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3 Fragestellung, Methoden und Vorgehen der Untersuchung

3.1 Fragestellung der Forschungsarbeit

In den Interviews mit den Frauen der Platzverweisstudie wurden zum einen unterschiedliche Bedarfe gewaltbetroffener Frauen an Unterstützung und zum Zweiten eine Palette unterschiedlicher Erfahrungen mit handelnden Institutionen offensichtlich. Ein Ergebnis dieser Studie lautet, dass das subjektive Erleben der professionellen Handlungspraxis die Erfahrung von Unterstützung und das eigene Verhalten stark beeinflussen kann (vgl.: Helfferich u. a. 2004). Professionelles Handeln kann sich in der Darstellung der Frauen ermutigend – stärkend, helfend aber auch einschüchternd, beschämend oder verärgernd auf sie auswirken. Wohl wissend, dass es sich bei den Erzählungen der Frauen nicht um ein Abbild der Realität handelt, sondern um deren Konstruktionsleistung – bestimmt durch die Bedeutungen, die sie den Erlebnissen beimessen – stellte sich mir die Frage nach der unterschiedlichen Ausgestaltung der Handlungspraxis der im Platzverweisverfahren involvierten Institutionen.

Die vorliegende Forschungsarbeit stellt sich die Aufgabe, die Beziehung zwischen der persönlichen Problematik häuslicher Gewalt und der staatlichen Interventionsstrategie Platzverweisverfahren zu untersuchen. Zur Beantwortung dieser Forschungsfrage ist ein zweidimensionales Vorgehen erforderlich: zum einen die Dimension der Handlungspraxis der im Platzverweisverfahren involvierten Expert/innen; zum Zweiten die Dimension des subjektiven Erlebens von Frauen, zu deren Schutz ein Platzverweis ausgesprochen wurde. Der einen „Version von Welt“ (Flick 2000: 60), die der Frauen, wird eine andere, die der Professionellen, gegenübergestellt. Dabei liegt das Verständnis zugrunde, dass das Verhalten von Frauen und Professionellen sich wechselseitig aufeinander bezieht und in der sozialen Interaktion Bedeutungszuschreibungen entstehen.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit wird auf die Dimension der Expert/innen gelegt, nicht zuletzt, weil es hierzu bislang wenige Forschungsarbeiten gibt. Die Untersuchung des professionellen Handelns, der Auslegung des Arbeitsauftrags, der subjektiven Sichtweisen und Handlungsorientierungen der Expert/innen von Polizeivollzugsdienst, Ortspolizeibehörde und Beratung bilden den umfassendsten Arbeitsschritt dieser Studie. In einem nächsten Schritt wende ich mich ergänzend dem subjektiven Erleben institutionellen Handelns gewaltbetroffener Frauen zu. In einer vertiefenden Sekundäranalyse der qualitativen Interviews aus der Platzverweisstudie gilt es, systematisch deren Erleben professionellen Handelns und die Bedeutung für das Erleben von Unterstützung zu rekonstruieren.

Abschließend gilt es, diese beiden Perspektiven zusammenzuführen und den sozialen Prozess zwischen gewaltbetroffenen Frauen und den im Platzverweisverfahren handelnden Akteuren zu rekonstruieren. Das gelingt jedoch nicht ohne Schwierigkeiten und Einschränkungen: Eine Schwäche dieser Arbeit besteht in dem relativ langen zeitlichen Abstand von drei Jahren zwischen der Befragung der Frauen der Platzverweisstudie (2003 2004) und der Befragung der Expert/innen dieser Untersuchung (2006 2007). Die professionelle Praxis unterlag gerade in den ersten Jahren des praktizierten Platzverweises noch vielfachen Veränderungen und Entwicklungen. Die Idee der Interventionskette, dem Ineinandergreifen professionellen Handelns von Polizei, Justiz und Beratung, bestand zwar bereits in der Theorie, der Umsetzung auf regionaler Ebene fehlten vielerorts noch die entsprechenden Strukturen und Abstimmungen. Spezialisierungen innerhalb des Beratungssektors sowie der Polizei wurden häufig erst im Laufe der Zeit regional geklärt und eingeführt. Die Verwaltungsfachkräfte der kommunalen Ortspolizeibehörden, welche mit häuslicher Gewalt zuvor nicht befasst waren, mussten sich in diese neue Aufgabe erst hineinfinden. Rückblickend zeigt sich, dass die professionelle Praxis in den ersten Jahren nach Einführung des Platzverweises herausgefordert war, in einen intensiven Prozess der Auseinandersetzung zu treten, um regional Rahmenbedingungen, Kooperationen und Verfahrenswege zu klären. Die Zeitspanne zwischen der Befragung der gewaltbetroffenen Frauen und der Expert/innen lässt damit keine einfache Gegenüberstellung der unterschiedlichen Perspektiven zu, denn:

• Interdisziplinäre Kooperationsprozesse waren zum Zeitpunkt der Expert/innenbefragung weiter ausgereift als zum Zeitpunkt der Befragung von gewaltbetroffenen Frauen der Platzverweisstudie,

• Erfahrungen mit dem Instrument Platzverweis waren zum Zeitpunkt der Expert/innenbefragung vielfältiger als zum Zeitpunkt der Befragung der Frauen,

• eine Befragung jener Expert/innen, welche in den Fällen der Frauen persönlich aktiv waren, wurde aufgrund der zeitlichen Distanz nicht als sinnvoll erachtet.

Eine Gegenüberstellung der Perspektiven kann dennoch begründet gerechtfertigt werden, da häusliche Gewalt zumindest für den Polizeivollzugsdienst und für Beratungseinrichtungen bereits vor Einführung des Platzverweisverfahrens ein vertrautes Aufgabenfeld war. Zudem wurden zu Beginn der neuen Interventionspraxis Schulungen für Polizeifachkräfte durchgeführt und die Erfahrungen des österreichischen Gewaltschutzkonzeptes auf diversen Fachtagen und in Fachzeitschriften vorgestellt und diskutiert.

 
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