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2.1.2 Einflussfaktoren häuslicher Gewalt

Im Forschungsfeld häusliche Gewalt wird intensiv die Frage aufgegriffen, welche Faktoren die Entstehung und Ausprägung häuslicher Gewalt begünstigen. Wissensbestände diesbezüglich können der Praxis helfen, Prävention und Intervention frühzeitig, angemessen und zielgerichtet auszugestalten und somit häusliche Gewalt wirkungsvoll einzudämmen.

Vorweg sei der zentrale Befund der deutschen Prävalenzstudie herangestellt, dass häusliche Gewalt in allen sozialen Schichten der Gesellschaft verbreitet ist. Häusliche Gewalt ist keine Problematik, die sich hauptsächlich auf einige wenige marginalisierte Gesellschaftsgruppen beschränkt, sondern die in allen gesellschaftlichen Milieus zu finden ist – auch in schweren Ausprägungen (vgl.: Schröttle/Ansorge 2008: 143; Schröttle/Müller 2004). Dieser Befund weist auf Wurzeln hin, welche schicht-, kulturund generationenübergreifend wirken. In der Sekundäranalyse wurde durch die Ermittlung unterschiedlicher Gewaltbetroffenheiten offensichtlich, dass eine zentrale Wurzel häuslicher Gewalt in der „...Nichtakzeptanz oder Nichtbewältigung gleichwertiger Machtund Geschlechterverhältnisse durch potentiell gewaltbereite Männer unterschiedlicher Sozialund Bildungsschichten...“ (Schröttle/Ansorge 2008: 142) liegt. So zeigte sich zum einen ein erhöhtes Gewaltvorkommen in Partnerschaften aller Soziallagen, in denen die Frauen in Bildung, Beruf und Erwerb gegenüber dem Mann gleichbzw. bessergestellt waren. Zum Zweiten zeigte sich ein hochsignifikanter Zusammenhang zwischen Entscheidungsdominanz des Mannes und Gewalt: Gewalt fand sich um ein Vielfaches häufiger und ausgeprägter in jenen Partnerschaften, in denen die befragten Frauen den Partner gleichzeitig als sehr bestimmend und kompromisslos erlebten. Ein ähnliches Bild zeigte sich hinsichtlich der Haushaltsführung: Gewalt steht in einem engen Zusammenhang mit einer traditionellen Rollenverteilung im Haushalt zuungunsten der Frau. Zusammenfassend: Männliche Überlegenheit in einem brüchig werdenden hierarchischen Geschlechterverhältnis soll durch Gewalt, Dominanz und traditionelle Rollenmuster aufrechterhalten bzw. wiederhergestellt werden (vgl.: a. a. O.: 149ff).

Eine zweite Wurzel häuslicher Gewalt kann auf all jene Faktoren zurückgeführt werden, welche eine besondere Belastungssituation für die Familie bedeuten: die Größe der Familie, Alkoholproblematiken, eine ungünstige soziale Lage der Familie sowie Trennungssituationen. Es fehlen Ressourcen, um den hieraus entstehenden psychischen und sozialen Stress angemessen zu bewältigen. So zeigt die Sekundärstudie zum einen auf, dass die Betroffenheit von Frauen von schwerer Gewalt mit der Anzahl der im Haushalt lebenden minderjährigen Kinder steigt. Ein Leben mit Kindern bringt Stress und Konfliktpotenziale und stellt Familien vor erhöhte finanzielle Anforderungen. Zudem müssen die Rollen der Partner neu ausgehandelt werden und ihre Angewiesenheit aufeinander wird größer. Trennungen werden zudem um ein Vielfaches schwieriger, wenn gemeinsame minderjährige Kinder in der Familie leben (vgl.: a. a. O.: 145ff).

Einen weiteren gewaltfördernden Faktor, auf welchen Forschungsarbeiten im Feld häuslicher Gewalt stets Bezug nehmen, stellt eine Alkoholproblematik des Mannes dar (vgl.: Schröttle/Müller 2004: 262ff; Schröttle/Ansorge 2008: 158f; WiBIG Band I 2004: 87). Entsprechend der Sekundäranalyse wies jede zweite gewaltbelastete Partnerschaft einen erhöhten Alkoholkonsum des Mannes auf. Diese werden doppelt so häufig gegenüber ihren Partnerinnen gewalttätig als Männer ohne Neigung zu Alkoholika. In Fällen schwerer häuslicher Gewalt fällt ihr Anteil mit zwei Dritteln noch höher aus. Der Zusammenhang zwischen erhöhtem Alkoholkonsum des Mannes und Gewalt ließ sich durch alle Sozialschichten hinweg auffinden, es zeigte sich jedoch eine Häufung bei Männern mit geringem Einkommen (vgl.: Schröttle/Ansorge 2008: 158f).

