Festlegung der Untersuchungsregion

Aufgrund der unterschiedlichen regionalen Ausgestaltung von Verfahrensund Kooperationsstrukturen im Platzverweisverfahren in Baden-Württemberg wurde es als sinnvoll erachtet, die Befragung der Expert/innen in einer bestimmten Region durchzuführen. Hier bot sich der Rems-Murr-Kreis an: Aus diesem Landkreis stammten sieben Interviews mit gewaltbetroffenen Frauen, die in der Platzverweisstudie zur Auswertung kamen. In den anderen der insgesamt 12 Regionen der Platzverweisstudie lag die Anzahl an Interviews zwischen einem und drei. Das vorliegende Material zum Erleben der Interventionspraxis in dieser Region war damit relativ hoch. Außerdem konnte erwartet werden, in diesem Landkreis sowohl etwas über die Besonderheiten der Verfahrenspraxis im ländlichen Raum als auch über die der mittelgroßen, durch die Nähe zur Landeshauptstadt Stuttgart geprägten Städte zu erfahren.

Zum Zweiten spielte mein berufliches Wirken in dieser Region eine Rolle bei der Festlegung der Untersuchungsregion. Diese Nähe zum Forschungsfeld war insofern günstig, da mir eine Vielzahl an Akteuren bekannt war und ich hierdurch auf Offenheit und Bereitschaft zur Mitwirkung an dieser Untersuchung stieß. Der Zugang zu den Interviewkandidat/innen gestaltete sich unkompliziert. Außerdem konnte ich durch meine Einbindung in die regionale Kooperationsstruktur mein theoretisches Wissen über berufliche Kulturen, Arbeitsstrukturen sowie über die Möglichkeiten und Zwänge institutionellen Handelns der mir prinzipiell fremden Berufsfelder Polizei und Verwaltung durch ein gewisses Verständnis erweitern.

Gleichzeitig birgt eine solche Nähe auch die Gefahr des Verlusts an Explikation auf Seiten der Erzählperson (vgl.: Helfferich 2009: 122). Dieser Gefahr konnte ich zum einen dadurch vorbeugen, dass ich in den Untersuchungsfeldern Polizeivollzugsdienst und Ortspolizeibehörde ausschließlich Personen interviewte, die mir fremd, allenfalls flüchtig bekannt waren. Zum Zweiten stellte ich meine Person im Vorfeld des Interviews als Pädagogin mit langjähriger Erfahrung in der Frauenhausarbeit vor, welche sich nun im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung den Erfahrungen der am Platzverweisverfahren beteiligten Institutionen zuwendet. Mit dieser Selbstpräsentation gelang es mir, sowohl Fremdheit herzustellen (ich gehöre nicht zur Polizei bzw. Verwaltung) als auch einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund zu benennen (die Arbeit mit gewaltbetroffenen Frauen) sowie ein Interesse an der spezifischen Sicht und Erfahrung der Expert/innen auszudrücken. [1]

Die Erwähnung meines früheren beruflichen Wirkens in einem Frauenhaus zeigte meiner Wahrnehmung entsprechend unterschiedliche „Interaktionseffekte“ (Bogner u. a. 2005: 48). In Anlehnung an die Typologie der Wahrnehmung des Interviewers durch den befragten Experten von Bogner u. a. (vgl.: a. a. O: 50ff) erhielt ich den Eindruck, dass meine Person durch diesen Hinweis von den Probanden bei Polizei und Ortspolizeibehörde hauptsächlich als Expertin einer anderen Wissenskultur gesehen wurde. Der institutionelle Auftrag, Begründungsmuster sowie bestehende Handlungszwänge wurden aufgrund dieser Divergenz von den Probanden oft intensiv erörtert, was für diese Arbeit gewinnbringend war. Auf der anderen Seite drängte sich mir während einiger Interviews der Eindruck auf, dass die Interviewpartner/innen durch meinen beruflichen Hintergrund Frauenhaus auf eine ideologische Voreingenommenheit meiner Person schlossen. So betonten einige in ihren Ausführungen oft mehrfach, dass Opfer häuslicher Gewalt sowohl weiblich als auch männlich sein können. In einzelnen Interviews sah ich eine Erläuterung meinerseits gefordert und erklärte nochmals, dass sich mein Forschungsinteresse aus forschungsrelevanten Überlegungen ausschließlich auf weibliche Opfer bezieht, mir aber dennoch bewusst sei, dass die Rollenverteilung durchaus anders ausfallen könne.

Im Feld der Beratung gewaltbetroffener Frauen gestaltete sich die Herstellung einer gewissen Fremdheit schwieriger, da mir die Probandinnen aus der Begleitung des lokalen Angebotes Opferberatung gut bekannt waren. Die Bereitschaft detaillierten Erzählens konnte ich dadurch fördern, dass ich zum einen betonte, selbst letztendlich nie in der besonderen Situation der Beratung von gewaltbetroffenen Frauen im Kontext des Platzverweises tätig gewesen zu sein und daher Interesse an ihrem spezifischen Expertinnenwissen habe. Zum anderen stellte ich während der Interviews Nachfragen zur Detaillierung oder bat um beispielhafte Fallbeschreibungen. Von den befragten Beraterinnen wurde ich meinem Eindruck nach hauptsächlich als „Co-Expertin“ (vgl.: Bogner u. a. 2005: 50f) wahrgenommen. Durch meine Betonung, dass ich die Beratungspraxis für Opfer im Platzverweisverfahren letztendlich nicht kenne, konnte ich den Probandinnen einen Wissensvorsprung attestieren und ihre Motivation zu umfassenden Ausführungen gewinnen. Gelegentlich brachte ich mein eigenes Erfahrungswissen aus meiner Frauenhausarbeit ein, fragte nach Parallelen oder Abweichungen in der Beratungspraxis im Platzverweisverfahren und konnte hierdurch die Reflektion nochmals anregen.

Nähe birgt außerdem die Gefahr, die notwendige Distanz nicht einnehmen zu können, welche insbesondere in den Phasen der Auswertung bedeutsam ist (vgl.: Przyborski u. a. 2010: 58ff). Insbesondere im Feld der Beratung stand ich immer wieder vor der Herausforderung, mich aus der Rolle der aktiven Mitgestalterin zu lösen und zur Beobachterin zu werden. Hierfür war die Reflektion im Forschungskolloquium äußerst hilfreich. Nicht zuletzt war die Entscheidung, die Aufgabe der fachlichen Begleitung zu beenden, eine Maßnahme, um Rollenkonfusionen vorzubeugen.

  • [1] In Anlehnung an die überzeugenden Empfehlungen zur Interaktion im Experteninterview von Bogner u. a. sowie aufgrund meines ohnehin relativ hohen Bekanntheitsgrades entschied ich mich zur Offenlegung meiner eigenen beruflichen Biographie. So weisen Bogner u. a. darauf hin, dass befragten Expert/innen in der Regel bewusst ist, dass sich Forschende bereits mit der Thematik auseinandergesetzt haben. Zudem versuchen sie sich ein Bild von der Interviewperson zu machen, um ihre Argumentation und Erzählweise darauf einstimmen zu können. Das in qualitativer Forschung viel beschworene Postulat der Neutralität des Forschenden wirkt in Experteninterviews eher als ein Verbergen eigener Positionen und birgt die Gefahr, dass aufgrund dieser Unklarheit eher oberflächlich, entlang der offiziellen Statuten geantwortet wird (vgl.: Bogner u. a. 2005: 60ff).
 
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