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2.3.1 Erkenntnisse aus der Analyse von Polizeiakten

Die in die Untersuchung einbezogene Auswertung von Polizeiakten (n=171) aus den Jahren 2002 und 2003 aus Stuttgart und Tübingen geben einige Hinweise auf die institutionelle Praxis von Polizei und Ortspolizeibehörde. Die Mehrheit der Polizeiakten stammte aus Stuttgart, wo vom Polizeivollzugsdienst ein detaillierter Dokumentationsbogen in Fällen häuslicher Gewalt eingesetzt wird. Die Autorinnen weisen jedoch auf Grenzen des Aussagewertes dieser Analyse hin: Dokumentiert werden in Akten ausschließlich jene Informationen, welche für die Handlungspraxis der handelnden Institution sowie der nachfolgenden Institutionen relevant sind. Sie sind durch institutionelle Vorgaben, personelle Ressourcen, Fachsprache sowie persönliche Anschauungen geprägt (vgl.: a. a. O.: 162). Zentrale Ergebnisse der Aktenanalyse:

• Knapp die Hälfte der Täter war bereits vor Ausspruch des Platzverweises als Täter häuslicher Gewalt polizeibekannt. Zudem wurde in der Mehrheit der polizeilichen Vernehmungsprotokolle vermerkt, dass die Frau von früheren Gewaltvorfällen berichtete (vgl.: a. a. O.: 35f).

• In fast Dreiviertel der Polizeiakten wurde festgehalten, dass das Opfer verletzt vorgefunden wurde. Dieser relativ hohe Prozentsatz weist darauf hin, dass die Schwere der Gewalt ein Entscheidungskriterium für den Ausspruch eines Platzverweises sein könnte (vgl.: a. a. O.: 36).

• Die Ortspolizeibehörde entschied sich in 76 % der Fälle für eine Fortführung des vorläufig verhängten Platzverweises des Polizeivollzugsdienstes. Die Begründung der Ortspolizeibehörde für die Aufhebung eines vorläufigen Platzverweises war zum einen eine zwischenzeitliche Veränderung der Gefahrensituation. Aufgrund einer vorgetragenen Versöhnung des Paares wurde eine aktuell bestehende Gefährdung von der Behörde ausgeschlossen. Zum Zweiten wurde die Aufhebung mit einer veränderten Bewertung des Sachverhalts begründet: Eine fortbestehende Gefährdung wurde verneint, weil der Täter sich einsichtig zeigte, das Opfer den Platzverweis ablehnte oder das Paar Einigungen getroffen hatte (vgl.: a. a. O.: 49).

2.3.2 Das subjektive Erleben der Gewaltsituation, des Platzverweises und seiner Folgen

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes machen deutlich, dass der Gewaltvorfall, der zum Platzverweis führte, von den Frauen als eine akute Notsituation erlebt wurde. Sie beschrieben den Mann als zornig, unberechenbar und fühlten zum Teil extreme Angst. Helfferich u. a. erkannten in den Beschreibungen der befragten Frauen eine besondere Qualität der Gewaltund Bedrohungssituation, welche sich häufig von vorangegangenen durch eine gewisse Steigerung unterschied. Diese Steigerung konnte zum einen aus der Schwere der Gewalt und Bedrohung selbst resultieren, zum Zweiten in einer Ausdehnung der Gefährdung auf anwesende Kinder bestehen. Die Situation geriet in der Wahrnehmung der Frauen für sie außer Kontrolle. Sie erlebten, keinen Einfluss mehr auf ihren Verlauf nehmen zu können (vgl.: a. a. O.: 55f).

In der Befragung der gewaltbetroffenen Frauen wurde deutlich, dass die polizeiliche Intervention zum einen die akute Gewaltsituation beendete, zum anderen das komplexe Verfahren der Interventionskette in Gang setzte. Die Frauen standen vor Anforderungen, mit denen sie nicht gerechnet hatten. Diese Folgen, welche sie häufig in eine Überforderungssituation brachten, bestanden zum einen im Öffentlich-werden der Gewalt, den notwendigen Ämtergängen sowie in der Entscheidung, welche Rolle sie im Strafverfahren einnehmen möchten. Eine weitere Folge des Platzverweises bestand für viele in der Frage, ob sie die Partnerschaft beenden oder fortsetzen wollen, verbunden mit der Frage, wie sie die Konsequenzen einer Trennung für ihr Leben bewältigen könnten. Helfferich u. a. erkannten in den Erzählungen der Frauen, dass diese sich häufig aus ihrem privaten Umfeld, aber auch von Seiten der in der Interventionskette handelnden Akteure einem gewissen Druck entweder in Richtung Bleiben oder in Richtung Gehen ausgesetzt sahen. Auch jene Frauen, welche sich im Vorfeld bereits mit der Möglichkeit einer Trennung beschäftigt hatten, sahen sich nun im Zuge eines Platzverweises gefordert, rasch zu handeln. Den Ruf der Polizei tätigten die Frauen, um eine akute Gewaltsituation abzuwenden und nicht, um gravierende Lebensveränderungen einzuleiten. Vor diese sahen sie sich nun gestellt, was sich krisenhaft auswirken konnte. Die Autorinnen leiten aus dieser Erkenntnis die Bedeutung von zeitnaher Beratung ab (vgl.: a. a. O.: 58ff).

Ein weiteres Ergebnis der Befragung war, dass Transparenz und Orientierung über die in der Interventionskette handelnden Institutionen für die Frauen nicht immer gegeben war. Es blieb ihnen oft unklar, wer von welcher Institution und mit welchem Auftrag auf sie zukam und ob es sich dabei um ein freiwilliges Angebot oder um ein verpflichtendes Gespräch handelte. Es kamen insbesondere Verwechslungen kommunaler Ämter zum Vorschein: Die Akteure der Ortspolizeibehörde und des Allgemeinen Sozialen Dienstes, der in einigen Regionen Baden-Württembergs die Erstberatung übernimmt, wurden nicht selten verwechselt. Die Funktionen dieser Kontakte konnten von den Frauen nicht eindeutig differenziert werden. In Hinblick auf psycho-soziale Hilfe bedeutet diese Undurchsichtigkeit nach Auffassung der Autorinnen: „Beratungsstellen rücken in der subjektiven Vorstellung in die Nähe von Einrichtungen, die soziale Kontrollfunktionen haben (Sozialamt, Jugendamt, Ortspolizeibehörde), so dass nichterwartet wird, Beratung würde die Wünsche nach einer vertrauensvollen Unterstützung realisieren.“ (a. a. O.: 69ff).

Die Befragung der Frauen brachte einen unterschiedlichen, zum Teil sehr vielschichtigen Unterstützungsbedarf im Zuge des Platzverweises zum Vorschein. Dieser erfordert das Tätigwerden mehrerer Institutionen und Einrichtungen. Helfferich u. a. sehen als zentrale Aufgabe der Erstberatungsstellen, die individuelle Bedarfssituation zu erfassen und die verschiedenen Hilfen zu koordinieren. Erstberatungsstellen müssen der Studie zufolge Sorge tragen, dass für die verschiedenen Bedarfe der Frauen ein Zugang zu den relevanten Akteuren geschaffen wird (vgl.: a. a. O.: 80ff).

 
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