Hinweise auf konkrete einflussreiche Merkmale

Wie beschrieben ist ein System, und so auch das Mutter-Kind-System, besser in der Lage sich an Veränderungen anzupassen und neue Elemente zu integrieren, wenn es über günstige Ressourcen verfügt. Für Mütter mit guter Ressourcenausstattung ist die Gründung einer Partnerschaft bzw. Lebensgemeinschaft damit eine attraktive Handlungsalternative, da sie Anpassungskosten leichter tragen kann. Ist das Mutter-Kind System mit der Bewältigung bestehender Aufgaben hingegen sehr ausgelastet, stehen für die Integration eines (neuen) Partners eventuell keine Ressourcen zur Verfügung. Die Kosten einer Partnerschaftsbzw. Haushaltsgründung sind dann nicht erschwinglich. Relevante Ressourcen sind hier sowohl sozioökonomische, zeitliche als auch psycho-soziale Eigenschaften, wozu auch die Beziehung der Systemelemente untereinander gehört. Ein sehr junges und pflegebedürftiges Alter des Kindes kann zu einer starken Auslastung der Mutter führen (Textor 1993). Hofer et al. (1992) betonen zudem, dass der normativ-adaptive Ansatz auch die Karriere des Systems berücksichtigt (ebd.: 314). So beeinflusst die partnerschaftliche Geschichte der Alleinerziehenden sowohl die Bewertung der Eigenschaften des Stressors als auch die ihr zur Bewältigung zu Verfügung stehenden Ressourcen. Konkret bedeutet dies, dass beispielsweise eine Mutter-Kind-Dyade, die bis vor Kurzem noch mit dem Vater des Kindes in einer Haushaltsgemeinschaft gelebt hat, vermutlich so stark mit der Reorganisation des Alltags und der sowohl emotionalen als auch praktischen Adaption an die neue Position im System beschäftigt ist (siehe BMFSFJ

2011: 38), dass ein neuer Partner kostenintensiv wäre und vermutlich eher vermieden wird (vgl. auch Textor 1993).[1] Hinzukommt, dass eine Partnerschafts-

/Haushaltsgründung, die zeitlich nah an der Trennung oder gar am Versterben des ehemaligen Partners erfolgt, eher als abrupt und normativ wenig akzeptiert bewertet wird und damit höhere Bewältigungskosten mit sich bringt. Leben Mutter und Kind allerdings bereits seit einer gewissen Zeit in dem Zweiersystem und/oder haben die Alltagsorganisation nie gemeinsam mit dem Vater bewältigt, sind vermutlich mehr Kapazitäten zur Adaption an eine mögliche Veränderung des Systems verfügbar.[2]

Eigenschaften des Elements bzw. neuen Partners, die eine gelungene Anpassung an das bestehende System begünstigen, sind Verständnis, Empathie und Offenheit seitens des Partners, also im Allgemeinen Eigenschaften, die im Rahmen der Austauschtheorie als wünschenswerte Eigenschaften von Partnern identifiziert wurden und in der Terminologie der Suchtheorie unter D fallen. Damit erhöht sich für Individuen, die sich großen Anpassungsanstrengungen gegenüber sehen der Wert dem sie D beimessen. Mit anderen Worten: Die Kosten, die sie mit der Suche nach einem möglichst hohen D verbinden, sind relativ gesehen gering, da ein hohes D Anpassungskosten mindert. Die Suchdauer betreffender Alleinerziehender ist daher aufgrund eines erhöhten Akzeptanzniveaus ausgedehnt.