In der Sekundäranalyse wurde zum Dritten ein Zusammenhang von Gewalt und einer schwierigen sozialen Lage offensichtlich: Fehlende Bildungsabschlüsse, Erwerbslosigkeit oder sehr geringe berufliche Ressourcen bei Männern wie Frauen erhöhen das Risiko häuslicher Gewalt gegen Frauen, insbesondere in seinen schwereren Ausprägungen (vgl.: Schröttle/Ansorge 2008: 129ff). Zudem ließ sich ein Zusammenhang mit der ökonomischen Situation der Familie feststellen: Häufigkeit und Intensität häuslicher Gewalt fallen in Familien, welche ganz oder teilweise auf Sozialleistungen angewiesen sind, deutlich höher aus als in finanziell unabhängigen Familien. Die Autorinnen weisen aber darauf hin, dass diese Untersuchungsbefunde nicht zu dem Trugschluss führen dürfen, dass die Mehrheit aller häuslichen GewaltFälle in Familien aus benachteiligten und schwierigen sozialen Lagen, geprägt durch Bildungsferne, Armut, Arbeitslosigkeit, Kinderreichtum und Alkohol, stattfinden würde. Zwar lassen sich in jenen Teilpopulationen Häufungen häuslicher Gewalt finden, sie stellen jedoch nicht die Mehrheit der Gesamtbevölkerung. Die Mehrzahl der Opfer und Täter hat einen Bildungsabschluss, verfügt über Einkommen und lebt mit 1 2 oder ohne minderjährige Kinder im Haushalt.

Die Prävalenzstudie sowie ihre Sekundäranalyse bestätigt eine Erfahrung von Frauenhäusern: ein hohes Gewaltrisiko für Frauen in Trennungsund Scheidungssituationen. Gewalt gegen sich und/oder gegen die Kinder sowie die Androhung von Gewalt, Vernichtung und Tötung erlebten rund 8 % aller Frauen, welche sich aus einer Partnerschaft gelöst haben. Jede dritte Androhung von Gewalt wurde realisiert. Nimmt man Stalkinghandlungen hinzu, so steigt der Anteil der Betroffenheit auf rund ein Drittel. Der Blick auf Familien mit Kindern in Trennungssituationen gerichtet, ergab eine Belastung durch Gewalt und Bedrohung für Mütter und Kinder im Rahmen von Umgangsrechten in Höhe von 10 % (vgl.: Schröttle/Ansorge 2008: 98ff). Diese Befunde sind für die vorliegende Studie insofern besonders interessant, weil der Platzverweis vorübergehend eine räumliche Trennung erzwingt und Gewaltbetroffene auffordert, die Zukunft zu erwägen und über eine endgültige Trennung als Ausweg aus Gewaltbeziehungen nachzudenken. Die Platzverweisstudie aus Baden-Württemberg zeigte auf, dass jene Frauen, welche im Zuge eines Platzverweises eine Trennung vorantrieben, häufig von Bedrohungen, Nachstellungen und auch Gewalt während und im Anschluss an den polizeilichen Platzverweis betroffen waren. Es darf nicht davon ausgegangen werden, dass die erhöhte Gefährdungslage in Trennungssituationen aufgrund polizeilicher Interventionen oder gerichtlicher Beschlüsse beseitigt ist (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 102ff).

Eine dritte Wurzel häuslicher Gewalt liegt in frühen kindlichen Gewalterfahrungen in der Herkunftsfamilie. Gemäß der Prävalenzstudie werden Frauen mindestens doppelt so häufig Opfer häuslicher Gewalt, insbesondere in schwerer Ausprägung, wenn sie Gewalt zwischen ihren Eltern erlebt haben oder selbst Opfer elterlicher Gewalt wurden als Frauen, deren Kindheit gewaltfrei verlief. Diese frühen Gewalterfahrungen beeinträchtigen die Gesundheit von Frauen langfristig, erhöhen ihre Verletzbarkeit und führen häufig zu einer ausgeprägten sozialen Isolation (vgl.: Schröttle/Müller 2004: 268; Schröttle/Ansorge 2008: 162ff; Schröttle/Khelaifat 2008: 70ff).

Die Empfehlungen, die Schröttle u. a. aus der Untersuchung der Einflussfaktoren für die Prävention häuslicher Gewalt ableiten, sind u. a. die Notwendigkeit der Stärkung sozialer Netzwerke und Nahräume, ein konsequenter Schutz von Kindern vor Gewalt und der Abbau traditionell-hierarchischer Geschlechterbilder durch politisches, gesellschaftliches und institutionelles Handeln. Weiterhin empfehlen sie die Entwicklung eines breiten und niedrigschwelligen Unterstützungsangebots, welche die Diversität gewaltbetroffener Frauen und ihrer Bedarfe berücksichtigt (vgl.: Schröttle/Ansorge 2008: 197ff).

 
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