Der Einbezug stresstheoretischer Mechanismen

Die vielfach diskutierten austauschtheoretischen und familienökonomischen Mechanismen wurden durch stresstheoretische Elemente der sozialpsychologischen Systemtheorie ergänzt und in die Modellierung der Partnerschaftsentwicklung alleinerziehender Frauen einbezogen (zur ausführlicheren Zusammenfassung des theoretischen Hintergrunds siehe Abschnitt 5.1). Dies lieferte erstmals Hinweise darauf, dass die in bisheriger Forschung fokussierten theoretischen Aspekte Bedarf, Attraktivität und Gelegenheit nicht die einzigen und eventuell auch nicht die Hauptaspekte bei der Partnerschaftsentwicklung alleinerziehender Frauen sind. Vielmehr deuten die Analysen darauf hin, dass Mütter bevorstehende Umstrukturierungsaufgaben bei ihrer Entscheidung für oder gegen partnerschaftliche Veränderungen berücksichtigen. Die Ergebnisse basie- ren allein auf indirekten Operationalisierungen. So zeigte sich, dass Mütter, die direkt nach der Beziehung zum Kindsvater Partnerschaften gründen, längere Phasen des LATs erleben, als Frauen mit später gegründeten Partnerschaften. Auch ziehen diese Frauen eher mit einem (Folge-)Folgepartner zusammen als mit dem direkten neuen Partner. Dieses Resultat könnte darauf hindeuten, dass in den betreffenden Familiensystemen, aufgrund der erst kürzlich erlebten Trennung vom Kindsvater, weniger Ressourcen zur Bewältigung (erneuter) Umstrukturierungskosten zur Verfügung stehen. Besteht das Alleinerziehen hingegen bereits seit Längerem, kann das re-stabilisierte System erneuten Änderungen, wie einer (erneuten) Haushaltskompositionsveränderung, eventuell kompetenter begegnen. Auch der Befund, dass Frauen, die seit der Auflösung einer LAT-Partnerschaft mit dem Kindsvater alleinerziehend sind, schneller Partnerschaften eingehen als beispielsweise aus nichtehelichen Kohabitationen getrennte, kann als Zeichen dafür gewertet werden, dass in diesen Kontexten eine geringere trennungsbedingte Umstrukturierungsbelastung bestand und damit mehr Ressourcen für erneute Veränderungsbewältigungen bereitstehen. Entsprechende, wenn auch indirekt geschlossene, Hinweise dieser Studie setzen deutliche Anreize zur Vertiefung theoretischer und empirischer Bestrebungen im Rahmen der Erforschung familiensystemischer Einflüsse auf die Partnerschaftsentwicklung Alleinerziehender. Eine umfangreiche, längsschnittliche, qualitative Erforschung von Motiven und antizipierten Konsequenzen über den Partnerschaftsbildungsprozess hinweg wäre hier etwa vielversprechend. Auch ein Vergleich zwischen alleinerziehenden Männern und alleinerziehenden Frauen mag interessante Einblicke in die Mechanismen der Partnerschaftsentwicklung hervorbringen, da Mütter und Väter in der Regel deutlich verschiedene Positionen innerhalb familialer Systeme einnehmen.

 
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