Auswahl der Untersuchungsteilnehmer (Sampling)

Mithilfe der Interviews und Gruppendiskussionen sollen zur Beantwortung der Forschungsfragen valide und aussagekräftige Daten erhoben werden. Von den auszuwählenden Teilnehmern an den Erhebungsverfahren wird erwartet, dass sie substanziell ergiebig Auskunft geben können und das grundsätzlich auch tun wollen.

Im Unterschied zur quantitativ orientierten Forschung, bei der darauf geachtet werden muss, dass eine Stichprobe die Struktur der Grundgesamtheit bezüglich wesentlicher Merkmale möglichst getreu widerspiegelt (vgl. Lamnek 2010,

S. 163), ist es für die qualitative Forschung vielmehr wichtig, konkrete Geltungsmaßstäbe für die Untersuchungen zu setzen. Es geht darum, mithilfe der qualitativen Erhebungsund interpretativen Auswertungsverfahren herauszuarbeiten, was typisch ist, etwa für die Denkund Handlungsmuster einer sozialen Gruppierung, der die Untersuchten angehören (vgl. ebd., S. 166 und 350–352). In der vorliegenden Studie sind das die Gruppen der Opferbetreuerinnen, der Dolmetscherinnen, der Opferberaterinnen und -berater und der Polizeibeamtinnen und -beamten und deren kollektiv geteilte Erfahrungsund Wissensbestände. Welche Personen als geeignet für die Untersuchungen auszuwählen sind, hängt von den gestellten Forschungsfragen ab und davon, welchen Beitrag diese und keine anderen Personen zur Beantwortung der Forschungsfragen leisten können.

Aufgrund der Besonderheiten im Erkenntnisinteresse, die jeweils an das Einzelinterview und die Gruppendiskussion geknüpft sind, ergeben sich auch Unterschiede in der Auswahl und Zusammensetzung der Untersuchungsteilnehmer.

Die Einzelinterviews mit Polizeibeamtinnen und -beamten in Führungsfunktionen auf unterschiedlichen Positionen sind Experteninterviews. Ein Experteninterview ist eine teilstandardisierte Befragung einer Person, welcher ein Expertenstatus zugeschrieben wird (vgl. Littig 2011). Was diese für die vorliegende Studie zur Beantwortung der Forschungsfragen interessant macht, ist ihr spezifisches Erfahrungsund Handlungswissen in Bezug auf das Verhalten und Handeln ihrer Mitarbeiter. Für die Untersuchungen wurden deshalb Polizeibeamtinnen und

-beamte angefragt und ausgewählt, die verschiedene Führungsebenen und Organisationsbereiche der Landespolizei repräsentieren. Darunter sind Dezernatsleiter, Revierleiter, Fachkommissariatsleiter, Pressesprecher, Leiter von Revierstationen, Leiter von Revierkriminalstellen und Leitende Einsatzbeamte vom Dienst. Von den 17 interviewten Personen sind drei weiblich. Zusätzlich wurde ein Polizeibeamter ausgewählt, der zwar keine Führungsaufgaben inne hat, dafür aber ein für die Studie wichtiger Experte ist und das in zweierlei spannungsreicher Hinsicht: Es handelt sich um einen Einsatzbeamten, der zugleich Polizist und Person mit Migrationshintergrund ist.

Für die Teilnahme an den Gruppendiskussionen war es wichtig, aus allen drei Direktionsbereichen Sachsen-Anhalts Einsatzbeamte und Sachbearbeiter zu gewinnen, die jeweils die Organisationsteile Schutzpolizei und Kriminalpolizei repräsentieren. Insgesamt sechs Polizeibeamtinnen und 17 Polizeibeamte haben sich dazu bereit erklärt. Darunter sind auch Beamte, die einen unmittelbaren Erfahrungsbezug zum Präzedenzfall „K“ der vorliegenden Studie aufweisen.

Für die Erfassung der Betroffenenperspektive war es wichtig, auf die Erfahrungen und Wissensbestände von langjährig und professionell tätigen Opferberatern zurückzugreifen. Hierzu wurde eine Gruppendiskussion mit zwei Mitarbeiterinnen der mobilen Opferberatung (Miteinander e. V.) und einem Mitarbeiter des Multikulturellen Zentrums Dessau e. V. durchgeführt. Zusätzlich wurden 5 Experteninterviews mit Betreuerinnen von Migranten durchgeführt. Die meisten von ihnen haben ebenfalls einen Migrationshintergrund und sind häufig als Dolmetscherinnen bei polizeilichen Vernehmungen eingesetzt gewesen. Ursprünglich wurden auch mehrere Einzelinterviews mit betroffenen Migranten durchgeführt, wovon jedoch aus methodischen Erwägungen nur ein Interview in die Auswertung eingeflossen ist. [1]

  • [1] So mussten im Nachvollzug der Interviewaussagen einige der durchgeführten und ausgewerteten Interviews mit Migrantenopfern aufgrund von Fehlinterpretationen vorerst aus dem Datenpool aussortiert werden. Die dadurch entstandene Schmälerung von verwertbaren Opferaussagen wurde durch die Interviews mit Opferbetreuern und die Gruppendiskussion mit Opferberatern kompensiert. Nach Quervergleichen deren Interviews mit denen der ausgesonderten Betroffeneninterviews hat sich gezeigt, dass die Aussagen der Opferbetreuer im Vergleich mit den geschilderten Erfahrungen der Migrantenopfern im Wesentlichen übereinstimmen.
 
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