Wie erwähnt ist für die Handlungsentscheidung weniger relevant welchen Einfluss der Stressor tatsächlich hätte, sondern vielmehr wie die Alleinerziehende ihn bewertet. Hierzu werden insbesondere zwei Dinge für relevant erachtet. Zum einen die Existenz eines gewissen Erziehungsideals, das unter anderem Stabilität als Notwendigkeit für eine positive kindliche Entwicklung ins Zentrum rückt. Dieses Ideal entspricht einem modernen und aufgeklärten pädagogischen und zugleich rechtlichen Konzept, das unter anderem „Kontinuität und Stabilität von Erziehungsverhältnissen“, „die inneren Bindungen des Kindes“ und „die positiven Beziehungen zu beiden Eltern“ als zentrale Anker für das Kindeswohl erachtet (Coester 1983: 176ff.). So klärt auch das Staatsinstitut für Frühpädagogik und der Bundesverband alleinerziehender Mütter und Väter e.V. aktuell über die Risiken sowie notwendige Kompetenzen und Sensibilitäten durch alle Beteiligten im Rahmen neuer partnerschaftlicher Verbindungen von Alleinerziehenden auf (Giesecke 2001, Textor 1993, VAMV 2012). Es wird angenommen, dass Eltern mit höherem Bildungsniveau eher über entsprechendes Wissen zu aktuellen pädagogischen Konzepten verfügen bzw. eher in der Lage sind sich dieses anzueignen. Sie werden Umstrukturierungskosten daher stärker gewichten. Darüber hinaus ist denkbar, dass ältere Personen die Bedeutung stabiler Lebensumstände ebenfalls stärker gewichten. Entweder, weil sie eher über die beschriebenen pädagogischen Annahemen in Kenntnis gesetzt sind, oder weil mit steigendem Alter die Gewichtung von Kontinuität häufig zunimmt. Hier spielt ferner eine Rolle, dass auch negative Erfahrungen mit Zustandsveränderungen zu einer stärkeren Gewichtung negativer Konsequenzen führen. Sowohl eigene als auch im Umfeld erlebte Stieffamiliengründungserfahrungen können ein Bewusstwerden über anfallende Umstrukturierungskosten schaffen. Zusätzlich birgt eine Partnerschaftsgründung auch immer die Gefahr einer erneuten Beziehungstrennung, sodass demnach nicht nur eine (erneute) Phase der Umstrukturierung, sondern gar mehrere, durch das Eingehen neuer Beziehungen in Kauf genommen werden. Auch hier sollte zum einen ein höheres Alter mit einem höheren Anteil an (negativen) Erfahrungen einhergehen. Aber auch unabhängig vom Alter sollte eine erst kürzlich erlebte, oder intensive Beziehungstrennung, wie beispielsweise die Trennung einer ehelichen Beziehung sowie die persönliche Erfahrung vieler Trennungen zu einer stärkeren Assoziation negativer Konsequenzen mit einer Partnerschaftsbzw. Haushaltsgründung führen. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass auch der Kontext eine Rolle für die Bewertung der Umstrukturierungskosten spielen kann. Denn wenn Umstrukturierungserfahrungen beispielsweise aufgrund einer großen Verbreitung alternativer Lebensformen in der Gesellschaft oder dem sozialen Umfeld, wie Alleinerziehendenoder Stiefelternhaushalte, zur Alltagsnorm werden, ist vielmehr zu erwarten, dass Umstrukturierungskosten als eher alltäglich und damit als weniger gewichtig erachtet werden. Aufgrund der größeren Verbreitung von Alleinerziehenden in Ostdeutschland sowie in bildungsschwächeren Schichten (siehe Abschnitt 2.4.2.1) sollten Umstrukturierungsprozesse für betreffende Alleinerziehende eine geringere Rolle bei der Partnerwahl spielen. Damit ist anzunehmen, dass Mütter, welche aufgrund der genannten Faktoren (Ressourcenausstattung, pädagogische Konzepte, negative Erfahrungen) die Bewältigungskosten stärker bewerten, insbesondere viel Wert auf eine hohe Partnerschaftsqualität legen und ihre Suche ausdehnen. Entsprechen Umstrukturierungsprozesse der Alltagsnorm, wird hingegen eine geringere Gewichtung entstehender Kosten erwartet.

Zusammenfassung der stresstheoretischen Hinweise zur Partnerschaftsentwicklung Alleinerziehender

Die stresstheoretische Sichtweise fügt den oben genannten Aspekten weitere Faktoren zu, die bei der Partnersuche relevant sind. Während die familienöko- nomischen Theorien sich darauf konzentrieren welche Ressourcen einen Partner zu einer besonders gewinnbringenden Option machen, betont die stresstheoretische Sichtweise eher die Kosten, die durch die Partnerschaftsoder Haushaltsgründung entstehen. Besonders Alleinerziehende stehen vor der Herausforderung nicht nur die für ihre eigene Person entstehenden, sondern auch die für das Kind anfallenden Umstrukturierungskosten vorherzusehen und zu verantworten. Für das gesamte System ist insbesondere, aber nicht ausschließlich, durch die Haushaltsgründung mit einem Partner mit hohen Kosten zu rechnen. Wird eine Haushaltsgründung prinzipiell angestrebt, gilt es also bereits bei der Gründung der Partnerschaft auf die Eignung des Mannes als Haushaltspartner zu achten. So kann das Risiko weiterer Trennungen und Partnerschaftsumbrüche, also zusätzlicher Stressoren für Mutter und Kind, eingegrenzt werden. Die Umstrukturierungskosten variieren mit der Familienkarriere der Mutter-Kind-Dyade (hier insbesondere die Zeit, die seit dem Beginn des Alleinerziehens vergangen ist), mit den Eigenschaften des Partners, sowie mit den Eigenschaften und Ressourcen von Mutter und Kind. Hohe Umstrukturierungskosten führen dazu, dass der partnerschaftliche Übergang solange aufgeschoben wird, bis sich die Ressourcensituation verbessert oder ein Partner mit ausreichend moderierenden Eigenschaften gefunden wird.

  • [1] Dieser Gedankengang findet sich auch in anderen Studien, wenn auch ohne eine systematische theoretische Einbettung (vgl. bspw. Lefebvre/Merrigan 1998: 746, Jaschinski 2011: 225).
  • [2] Man mag an dieser Stelle argumentieren, dass ein funktionierendes System stärker negativ durch ein neues Element beeinflusst wird als ein ohnehin schlecht funktionierendes System. Hier schwingt die Annahme mit, dass das neue Element das mangelhafte System effizienter vervollständigen könnte, während dieser Vorteil in dem perfekten System die Nachteile nicht aufwiegen kann. Damit sind in diesem Sinne jedoch die expliziten Annahmen der Stresstheorie mit denen der allgemeinen Systemtheorie sowie der Familienökonomie und Austauschtheorie vermischt. In der stresstheoretischen Sichtweise wird der Übergang allein als Stressor angesehen und es wird beschrieben, was ihn mildert oder verstärkt. Ergänzende oder positive Funktion kommt ihm nicht zu. In diesem Sinne richtet er sowohl im gut funktionierenden als auch im schlecht funktionierenden System „Schaden“ an, der im gut funktionierenden System jedoch durch eine günstige Ressourcenausstattung einfacher aufgefangen werden kann.
 
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