Die Perspektive der Opfer

Es gibt in Deutschland bislang wenige qualitative wissenschaftliche Untersuchungen zu Opfererfahrungen und ihren Folgen. Das gilt insbesondere für Opfer mit Migrationshintergrund, die von rechtsextremistischen und vorurteilsmotivierten Straftaten betroffen sind (siehe Kap. 3.3). [1] In dieser Hinsicht gibt es nur wenige empirische Erkenntnisse, die für die Sachsen-Anhalter Studie verwertbar wären. Dieses Forschungsdefizit ist umso erstaunlicher, da sich die Viktimologie als wissenschaftliche Disziplin hierzulande längst etabliert hat (vgl. Böttger et al. 2014, S. 47).

In einer Panel-Studie (in zwei Erhebungswellen) im Forschungsdesign der Grounded Theory (Glaser und Strauss 1967; Strauss und Corbin 1996) haben Böttger et al. (2014) mithilfe von qualitativen Interviews die Erfahrungen von Opfern rechtextremistischer Gewalt untersucht. Sie haben insbesondere die Opfererfahrungen von Ausländern und ethnischen Minderheiten in den Blick genommen, die im Kontext ihrer Viktimisierung Kontakt mit der Polizei hatten. Von den interviewten Opfern kam die Hälfte (elf Personen) aus dem Ausland nach Deutschland; die andere Hälfte war in Deutschland geboren. Außerdem haben sie untersucht, wann und mit welchem Erfolg von diesen Opfern staatliche oder institutionelle Hilfe gesucht wird und welche Konsequenzen dies hat.

Für die Beurteilung der sozialen Kontrollinstanzen ist es für die Autoren entscheidend, wie die Polizeiarbeit während oder nach der vorurteilsmotivierten Gewalttat durch die Betroffenen erlebt wird (ebd., S. 114–121).

Die Ergebnisse der Panel-Studie zeigen, dass deutlich über die Hälfte der Opfer während oder unmittelbar nach der Viktimisierung negative Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben. Teilweise wurden auch positive Erfahrungen berichtet; diese allerdings von weniger als einem Drittel der Betroffenen/Interviewten. Als aufschlussreich erwies sich eine Differenzierung der Opfer danach, ob sie aus ihrem Herkunftsland kommen oder in Deutschland geboren sind. Während von den Letzteren (also den in Deutschland Geborenen) nur eine Person über positive Erfahrungen mit der Polizei berichtete und alle anderen über „fehlende Hilfsbereitschaft, Distanz oder sogar Gleichgültigkeit“ ihnen gegenüber berichteten, hatten die Opfer aus anderen Herkunftsländern das Verhalten der Polizei etwa zu gleichen Teilen positiv und negativ empfunden. Es handelte sich bei diesen Personen um neun vor Bürgerkrieg oder politischer Verfolgung Geflüchtete und zwei Migranten, die wegen einer Ausbildung bzw. Berufstätigkeit nach Deutschland gekommen waren. In den positiven Berichten wurde die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Polizisten gelobt und gleichzeitig betont, dass bei ihren früheren Polizeikontakten in ihren Herkunftsländern das Gegenteil der Fall gewesen sei. Ein solcher Vergleich konnte von den in Deutschland geborenen Opfern naheliegenderweise nicht herangezogen werden.

Trotz dieser differenzierten Befunde äußern sich Böttger et al. kritisch zum polizeilichen Verhalten. Sie verbinden die Kritik mit ihrem Untersuchungsergebnis, dass mehr als die Hälfte der Interviewpartner über negative Erfahrungen mit der Polizei unmittelbar nach ihrer Viktimisierung berichten und merken an, dass diese Betroffenen, die teilweise schwere körperliche Verletzungen und psychische Schäden davongetragen haben, mehr Hilfe erhofft hätten. Sie erwarteten Empathie für ihre Situation, erfuhren stattdessen „ganz offensichtlich viel zu oft Distanz und Gleichgültigkeit“ (Böttger et al. 2014, S. 164).

Quent et al. (2014) haben in einem teilstandardisierten Telefoninterview 44 Migranten zu ihren Erfahrungen mit der Polizei befragt, die zwischen 2010 und 2013 bei der Opferberatungsstelle „ezra“ (Thüringen) betreut worden sind. Danach ist das polizeiliche Handeln “häufig sehr problematisch“. Die Opfer rechter Gewalt fühlen sich von der Polizei „nicht ernst genommen“, „sehen sich häufig als „Täter_innen und nicht als Opfer“ behandelt“. Mehr als die Hälfte hatten das Gefühl, dass die Polizeibeamten nicht an „der Aufklärung der politischen Motive der Tat interessiert“ waren und man ihnen mit „Vorurteilen“ begegnete. Die negativen Folgen für die Opfer werden in einer sekundären Viktimisierung mit nachhaltigen psychischen und sozialen Folgen gesehen und in einem geringen Vertrauen in die Institution Polizei. Weniger als ein Fünftel vertrauen der Polizei, deutlich mehr den Gerichten (ebd., S. 46). Die Ergebnisse fügen sich in das Gesamtbild der bisherigen Untersuchungen ein und verweisen auf die Schwierigkeiten von Polizeibeamten, mit Opfern, die kulturell als andersartig gesehen werden, sozialund sachadäquat umzugehen.

  • [1] Nach Böttger et al. gibt es unter den aktuell vorliegenden Studien zu den Folgen rechtsextremistischer Straftaten für Opfer wesentlich mehr quantitative als qualitative Studien, die jedoch theoretisch nicht zufriedenstellend fundiert seien und widersprüchliche Ergebnisse lieferten (vgl. Böttger et al. 2014, S. 47).
 
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