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2.2.3.3 Zuflucht im Frauenhaus

Der Institution des Frauenhauses kommt unter den psycho-sozialen Einrichtungen eine ganz besondere Bedeutung zu: Sie ist die einzige Einrichtung, welche gewaltbetroffenen Frauen und ihren Kindern eine schützende Unterkunft bietet. Sie ist jene Einrichtung, der über Jahre die Alleinzuständigkeit für Opfer häuslicher Gewalt zugewiesen wurde und deren politischer Arbeit Innovationen im gesellschaftlichen Umgang mit häuslicher Gewalt zu verdanken sind. Die Unterstützung von Frauenhäusern bei der Bewältigung von häuslicher Gewalt liegt zum einen in der Herstellung eines Schutzraumes und zum Zweiten in vielfältigen psycho-sozialen und pädagogischen Angeboten für die Bewohnerinnen. Schutz wird neben technischen Sicherheitsvorkehrungen durch Anonymität hergestellt. Dieser Schutz ist jedoch fragil: Männer setzen oft alles daran, den Ort des Frauenhauses herauszufinden und sind dabei nicht selten erfolgreich. Kontinuierlich muss daher überprüft werden, ob die Funktion Schutz für die einzelne Bewohnerin noch gewährleistet ist. In hohen Gefährdungslagen kann eine erneute Flucht von einem in ein anderes Frauenhaus notwendig werden, was wiederum belastend für Frauen und Kinder ist.

Im Zentrum der pädagogischen und psycho-sozialen Arbeit stehen persönliche Stabilisierung, Entwicklung von Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit sowie Neuorientierung durch Einzelhilfe und Gruppenangebote. Grundlegende Arbeitsprinzipien dabei sind die Parteilichkeit für die Frau und Hilfe zur Selbsthilfe (vgl.: Brückner 2002; Hagemann-White u. a. 1997). Mehrere meist etwas ältere Forschungsarbeiten im deutschsprachigen Raum bestätigen das Potential der psycho-sozialen Arbeit in Frauenhäusern, Frauen in Krisensituationen aufzufangen, sie in ihrem Selbstbewusstsein zu bestärken und ihre Eigenständigkeit sowie Handlungskompetenz zu erweitern. Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern stehen bei der Entscheidung über die Zukunft der Partnerschaft hilfreich zur Seite, begleiten Trennungsprozesse und helfen vielfältig beim Aufbau eines neuen Lebens (vgl.: Hagemann-White u. a. 1981; Steinert u. a. 1988; Hanetseder 1992; Deringer u. a. 2007). In einer amerikanischen quantitativen Langzeitstudie wurde zudem die Bedeutung des Frauenhauses beim Verlassen einer Gewaltbeziehung deutlich: Frauen, welche von schwerer körperlicher Gewalt betroffen waren, fanden deutlich häufiger bzw. früher einen Ausstieg aus der Partnerschaft, wenn sie die Hilfe eines Frauenhauses in Anspruch genommen hatten (vgl.: Panchanadeswaran u. a. 2007).

Zur Bewältigung häuslicher Gewalt steht die Inanspruchnahme eines Frauenhauses jedoch in der Regel nicht an erster Stelle der Handlungsstrategien. Zu hoch sind die Erfordernisse, welche mit der Nutzung eines Frauenhauses verbunden sind: Die Entscheidung, zumindest vorübergehend das eigene Lebenskonzept aufzugeben, soziale Kontakte abzubrechen bzw. einzuschränken, sich der Gefahr des Verlusts von Wohnung, persönlichem Besitz und Arbeitsplatz auszusetzen. Kinder müssen eventuell zurückgelassen oder es muss auch ihnen ein kompletter Wechsel ihrer Lebenswelt und ein Leben im Versteck zugemutet werden. Die Option Frauenhaus wird daher in der Regel erst dann in Erwägung gezogen, wenn andere Bewältigungsversuche gescheitert sind, Gewaltbetroffenheit und Bedrohung so hoch ausfallen, dass die Flucht an einen sicheren Ort als unumgänglich angesehen wird und die eigenen sozialen und finanziellen Ressourcen gering sind (vgl.: Seith 2003: 191f; Hagemann-White

u. a. 1981: 105f). Zum Zweiten können institutionelle und strukturelle Barrieren den Zugang in ein Frauenhaus erschweren: Aufgrund von Kapazitätsproblemen und bestimmten Ausschlusskriterien, wie psychische Erkrankungen oder Suchtmittelabhängigkeit können Frauenhäuser nicht allen gewaltbetroffenen Frauen eine schützende Unterkunft bieten.

