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2.2.3.1 Hilfesuche im privaten sozialen Umfeld

Bowker analysierte, dass betroffene Frauen in der Regel zuerst persönliche Strategien einsetzen und erst im weiteren Verlauf der Gewalt Dritte um Rat und Hilfe fragen. (vgl.: Bowker 1983: 104). Im sozialen Umfeld der Betroffenen werden meist Mitglieder aus der Herkunftsfamilie der Frau und Freund/innen um Unterstützung gebeten. Sie sind zum einen diejenigen, bei denen die Mehrheit der Frauen Zuflucht sucht und findet. Zum anderen sind sie wichtige emotionale Stützen, indem sie Frauen ernst nehmen, Verständnis zeigen und das Selbstvertrauen der Frauen in ihre Kraft stärken. Außerdem leisten viele dieser Personen finanzielle Hilfe und alltagspraktische Unterstützung (vgl.: Bowker 1983: 79f; Hoff 1990: 90; Schröttle/Müller 2004: 281; Glammeier u. a. 2004: 60).

Lee Ann Hoff stellt in ihrer in den 80er Jahren durchgeführten amerikanischen Untersuchung des sozialen Netzwerks gewaltbetroffener Frauen fest, dass diese Hilfen insbesondere dann zum Tragen kommen, wenn sich Frauen entschieden haben, sich vom Partner zu lösen. Grenzen der Hilfeleistung werden dann deutlich, wenn Frauen die Beziehung zum gewalttätigen Partner aufrechterhalten. Insbesondere Familienmitglieder verhalten sich hier tendenziell verunsichert, überfordert und wissen nicht, wie sie helfen können (vgl.: Hoff 1990: 98).

Deutlich wird in den hier zitierten Studien zu Hilfen aus dem sozialen Umfeld der Frauen, dass sich diese auf die Stärkung der Betroffenen und deren praktische Unterstützung bezieht. Frauen konfrontieren demnach Familie und Freund/innen kaum mit dem Wunsch, dass diese auf den Mann einwirken und ihn auffordern, sein Verhalten zu ändern. Im Gegenteil, die Studie von Hoff belegt, dass viele Frauen die Familie des Mannes gerade nicht um Hilfe bitten, weil diese ihn mit seinem Verhalten konfrontieren könnte. Sie möchten seinem Verhältnis zur eigenen Familie nicht schaden (vgl.: Hoff 1990: 94).

2.2.3.2 Hilfesuche bei der Polizei, im Gesundheitswesen und im psychosozialen Sektor

Wenn im Folgenden auf Ergebnisse der Nutzung von und Zufriedenheit mit professionellen Hilfen der deutschen Prävalenzstudie zurückgegriffen wird, muss berücksichtigt werden, dass sich der veränderte gesellschaftliche Umgang mit häuslicher Gewalt in diesem Zahlenmaterial noch nicht ergiebig niederschlägt. Zum Zeitpunkt der Befragung war das Gewaltschutzgesetz erst einige Monate in Kraft, und der polizeiliche Platzverweis sowie eine anschließende Opferberatung befand sich, allenfalls regional begrenzt, in einem Versuchsstadium. Repräsentative Ergebnisse über die Auswirkung dieser Entwicklung auf das Hilfesuchverhalten gewaltbetroffener Frauen liegen noch nicht vor. Die Ergebnisse der Prävalenzstudie können trotzdem als Anhaltspunkte herangezogen werden, da dennoch Tendenzen sichtbar werden. Die Prävalenzstudie verdeutlicht zweierlei, zum einen: Je schwerer die Gewalt, desto eher suchen betroffene Frauen professionelle Hilfen auf. Zum Zweiten: Medizinische wie psycho-soziale Hilfen werden häufiger in Anspruch genommen als polizeiliche Hilfen und strafrechtliche Verfahren.

• Medizinischer Sektor

Die hohe Bedeutung, die Fachkräften aus der Gesundheitsversorgung bei der Prävention und Intervention häuslicher Gewalt zukommt, wurde in mehreren Studien bestätigt. Ärzte sowie das Pflegepersonal in Notfallambulanzen sind häufig zentrale Vertrauenspersonen, an die sich Frauen hilfesuchend wenden.

