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2 Darstellung des aktuellen Forschungsstandes zu häuslicher Gewalt gegen Frauen

Das Wissen um Gewaltbetroffenheiten von Frauen in Partnerschaften hat sich in den letzten zehn Jahren deutlich erweitert. Erstmals liegt eine Prävalenzstudie zu häuslicher Gewalt gegen Frauen in Deutschland vor, welche nicht nur das Ausmaß an Betroffenheit, sondern auch verschiedene Erscheinungsformen häuslicher Gewalt beschreibt. Dieser und weiteren Studien sind zudem Erkenntnisse zu Gewaltfolgen und Entstehungszusammenhängen zu verdanken. Die Platzverweisstudie Baden-Württemberg eröffnet Einsichten in das Erleben von Frauen, zu deren Schutz ein Platzverweis ausgesprochen wurde, und beschreibt verschiedene Muster von Gewaltdynamiken und Handlungsfähigkeiten von Frauen in Gewaltbeziehungen. Eine Quintessenz dieser neueren Forschungsarbeiten lässt sich mit den Worten von Helfferich u. a.: „Gewalt macht nicht gleich!“ (Helfferich u. a. 2004: 39) umschreiben. Dieses Kapitel konzentriert sich nun auf die Forschungsbereiche der Gewaltbetroffenheiten, Bewältigungsstrategien von Frauen, ihre Inanspruchnahme professioneller Hilfen sowie auf ihren unterschiedlichen Unterstützungsbedarf in Abhängigkeit ihrer Handlungsfähigkeit innerhalb ihrer Partnerschaft im Zuge eines Platzverweises.

2.1 Gewaltbetroffenheiten

2.1.1 Gewalt gegen Frauen in Partnerschaften: Formen – Muster – Schweregrade

Zentrales Ergebnis der ersten repräsentativen Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland ist, dass „...mindestens jede vierte in Deutschland lebende Frau schon einmal körperliche oder sexuelle Gewalt durch einen Beziehungspartner erlebt hat“ (Schröttle/Müller 2004: 220). Die Untersuchung belegt damit ein Ausmaß von Gewalt an Frauen in Partnerschaften, das die bisher in Fachkreisen vielfach herangezogene Schätzung der Dunkelfeldforschung des Kriminologischen Forschungsinstituts in Niedersachsen aus dem Jahr 1992 noch etwas übersteigt (vgl.: Wetzels u. a. 1995).

In einer sekundäranalytischen Auswertung der Daten der deutschen Prävalenzstudie konnten vertiefende und differenzierte Einblicke in Bezug auf die unterschiedlichen Formen häuslicher Gewalt, ihrer Kombinationen, Häufigkeiten und Schweregrade gewonnen werden. Aus diesen Ergebnissen wurden verschiedene Muster körperlicher, sexueller und physischer Gewalt in Partnerschaften entwickelt und Risikofaktoren aufgezeigt (vgl.: Schröttle/Ansorge 2008). Die Analyse der Angaben ausschließlich jener Frauen, welche zum Befragungszeitpunkt in einer Partnerschaft lebten, ergab, dass 38 % der Frauen von mindestens einer Gewaltform in dieser Paarbeziehung betroffen waren. Aus der Verschiedenheit der Gewalterfahrungen konnten sechs verschiedene Muster abgeleitet werden:

Rund zwei Drittel jener Frauen, bei denen Gewalt indiziert wurde, erlebten ausschließlich psychische Formen von Gewalt. Die Schwere dieser Gewalt war unterschiedlich: In einem Muster 1 „gering ausgeprägte psychische Gewalt“ wurden jene Fälle gefasst, bei denen leichte Ausprägungen von Eifersucht, ökonomischer Kontrolle und verbale Aggressionen vorlagen. In ein Muster 2 „erhöhte psychische Gewalt“ wurden jene Fälle zugeordnet, bei denen der Schweregrad der psychischen Gewalt deutlich höher ausfiel. Eifersucht und Kontrolle, sowie verbale Aggressionen und gelegentlich sexuelle Übergriffigkeit des Partners in hoher bis sehr hoher Ausprägung prägen dieses Muster.

Ein jeweils kleinerer Anteil von jeweils knapp 8 % der Frauen in gewalttätigen Beziehungen wurde den Mustern „einmalige leichte körperliche Gewalt“ (Muster 3) oder „leichte bis tendenziell schwere körperliche Gewalt und gering ausgeprägte psychische Gewalt“ (Muster 4) zugeordnet. Diese einmaligen bzw. seltenen Gewaltvorfälle geringerer Ausprägung bestanden u. a in Ohrfeigen, Schubsen oder Treten, zum Teil in Verbindung mit leichter Eifersucht und verbaler Aggression. Sie führten im Vergleich zu den Angaben der Frauen in gewaltfreien Beziehungen zu erhöhten psychischen und körperlichen Beschwerden. Zwei weitere Muster wurden als Misshandlungsbeziehungen identifiziert:

„Leichte bis tendenziell schwere körperliche Übergriffe mit erhöhter psychischer Gewalt“ (Muster 5) beinhalten die Kombination von ausgeprägten Formen psychischer Gewalt, insbesondere einer hohen verbalen Aggressivität, und mäßigen körperlichen Angriffen. 9 % der gewaltbetroffenen Frauen wurden diesem Muster zugeordnet. Im Muster 6 „schwere körperliche Übergriffe und/oder sexuelle Gewalt mit erhöhter psychischer Gewalt“, welchem 7 % der gewaltbetroffenen Frauen zugeordnet wurden, werden schwer verletzende und lebensbedrohliche Formen körperlicher Gewalt erreicht. Zugleich liegt hier regelmäßig gravierende psychische Gewalt vor, welche u. a. Morddrohungen beinhaltet sowie häufig sexuelle Gewalt in ausgeprägter Form. Die psychischen und körperlichen Belastungen der Frauen fielen hier am höchsten aus (vgl.: a. a. O.: 93ff sowie 206f).

