, entscheiden. Um auf die Frage der Handlungslogik auf der Mikroebene eine Antwort zu geben, beschäftigt sich der folgende Abschnitt 2.3 mit diesen allgemeinen Regeln in Form von Handlungstheorien. Indem die Handlungstheorien Aussagen zu dem Akteur zur Verfügung und unter seiner Kontrolle stehenden Ressourcen beinhalten, liefern sie erste Hinweise auf die Ausgestaltung des Handlungsspielraumes des Individuums. Dieser Handlungsspielraum wird außerdem durch die objektiv gegebene Gelegenheitsstruktur auf der Makroebene beeinflusst. Strukturelle Faktoren wie Arbeitsmarktbedingungen, Kinderbetreuungsmöglichkeiten sowie der rechtlichen Situation von Alleinerziehenden und Stieffamilien aber auch normative Gegebenheiten und der regionale Partnermarkt aufgrund eines bestimmten Geschlechterverhältnisses sind im Sinne des Mehrebenenmodells relevant für die partnerschaftliche Entwicklung Alleinerziehender. Sie stellen Restriktionen dar, die sich weitgehend der Kontrolle des Akteurs entziehen. Kapitel 2.4 wird diese strukturellen Restriktionen näher beleuchten.

 
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