Der Zugang zu medizinischen Hilfen ist durch deren gesellschaftlich hohes Ansehen, durch die Normalität, zum Arzt zu gehen sowie durch die gesetzliche Vorgabe der Schweigepflicht grundsätzlich als niedrigschwellig anzusehen (vgl.: Hellbernd u. a. 2004: 1; Hagemann-White u. a. 2003: 35). Dennoch sind auch dieser Berufsgruppe gegenüber Barrieren wirksam: Entsprechend der Prävalenzstudie verzichteten 17 % der befragten Frauen auf ärztliche Hilfe, obwohl sie ihre Verletzungen als behandlungsbedürftig einstuften. Suchten Frauen medizinische Hilfe auf, so waren knapp zwei Drittel mit der Behandlung zufrieden. Als gänzlich unzufrieden bezeichnete sich nur eine kleine Minderheit (vgl.: Schröttle/Müller 2004: 165ff).

Ein weiteres Ergebnis der Prävalenzstudie sowie der S.I.G.N.A.L.-Begleitforschung weist zudem auf die Problematik hin, dass im Kontakt mit Ärzt/innen Gewalt als Ursache der Beschwerden nicht immer thematisiert wurde. So verschwieg ein nicht unbeträchtlicher Teil der Patientinnen, woher die Verletzungen stammten und Ärzt/innen unterließen es, nach dem Entstehungshintergrund zu fragen. In der S.I.G.N.A.L.-Begleitforschung wurde deutlich, dass viele Frauen sich eine direkte Nachfrage hinsichtlich einer möglichen Gewaltursache durch Ärzt/innen wünschen und erst daraufhin erzählen würden (vgl.: Schröttle

/Müller 2004: 166; Hellbernd u. a. 2004: 119).

Carol Hagemann-White und Sabine Bohne identifizierten eine Vielzahl an Hindernissen, welche es medizinischem Fachpersonal unmöglich macht, häusliche Gewalt wahrzunehmen und anzusprechen: Fehlendes Wissen über häusliche Gewalt, über die Situation der Betroffenen und das verfügbare Unterstützungssystem als auch persönliche Unsicherheiten und Befürchtungen sowie strukturell ungünstige Bedingungen wie Zeitnot, unzureichende Abrechnungsmodalitäten oder fehlende Vernetzung im Hilfesystem führen zu Defiziten in der Ansprache der Patientinnen (vgl.: Hagemann-White u. a. 2003: 45ff). Wissenschaftlerinnen weisen auf die Gefahr einer Chronifizierung der Beschwerden und auf eine medizinische Fehlversorgung hin, wenn eine adäquate Versorgung, welche auch die Ursachen der Beschwerden aufgreifen muss, unterbleibt. Frauen jedoch, die eine sensible und offene Ansprache durch Ärzt/innen erfahren, können hilfreiche Unterstützung und Weitervermittlungen erhalten (vgl.: GiG-net 2008: 77ff).

• Polizei

Entsprechend der Prävalenzstudie sucht ausschließlich ca. ein Viertel jener Frauen, welche in einer Gewaltsituation Verletzungen erlitten, polizeiliche Hilfe. Die Polizei wird in der Regel in einer Situation eingeschaltet, die von den Frauen als sehr bedrohlich erlebt wird und in der Gefühle der Angst, Panik und Hilflosigkeit dominieren (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 55; Seith 2003: 101f).

Aktuelle Studien im deutschsprachigen Raum belegen eine hohe Zufriedenheit gewaltbetroffener Frauen mit der neuen Interventionspraxis der Polizei. Sie schätzen am polizeilichen Handeln ein schnelles Eingreifen, eine verständnisvolle und einfühlsame Haltung sowie ein konsequentes Agieren zum Schutz der Frau. Die Maßnahme Platzverweis wurde mehrheitlich begrüßt (vgl.: WiBIG Band I 2004: 120ff; Schröttle/Müller 2004: 198f; Löbmann u. a. 2005: 133). Der Anstieg des Anteils jener, die Zufriedenheit mit dem Polizeieinsatz äußerten, wird in einem Zeitvergleich der deutschen Prävalenzstudie deutlich: Während nur 22 % der Frauen, bei welchen der Polizeieinsatz vor 1998 stattfand, die Polizei mit den Noten 1 oder 2 bewerteten, so lag dieser Wert bei Polizeieinsätzen in den Jahren 2002 und 2003 bei 64 %. Befragt nach den Reaktionen der Polizei in den Einsatzsituationen zeigt sich in den Antworten der befragten Frauen, dass die Polizist/innen inzwischen deutlich aktiver und umfassender sowie dem Täter gegenüber energischer intervenieren. Die Studie bestätigt positive Veränderungen insbesondere in den Bereichen Opferschutz, Opferbetreuung, Informationsvermittlung über Hilfen und Rechte sowie eine Intensivierung der Ermittlungspraxis (vgl.: Schröttle/Müller 2004: 196ff).