An dieser Stelle soll zudem auf die besondere Problematik, welche Brandau u. a. im Zusammenhang mit nachgehender Beratung nach einem Frauenhausaufenthalt aufzeigten, hingewiesen werden: Frauen, welche Schutz in einem Frauenhaus suchen, die Partnerschaft jedoch aufrechterhalten wollen oder die sich für eine Rückkehr zum Partner entscheiden, werden von nachgehenden Beratungsangeboten des Frauenhauses nur selten erreicht. Frauenhäuser – so die Autorinnen – stehen für Emanzipation, für die Befreiung aus Gewaltund Unterdrückungsverhältnissen sowie für die Verurteilung von Gewalt gegen Frauen. Gefühle der Scham und des Versagens auf Seiten der zurückkehrenden Frau sowie eine trotz des hohen Anspruches an Verständnis der Frauenhausmitarbeiterinnen nicht gänzlich verbergbare Enttäuschung und Sorge um Frau und Kinder schaffen Distanz. Außerdem ist es nicht selten der Mann, der von der Frau fordert, den Kontakt zum Frauenhaus abzubrechen, denn auch er weiß, wofür ein Frauenhaus steht. In der Untersuchung von Brandau u. a. bestätigen sowohl die befragten Frauenhausmitarbeiterinnen als auch zurückkehrende Bewohnerinnen einen Bedarf an nachgehender Unterstützung, für die es kein adäquates Angebot gibt (vgl.: Brandau u. a. 1990: 78ff). Diese Problematik ist meines Erachtens auch heute noch existent.

Eine Ergänzung zu Frauenhäusern, insbesondere gerade für jene Frauen, welche die Chancen einer gewaltfreien gemeinsamen Zukunft ausloten und eventuell mit dem Partner daran arbeiten möchten, zeichnet sich in der Konzeption des niederländischen Modellprojektes Oranje Huis ab. Es umfasst sowohl ambulante Hilfen als auch bei Bedarf die Möglichkeit einer geschützten Unterkunft. Ein erster Unterschied zu einem Frauenhaus liegt in der Sichtbarkeit der Einrichtung. Schutz wird hier nicht durch Flucht in eine Anonymität, sondern durch soziale Kohäsion sowie durch eine enge Kooperation mit der Polizei hergestellt. Wird eine Frau stationär im Oranje Huis aufgenommen, wird der Mann zeitnah darüber informiert. Verstecken – so wird argumentiert – stärkt Isolation und Angst der Frau und erhöht die Aggression des Täters. Diese Offenheit gegenüber dem Gewaltausübenden dient zum einen der Deeskalation und zum Zweiten der Kontaktaufnahme mit dem Mann, um ihn zur Teilnahme an verschiedenen Angeboten zu motivieren. Hoch gefährdete Frauen werden nicht aufgenommen, sondern an anonyme Zufluchtsorte weiterverwiesen. Ein zweiter Unterschied liegt im systemischen Arbeitsansatz. Begründet wird diese Praxis mit der Erfahrung einer hohen Quote an Frauen, welche die Gewalt beenden wollen, nicht aber die Beziehung. Die Unterstützung durch ein Frauenhaus ist für sie nicht optimal. Sie haben hier – so die Argumentation – keine Möglichkeit, in einem geschützten und begleiteten Rahmen gemeinsam mit dem Partner die Chancen der Partnerschaft zu reflektieren. Vor dem Hintergrund eines Verständnisses, dass häuslicher Gewalt familiäre Probleme zugrunde liegen, welche durch die jeweilige Familiendynamik eskalieren, wird im Oranje Huis die Einbeziehung aller Familienmitglieder bis hin zu Mitgliedern des näheren sozialen Umfeldes in die Hilfeleistung angestrebt. Gewaltbetroffene tragen dieser Sichtweise zufolge ihren Teil zur Eskalation von Beziehungskonflikten bei. Sie werden in ihrer Verantwortlichkeit angesprochen, wobei darauf geachtet wird, dass dies nicht als Schuldzuweisung für die Gewalt verstanden wird.

