Forschungsstand zur Partnerschaftsentwicklung alleinerziehender Mütter

Einleitung

Analog zu den zentralen Forschungsfragen teilt sich auch die Aufarbeitung des Forschungsstands in zwei inhaltliche Abschnitte. In einem ersten Schritt (Abschnitt 3.2) werden Befunde aufgegriffen, in denen Hinweise zur Einordnung des Alleinerziehens in den partnerschaftlichen Lebenslauf zu finden sind. In einem zweiten Schritt werden Arbeiten referiert, welche Aufschlüsse über die Verweildauer im Status des Alleinerziehens liefern (Abschnitt 3.3). Während sich zum zweiten Punkt eine Vielzahl deskriptiver als auch inferenzstatistischer Studien finden lassen, beruhen Ergebnisse zum ersten Punkt auf wenigen, beschreibenden Untersuchungen. Im Folgenden werden nationale wie internationale Studien berücksichtigt, gleichwohl werden deutsche Untersuchungen aufgrund des hier vorliegenden deutschen Studienkontextes im Zentrum stehen. Da die Forschungsfragen dieser Arbeit betont längsschnittlich orientiert sind, lässt der Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Partnerschaftsentwicklung Alleinerziehender Querschnittstudien weitestgehend außen vor (siehe bspw. Schneider et al. 2001, Brand/Hammer 2002; Nave-Herz/Krüger 1992).

Eine besondere Herausforderung ist an dieser Stelle in der adäquaten Darstellung der jeweiligen Untersuchungspopulationen in den unterschiedlichen Studien zu sehen. Wie bereits beschrieben, variieren die Definitionen verschiedener Lebensformstatus und -übergänge zwischen den Untersuchungen bisweilen erheblich, was sich auch in den empirischen Vorgehensweisen widerspiegelt. Abweichende Ergebnisse mögen daher mitunter das Resultat eben dieser uneinheitlichen theoretischen und methodischen Konzeptionen sein.

Studien zur Einordnung des Alleinerziehens in den partnerschaftlichen Lebenslauf

Das Alleinerziehen ist kein statischer Zustand. Alleinerziehende Elternschaft kann durch den Zusammenzug mit einem Partner, dem Heranwachsen, dem Auszug oder dem Versterben der Kinder beendet werden. Entsprechend erleben deutlich mehr Frauen und Männer jemals eine Episode des Alleinerziehens in ihrem Leben als es Querschnittdaten vermuten lassen. Auf Basis des Family and Fertility Surveys (FFS) 1992 zeigt Stegmann (1997), dass 45 Prozent der ostdeutschen, zwischen 1953 und 1972 geborenen, Frauen mindestens einmal in ihrem Leben alleinerziehend waren, in Westdeutschland trifft dies nur auf rund 20 Prozent der Frauen zu (ebd.: 234). Zudem erleben einige Personen das Alleinerziehen häufiger als einmal im Leben. Vor 1992 waren in Ostdeutschland 37 Prozent der jemals alleinerziehenden Mütter häufiger als ein Mal alleinerziehend, in Westdeutschland machte dieser Anteil zwölf Prozent aus (ebd.: 69). Insbesondere der Anteil in Ostdeutschland ist mitunter auf den restriktiven Wohnungsmarkt der DDR zurückzuführen, sodass die Zahlen nur eingeschränkt auf die heutige Situation übertragen werden können. Aktuelle repräsentative Daten existieren hierzu derzeit nicht.

Für Deutschland liegen nur wenige Untersuchungen zur Partnerschaftsentwicklung Alleinerziehender vor, die Hinweise zu einer Einordnung des Alleinerziehens in den Gesamtpartnerschaftsverlauf liefern. Aktuelle Zahlen sind zum einen bei Fux (2011) auf Basis des deutschen Generations and Gender Surveys (GGS) von 2005 zu finden. Fux analysiert sowohl Väter als auch Mütter und definiert Elternteile als alleinerziehend, wenn sie mit biologischen, Adoptiv-, Stiefoder Pflegekindern zusammenleben und gleichzeitig keine Partnerschaft zu im oder außerhalb des Haushalts lebenden Erwachsenen besteht (Fux 2011: 43).[1] Der Status ist bei Fux unabhängig vom Zusammenleben mit weiteren Erwachsenen mit denen keine partnerschaftliche Beziehung geführt wird (beispielsweise Eltern des/der Alleinerziehenden). Die Daten basieren auf retrospektiven Informationen teils vollständiger Lebensverläufe: Zum Interviewzeitpunkt sind die Befragten zwischen 18 und 79 Jahre alt. Der weit überwiegende Großteil der befragten jemals alleinerziehenden Männer und Frauen erlebt im Erhebungszeitraum nur eine Episode des Alleinerziehens (92 Prozent). Sieben Prozent sind zwei Mal, 0,4 Prozent sind drei Mal während der Beobachtungszeit alleinerziehend.