Die Umsetzung einer täterorientierten Interventionspraxis führte somit zu einem deutlichen Anstieg der Zufriedenheit der Opfer häuslicher Gewalt. Der Grad der Zufriedenheit sagt jedoch noch nichts darüber aus, ob ein polizeilicher Einsatz gewaltbetroffene Frauen stärkt und ihnen weiterhilft. Eine kanadische Untersuchung von Mary Russell und Linda Light widmete sich daher der Frage, inwiefern die dort praktizierte täterorientierte polizeiliche Intervention Frauen bestärken kann, ihre Situation und Sicherheit zu verbessern. Die in Kanada eingeführte pro-arrest Politik führte ebenfalls zu einem Anstieg an Zufriedenheit der Opfer. Die Autorinnen suchten nach jenen Faktoren im polizeilichen Handeln, die ein Empowerment von Frauen fördern. Hintergrund bildete die Annahme, dass die Polizei Sicherheit letztendlich nie gewährleisten kann und Frauen diesbezüglich selbst aktiv werden müssen. In der Befragung von 63 gewaltbetroffenen Frauen und 28 Polizeibeamt/innen kristallisierten sich drei Dimensionen heraus, welche ein Empowerment fördern: Zum einen ist dies die Intensität der Eingebundenheit der Polizei in einen effektiven Kooperationsverbund mit anderen Institutionen und Einrichtungen, welche in Fällen häuslicher Gewalt involviert sind. Zusammenarbeit, Kontakt zwischen den Akteuren und eine aktive Weitervermittlung der Frauen in das Hilfesystem wurden von den Befragten sehr geschätzt. Eine zweite Dimension betrifft den Grad an Pro-Aktivität im polizeilichen Handeln: Eine pro-aktive Polizei handelt engagiert, aktiv und entschlossen. Sie führt intensive Ermittlungen und versorgt das Opfer kontinuierlich mit Informationen hinsichtlich des Verlaufs der polizeilichen und strafrechtlichen Maßnahmen. Die dritte Dimension bezieht sich auf den Grad der Würdigung des Opfers und der Anerkennung seiner Bedürftigkeit. Die Anerkennung des Opfers zeigt sich in einer respektvollen und fürsorglichen Behandlung. Werden diese Dimensionen erfüllt – so das Ergebnis dieser Studie – so werden gewaltbetroffene Frauen in ihrer Wahrnehmung bestärkt, dass häusliche Gewalt ein Unrecht ist und ermutigt, weitere Schritte und Hilfen zur Verbesserung ihrer Situation in Angriff zu nehmen (vgl.: Russell u. a. 2006: 380ff).

Meines Erachtens ist die Anerkennung der Frau als Opfer, die Unterstützung und Hilfe verdient, die zentrale Dimension. Es ist anzunehmen, dass einer Frau, die als Geschädigte und als unterstützungswürdig angesehen wird, umfassendere hilfreiche polizeiliche Aktivitäten zuteilwerden als einer Frau, die nicht als Opfer oder als unwürdiges Opfer angesehen wird. Russell u. a. weisen auf einige Kriterien hin, die die Differenzierung zwischen unterstützungswürdigem Opfer und nicht unterstützungswürdigem Opfer beeinflussen. Ein Kriterium bezieht sich auf die Schwere der Gewalt und die vorfindbare Beweislage: Offensichtlich schwere und einseitig ausgeübte Gewalt gegen die Frau mit den dazugehörigen Gewaltspuren führte bei den handelnden Polizeibeamtinnen eher zu einem Bild der Frau als ein unterstützungswürdiges Opfer als Gewalt in nur leichteren Formen, ohne eindeutige Beweislage sowie dem Anschein einer (Mit-

)Verantwortlichkeit der Frau für den Vorfall. Ein zweites Kriterium bezieht sich auf die vermeintliche Aktivität/Inaktivität der Frau, der Gewalt zuwiderzuhandeln: Wiederholte Einsätze der Polizei bei einer Frau, ohne dass der Polizei Anstrengungen der Frau, der Gewalt zu entkommen, ersichtlich werden, kann zu einem negativen Opferbild und zu einem Nachlassen des Engagements führen (vgl.: Russell u. a. 2006: 385f). WiBIG weist in diesem Zusammenhang auf die Gefahr der Entstehung von „Motivationsproblemen“ bei der Polizei hin: Die Deutung der Untätigkeit der Frau kann zu einem generalisierten Opferbild führen, wonach gewaltbetroffene Frauen ihre Situation letztendlich nicht verändern wollen und sich Interventionen daher nicht lohnen (vgl.: WiBIG Band I 2004: 127). Auch hier findet sich die Gefahr, dass Frauen zunächst als der Hilfe unwürdig angesehen werden. Können sie dieses Bild nicht widerlegen, wird ihnen möglicherweise Schutz und Hilfe vorenthalten.