Zentrales Ziel im Oranje Huis ist das Ende der Gewalt. In einem ersten Schritt werden mit den Beteiligten die Faktoren, welche zur Gewalt führten, analysiert, ein Plan für eine gewaltfreie Zukunft aufgestellt und die hierzu notwendigen Hilfen installiert. Wenn die Sicherheitssituation es zulässt und die Bereitschaft der Partner vorliegt, wird dies gemeinschaftlich erarbeitet. Wo eine Frau mit ihren Kindern weiterhin leben möchte, steht in einem zweiten Schritt im Vordergrund, da das Oranje Huis eine maximale Aufenthaltsdauer von 6 Wochen festlegt. Der systemische Arbeitsansatz bedeutet nicht, dass grundsätzlich der Erhalt der Familie angestrebt wird. Erste Zahlen zeigen, dass nur 19 % der Frauen, welche das Oranje Huis nutzten, zum Partner zurückkehren. Die Quote der Rückkehrerinnen aus klassischen Frauenhäusern in den Niederlanden ist dagegen doppelt so hoch. Die Praktikerinnen vermuten, dass die Einbeziehung des gewalttätigen Partners in die Zukunftsplanung sowie die Konfrontation mit den positiven und negativen Seiten der Beziehung die Frauen zu einem realistischeren Urteil über die Veränderungsmöglichkeit ihrer Partnerschaft führt (vgl.: Schenkels in Dokumentation des 8. Frauenhausfachforums 2011; Blijf Groep 2011).

Systemische Ansätze in der therapeutischen Arbeit mit Paaren mit einer häuslichen Gewaltproblematik sind nicht ungewöhnlich. Neu ist, dass ein Trägerverein von Frauenhäusern diesen Ansatz aufgreift und zum zentralen Inhalt eines neuartigen Angebots macht. Der systemische Ansatz wurde bislang von Vertreterinnen feministischer Frauenprojekte für den Bereich der häuslichen Gewalt weitgehend abgelehnt. Die Kritik lautet, dass ein systemischer Ansatz anstelle von Herrschaftsstrukturen im Geschlechterverhältnis Familienkonflikte als Ausgangspunkt des professionellen Handelns nimmt. Der Fokus verschiebe sich von einer Politisierung hin zu einer Individualisierung und Psychologisierung der Thematik häusliche Gewalt: Statt Befreiung von Frauen aus Unterdrückungsverhältnissen stehen individuelle Problemanalyse und –bewältigung, und dies mit beiden Partnern gemeinsam, was wiederum den Ansatz der Parteilichkeit gefährde.

[1]

Gleichzeitig werden Lücken im Unterstützungsangebot für gewaltbetroffene Frauen, welche an ihrer Partnerschaft arbeiten wollen sowie jene, welche zurückkehren, anerkannt. Erste Erfahrungsberichte und Erkenntnisse des Oranje Huis-Projektes werden neben allen kritischen Vorbehalten jedoch mit Interesse aufgenommen und diskutiert. Das Konzept hat ein großes Potential, die gegenwärtige Unterstützungslandschaft für gewaltbetroffene Frauen und Kinder zu erweitern.

  • [1] Zur Diskussion vgl.: Arbeitsergebnisse des 8. Frauenhausfachforums 2011 in Berlin unter: frauenhauskoordinierung.de/index.php?id=224&L=lzmqyzns&tx_ttnews[tt_news]=507& cHash=2bdae71be2).

    Diesbezüglich sind die Ausführungen von Virginia Goldner, einer amerikanischen Familientherapeutin, welche mit Paaren systemisch arbeitet, interessant. Goldner greift die Kritik auf und warnt vor einer Polarisierung zwischen dem feministischen und systemischen Standpunkt, zwischen Parteilichkeit und Neutralität. Stattdessen plädiert sie für eine Haltung des „Sowohl-als-auch“ und ermutigt, die widersprüchlichen Sichtweisen anzuerkennen. „Für das Verständnis der Gewalt in der Familie und ihrer Therapie ist sowohl die systemische als auch die feministische Perspektive notwendig“ (Goldner 1993: 212). Die moralische Eindeutigkeit und Empörung über männliche Gewalt der feministischen Sichtweise sowie die Ablehnung von Paartherapie ist ihres Erachtens für jene Frauen notwendig und hilfreich, welche beginnen, sich aus der Herrschaft eines gewalttätigen Mannes zu lösen. Bei vielen Paaren erkennt sie jedoch Potentiale für die Überwindung von Gewalt innerhalb der Partnerschaft. Diese Paare wollen die Bindung aufrechterhalten, beide Partner verfügen über eine gewisse Handlungsmächtigkeit und zeigen Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wenn hier systemische Paartherapie indiziert ist, so darf nach Goldner der neutrale Blick mit seinen wertfreien Metaphern jedoch nicht dazu führen, dass Gewaltausübende sich der Verantwortung für ihr Handeln entziehen und Gewalterleidende eine Mitschuld für die Gewalt erhalten (vgl.: Goldner 1993: 207ff).

 
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