Zum anderen liefern Ott et al. (2011) aktuelle Ergebnisse zum Partnerschaftsverhalten Alleinerziehender. Die Autoren stützen sich in ihren Analysen zur Dauer des Alleinerziehens von Müttern auf zwischen 1984 und 2009 erhobenen Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP). Alleinerziehend ist, wer mit minderjährigen Kindern (leibliche, Adoptiv-, Stief-, oder Pflegekinder) den Haushalt teilt, ohne gleichzeitig mit einem Partner oder anderen Erwachsenen (außer weiteren erwachsenen Kindern) zusammenzuwohnen. Wie die Autoren selbst anmerken, muss berücksichtigt werden, dass zum einen keine retrospektiven Informationen über Partnerschaften vor der ersten Erhebungswelle vorliegen (ebd.: 4). Aufgrund dieser Linkszensierung, sind Phasen des Alleinerziehens grundsätzlich unterschätzt. Weder lässt sich mit Sicherheit sagen, ob eine Person tatsächlich nie in diesem Status gelebt hat, noch um die wievielte Episode des Alleinerziehens es sich jeweils handelt. Episoden des Alleinerziehens, die bereits zum ersten Interviewzeitpunkt bestanden, können hier nicht längsschnittlich analysiert werden, da ihre Dauer ungewiss ist (ebd.: 9f.). Zudem werden nur jahresgenaue Angaben zu Partnerschaften berücksichtigt, sodass teils erhebliche Ungenauigkeiten bei der Erfassung der Dauer und der Häufigkeit von Episoden des Alleinerziehens möglich sind. Die Zahlen verweisen darauf, dass knapp zehn Prozent der untersuchten, jemals alleinerziehenden Frauen zweimal im Beobachtungszeitraum alleinerziehend waren. Jedoch auch kaum jemand häufiger als zweimal. Der Ausgangspunkt des Alleinerziehens (Alleinleben bei Geburt versus Haushaltsauflösung) sowie ob es sich um die erste erlebte Episode des Alleinerziehens handelt, bleibt aufgrund des Umfragedesigns ungewiss. Damit kann an diesen Zahlen nicht abgelesen werden wie viele Wechsel diese Frauen zwischen dem Leben als Paarund Einelternfamilie tatsächlich erlebt haben. Nichtsdestoweniger entsprechen die Anteilswerte bei Ott et al. 2011 annährend denen bei Fux 2011 (siehe oben).

Schneider et al. (2001) befragen 500 alleinerziehende Frauen, von denen 77 Prozent erstmalig, 18 Prozent zum zweiten und 2,5 Prozent zum dritten Mal alleinerziehend sind. Welche Partnerschaftsstatus das Alleinerziehen unterbrechen und welche nicht, begründet sich auf Selbstdefinition der Befragten. In der Regel wurden die einzelnen Episoden durch eheliche Verbindungen unterbrochen. LAT-Beziehungen (auch solche von längerer Dauer) unterbrachen das Alleinerziehen, laut der Aussage der meisten Frauen, nicht (ebd.: 17).

Eine ältere deutsche, deskriptive Studie zum Partnerverhalten nach einer Familiengründung, zeichnet sich durch die Konzentration auf den dynamischen Charakter von Lebensformen aus, indem sie die Methode der Sequenzanalyse zugrunde legt. Die Studie von Stegmann (1997) basiert auf retrospektiven Daten des deutschen FFS von 1992 und analysiert Partnerschaftsverläufe von Eltern. Als alleinerziehend definieren sich hier Frauen, die mit biologischen Kindern und ohne Partner im Haushalt leben. Weitere Erwachsene im Haushalt oder die Existenz einer LAT-Beziehung spielen keine Rolle bei der Identifikation alleinerziehender Frauen (ebd.: 57f.). Elf Prozent der westdeutschen und 37 Prozent der ostdeutschen befragten Frauen waren mindestens einmal zwischen dem Alter 20 und 39 alleinerziehend (ebd.: 69). Dabei ist anzumerken, dass der damalig hohe Anteil jemals alleinerziehender Frauen in Ostdeutschland auch Re- sultat der knappen Wohnungssituation in der DDR war und damit kaum auf die aktuelle deutsche Situation übertragbar ist. Die Sequenzanalyse zeigt hier, dass es verschiedene Partnerschaftsverlaufsmuster von Eltern gibt. Frauen, die über die gesamte Dauer der Mutterschaft (bis zum 40. Geburtstag) alleinerziehend sind, machen etwa drei Prozent an allen elterlichen Partnerschaftsverläufen aus bzw. 13 Prozent an allen Partnerschaftsverläufen von Frauen, die jemals alleinerziehend sind (ebd.: 99). Ferner zeigt sich, dass ein gewisser Anteil an Frauen wiederholt in das Alleinerziehen einund austritt. Aufgrund der gewählten Kategorisierung sind genaue Häufigkeitsangaben hier nicht möglich. Es wird aber deutlich, dass insbesondere Frauen, die bei der Geburt des ersten Kindes alleine leben, häufig mehrere Wechsel zwischen dem Leben als Einund Zwei-ElternFamilie aufweisen (ebd.: 97).[2] Zudem sind diese Frauen zum Zeitpunkt der ersten Kindgeburt überdurchschnittlich jung (ebd.: 101, 153).