Bei dieser Klassifizierung muss berücksichtigt werden, dass sie auf Angaben von Frauen beruht, die zum Befragungszeitpunkt in einer gewaltbelasteten Beziehung lebten. Die Forscherinnen weisen darauf hin, dass deren Angaben in Bezug auf Schwere und Häufigkeit insgesamt deutlich milder ausfielen als jene von Frauen, welche über Gewalt in einer beendeten Paarbeziehung berichteten. Sie führen diesen Befund auf mehrere Annahmen zurück: Zum einen ist davon auszugehen, dass Frauen schwere Misshandlungsbeziehungen eher verlassen als Partnerschaften mit einem geringeren Gewaltausmaß. Diesbezüglich ist ein Untersuchungsergebnis aus der Hauptstudie, wonach die Intensität der Gewalt im Laufe der Zeit häufig zunimmt, von Bedeutung: bei knapp der Hälfte der Befragten trat zu Beginn die Gewalt selten auf und wurde im Laufe der Zeit häufiger und/oder schwerer (vgl.: Schröttle/Müller 2004: 269f). Es ist anzunehmen, dass vielen Frauen, welche in die Fallbasis der Musterbildung einbezogen wurden, ein Gewaltanstieg noch bevorsteht. Zum Zweiten erfährt Gewalt und Bedrohung in Trennungsund Scheidungssituation häufig nochmals eine gravierende Steigerung (vgl.: Schröttle/Ansorge 2008: 96ff). Eine Einbeziehung der Gewalterfahrungen von Frauen während und nach einer Trennung würde aller Voraussicht nach eine Verschiebung der Häufigkeiten in Richtung schwererer Muster von Gewalt bedeuten (vgl.: a. a. O.: 42).

Zum Dritten liegt die Vermutung nahe, dass die Thematisierung von Gewalt in der aktuellen Beziehung für Frauen nicht einfach ist und sie möglicherweise die Bedeutung der Gewalt tendenziell abschwächen. So fällt in diesem Zusammenhang ein weiteres Untersuchungsergebnis besonders auf: Frauen der Muster 1 bis 5 gaben zu ca. 80 – 97 % ihrer Zufriedenheit mit der aktuellen Partnerschaft die Schulnoten 1 bis 3; selbst Frauen, welche schwerste, zum Teil lebensbedrohliche Gewalt erfuhren (Muster 6), äußerten sich zu knapp 60 % mehr oder weniger als zufrieden (vgl.: Schröttle/Ansorge 2008: 96). Diese erstaunlich häufig positive Bewertung der Zufriedenheit in der Beziehung kann ein Hinweis dafür sein, dass in der Wahrnehmung der Frauen positiv erlebte Qualitäten oder auch Hoffnung auf Bewältigung der Gewaltproblematik die Belastungen durch die Gewalt in den Hintergrund treten lassen. Sie kann jedoch auch ein Anzeichen dafür sein, dass sich Frauen – selbst in einem relativ anonymen Forschungskontext – gedrängt fühlen, die Partnerschaft trotz Gewalt positiv darstellen zu müssen, um ihren Verbleib in der Beziehung zu rechtfertigen.

Auch wenn die Angaben zur Häufigkeitsverteilung der Muster der Erläuterung der Besonderheiten der gewählten Fallbasis bedürfen, so ist jedoch gerade diese Fallbasis ‚Frauen in aktuellen gewalttätigen Partnerschaften' für die polizeiliche und psycho-soziale Praxis im Rahmen des Platzverweisverfahrens in vielerlei Hinsicht interessant: es sind vielfach jene (noch) in der Partnerschaft lebende Frauen, welche im Zuge konkreter Gewaltvorfälle mit Polizei und Unterstützungseinrichtungen in Kontakt treten. Eine Trennung ist unter Umständen angedacht, möglicherweise bereits vorbereitet, jedoch noch nicht gänzlich abgeschlossen. Die Forscherinnen betonen zum einen die Notwendigkeit, psychische Gewalt in Paarbeziehungen aufgrund ihres Ausmaßes und ihrer gesundheitlichen Folgebeschwerden stärker in den Blick zu nehmen (vgl.: Schröttle/Ansorge 2008: 96). Zum Zweiten muss sich die professionelle Praxis der Anforderung stellen, die Diskrepanz zwischen befriedigenden positiven Faktoren einer Beziehung und Gewalt anzuerkennen. Die Ergebnisse zur Zufriedenheit zeigen, dass es ein Trugschluss wäre, davon auszugehen, dass Gewalt und ihre Folgen zwangsläufig eine im Allgemeinen positive Befindlichkeit der Frau in der Beziehung grundlegend zerstören müsse. Zufriedenheit ist ein zentraler Bindungsfaktor, den es zu würdigen gilt. Darüber hinaus ist Sorge zu tragen, dass Frauen sich nicht genötigt fühlen, den Wunsch nach Aufrechterhaltung der Beziehung rechtfertigen zu müssen. Zum Dritten sollten handelnde Expert/innen berücksichtigen, dass Frauen in aktuellen gewalttätigen Beziehungen dazu neigen können, ihre Gewalterlebnisse abzuschwächen und gewisse Gewaltaspekte unbenannt zu lassen – möglicherweise, weil sie diese selbst nicht als Gewalt wahrnehmen. Dies wird in besonderem Maße auf sexuelle Gewalterlebnisse zutreffen.

 
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