• Psycho-soziale Hilfen

Über die Nutzung und Zufriedenheit von gewaltbetroffenen Frauen mit Angeboten von spezialisierten als auch nichtspezialisierten psycho-sozialen Hilfen finden sich in der Prävalenzstudie einige interessante Ergebnisse. Hier zeigte sich, dass therapeutische und allgemeine Beratungsstellen von gewaltbetroffenen Frauen am ehesten aufgesucht werden. Diesen folgen Frauenhäuser und auf Gewalt spezialisierte Frauenberatungsstellen sowie psychiatrische Einrichtungen. Jeweils ein geringer Anteil an Frauen sucht außerdem Hilfe bei Opferberatungsstellen, Krisendiensten, kirchlicher Seelsorge u. a. [1]

Die Autorinnen weisen darauf hin, dass die Wahl der Unterstützungseinrichtung zum einen von der grundsätzlichen Verfügbarkeit sowie Erreichbarkeit dieser Angebote abhängt. Die am häufigsten genannten Einrichtungen allgemeine Beratungsstelle und therapeutische Praxis besitzen eine weitaus höhere Versorgungsdichte als Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser. Zum Zweiten spielt die persönliche Definition der Problematik eine entscheidende Rolle: Die Gewalterfahrungen kann als eigenes psychisches Problem, als Partnerschaftsproblem oder als Gewaltproblematik vor dem Hintergrund des Geschlechterverhältnisses definiert werden, und je nach Auslegung wird jene Einrichtung kontaktiert, die hierzu passend erscheint. Außerdem können Vorbehalte gegenüber dem institutionellen Hintergrund der einzelnen Angebote die Hilfesuche beeinflussen (vgl.: Schröttle/Müller 2004: 175f). Ergänzend ist anzunehmen, dass die Einschätzung der Frau über ihren Bedarf und dessen Dringlichkeit ebenfalls eine zentrale Bedeutung bei der Wahl der Einrichtung einnimmt: Benötigen Frauen zuallererst einen Fluchtort, wünschen sie eine Reflektion ihrer Lebenssituation, wollen sie sich zunächst informieren oder sind die psychischen Belastungen so groß, dass sie ihren Alltag nicht mehr bewältigen können – diese Faktoren werden ihre Wahl der Einrichtung prägen.

In der Prävalenzstudie liegt die Zufriedenheit der Frauen mit den einzelnen psycho-sozialen Hilfen im Durchschnitt zwischen 2 (zufrieden) und 3 (mäßig zufrieden). Die Zufriedenheit mit Frauenberatungsstellen und therapeutische Praxen fiel etwas höher aus als die mit Frauenhäusern, psychiatrischen Einrichtungen sowie allgemeinen Beratungsstellen. Bei einem Vergleich des Grades an Zufriedenheit mit den einzelnen Einrichtungen ist jedoch Vorsicht geboten: Frauenhäuser und psychiatrische Einrichtungen werden in der Regel von Frauen mit einer hohen multiplen Lebensproblematik aufgesucht, und der Aufenthalt in diesen Einrichtungen ist mit großen persönlichen Einschränkungen und der Notwendigkeit einer Anpassung an einen reglementierten Alltag verbunden. Es ist anzunehmen, dass diese Belastungen sich in der Bewertung dieser Einrichtungen ungünstig auswirken. Erste Hinweise auf Kritikpunkte von Frauen mit den genutzten Einrichtungen konnten in der Prävalenzstudie erhoben werden. Sie betreffen u. a. insgesamt ein Zuwenig an passender Unterstützung, Stärkung und praktischer Hilfe sowie ein fehlendes Vertrauen zu den handelnden Akteuren (vgl.: Schröttle/Müller 2004: 176ff).

  • [1] Explizite Aussagen zur Inanspruchnahme und Zufriedenheit von Frauen mit den spezialisierten Beratungshilfen, die im Zuge der Einführung des Platzverweises eingerichtet wurden, kann die Prävalenzstudie nicht liefern, da während des Befragungszeitraums die Einführung der neuen Interventionspraxis gerade erst regional begann.
 
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