Zartler und Berghammer (2013) präsentieren ebenfalls Ergebnisse für den deutschsprachigen Raum (Österreich) auf Basis des FFS 1995/96 und des GGS 2008/09. Sie analysieren auf Haushaltsebene die Partnerschaftsbiografien von Müttern innerhalb der ersten acht Jahre nach einer Trennung vom Kindsvater aus der Kinderperspektive. Die Hälfte der Kinder, deren Eltern sich trennen, erlebt in diesen acht Jahren keine Veränderung der Haushaltszusammensetzung, die Kinder leben also durchgehend bei ihrer alleinerziehenden Mutter.[3] Etwa 40 Prozent erleben mindestens eine Veränderung, also die Gründung eines Stieffamilienhaushalts, und 13 Prozent der Kinder erleben gar zwei und mehr Veränderungen (ebd.: 296). Insbesondere junge Kinder bzw. Kinder junger Frauen erleben häufiger multiple Haushaltskompositionsveränderungen (ebd.: 298). Die Autorinnen führen dies sowohl auf bessere Partnermarktchancen jüngerer Frauen zurück, mit Verweis auf Martin, Le Bourdais und Lapierre-Adamcyk (2011) aber auch auf ein höheres Trennungsrisiko von bei Stieffamiliengründung jüngeren Müttern. Ferner zeigt die Studie, dass das Erleben multipler Haushaltsveränderungen mit der Zeit zugenommen hat. Kinder von Frauen mit niedrigem Bildungsniveau erleben die Stieffamiliengründung und auch weitere Übergänge häufiger als Kinder von Frauen mit hohem Bildungsniveau. Inhaltlich werden die Befunde mit erhöhtem Partneranspruch und geringerem ökonomischen Bedarf von Frauen mit höherem Bildungsniveau erklärt (ebd.: 302). Von einem ähnlichen Anteil an Kindern, der nach der elterlichen Scheidung zwei und meh Haushaltsveränderungen erlebt (elf Prozent), berichten Amato und Sobolewski (2001) für die USA.

Weitere nationale wie internationale holistische Betrachtungen elterlicher Partnerschaftsverläufe beziehen sich auf die Gesamtheit elterlicher Beziehungsbiografien und lassen keine spezifischen Aussagen über die Gruppe jemals alleinerziehender Personen zu (Feldhaus/Huinink 2011, Graefe/Lichter 1999, Bzostek 2009: 30).

Die Studien geben Hinweise, dass das Alleinerziehen mitunter eine mehrmals im Lebenslauf wiederkehrt und sich mit dem Leben in Folgepartnerschaften abwechselt. Vor allem ein junges Alter der Mutter führt zu häufigeren Wechseln. Darüber hinaus zeigt sich, dass vergangene Studien, entweder aufgrund einer breiteren inhaltlichen Ausrichtung auf sämtliche elterliche Partnerschaftsverläufe oder aufgrund eingeschränkter Daten nur selten eine detaillierte Einordnung des Alleinerziehens in den Gesamtpartnerschaftsverlauf ermöglichten. In keiner Studie wird gleichzeitig die Ordnung des Alleinerziehens erfasst (erstes, zweites, drittes Mal), die Zeit des Alleinerziehens seit einer Trennung als auch seit einer partnerlosen Geburt inkludiert sowie dargelegt, welche Dynamik eine Berücksichtigung von LAT-Partnerschaften offenbart. Darüber hinaus beschränken sich die Ergebnisse auf Partnerschaftsprozesse nach Übergang in die Elternschaft. Inwiefern diese Teilverläufe mit dem Partnerschaftsverhalten vor der Geburt des ersten Kindes in Verbindung stehen, bleibt entsprechend unklar.

  • [1] Im Gegensatz zum Beziehungsund Familienpanel pairfam erfragt der GGS lediglich den Beginn und das Ende von vergangenen Partnerschaften, die zumindest vorübergehend kohabitierten. Bereits beendete Beziehungen, die immer getrennte Haushalte aufwiesen, werden im Retrospektivmodul nicht erfasst. Wie die Studie von Fux (2011) dennoch auch solche LATEpisoden identifizieren kann, ist nicht näher dokumentiert. Tatsächlich weisen Ergebnisse der Studie eher darauf hin, dass nicht alle LAT-Episoden erfasst werden konnten (siehe Seite 125).
  • [2] Knapp 20 Prozent der Frauen, die bei der Geburt des Kindes alleine lebten, erleben im Anschluss an die Geburt mindestens zwei Auszüge von Haushaltspartnern. Dies trifft auf weniger als fünf Prozent der bei Geburt kohabitierenden jemals Alleinerziehenden zu.
  • [3] Die Autorinnen weisen selbst darauf hin (ebd.: 302), dass die Wohnverhältnisse der Kinder anhand der Daten nicht eindeutig geklärt werden können. Aufgrund des grundsätzlich hohen Anteils bei der Mutter lebender Kinder, wird davon ausgegangen, dass die bei Zartler und Berghammer (ebd.) untersuchten Kinder bei der Mutter leben.
 
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