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3.3.2 Gewinnung der Interviewpartner/innen

Im Folgenden werden einige Eckpunkte zur Untersuchungsregion und den Untersuchungsfeldern Polizeivollzugsdienst, Ortspolizeibehörde und Opferberatung vorangestellt. Eine ausführliche Beschreibung der Organisationsstrukturen und Aufgaben der in diese Untersuchung einbezogenen Institutionen und Einrichtungen finden sich in den ausgewiesenen Theoriekapiteln (vgl.: Kap. 4.1 sowie 5.1 und 5.2).

Im Rems-Murr-Kreis leben rund 418.000 Menschen in 31 Kommunen, darunter fünf große Kreisstädte. Der Polizeidirektion des Landkreises gehören fünf Polizeireviere sowie zwölf Polizeiposten an. Die Polizeireviere befinden sich jeweils in den fünf großen Kreisstädten. Jedem Polizeirevier sind zwischen einem und drei Polizeiposten zugeordnet. In den Polizeirevieren inklusive der dazugehörigen Polizeiposten sind je nach Größe des Einzugsgebietes ca. 70 bis 100 Polizeifachkräfte beschäftigt. Seit 2002 wird das Platzverweisverfahren in Fällen häuslicher Gewalt kreisweit umgesetzt. In allen Polizeirevieren im Landkreis waren zum Zeitpunkt der Expert/inneninterviews Sonderzuständigkeiten für häusliche Gewalt eingeführt.

Die Aufgaben der Ortspolizeibehörde obliegen in der Regel den Ordnungsämtern der einzelnen Kommunen. Der Aufgabenkatalog der kommunalen Ordnungsämter ist vielfältig und abhängig von der Organisationsstruktur der Verwaltung einer jeweiligen Kommune. Polizeirechtliche Aufgaben bilden nur einen Teil eines umfassenden Aufgabenspektrums.

Die Beratung der Opfer häuslicher Gewalt wird von fünf Beratungsexpert/innen aus einem Trägerverbund von vier verschiedenen Beratungsstellen im Landkreis gemeinsam getragen. Dabei ist jedem Polizeirevier eine ausgewiesene Beraterin zugeteilt. Sie übernimmt die Beratung der Opfer “ihres” Reviers und steht in engem Kontakt mit den Akteuren des Polizeireviers und der kommunalen Ortspolizeibehörden.

Die Stichprobenkonstellation innerhalb qualitativer Sozialforschung ist nicht auf die Generalisierbarkeit von Erkenntnissen ausgerichtet. Qualitative Methodologie erhebt nicht den Anspruch auf repräsentative Ergebnisse, die sich auf größere Geltungsbereiche übertragen lassen. Stattdessen fokussiert sie auf “Existenzaussagen”. Diese Form der Generalisierung bezieht sich darauf, unterschiedliche Typisierungen im Sinne eines “es gibt...” herauszuarbeiten (vgl.: Lamnek 2005: 384), jedoch keine Aussagen zu ihrer Verteilung zu machen. Die Stichprobe der Expert/innenbefragung dieser Studie ist zum einen durch forschungsrelevante Vorüberlegungen geprägt: Die Expert/innen der drei Berufsgruppen sollten in vergleichbaren beruflichen Positionen stehen, über „Betriebswissen“ (Meuser/Nagel in Bogner u. a. 2005: 75) bezüglich des Platzverweises verfügen, jedoch hinsichtlich ihrer persönlichen Daten sowie ihres regionalen Einsatzfeldes städtisch-ländlich kontrastieren. Zum Zweiten wird die Stichprobe natürlich durch die Bereitschaft zur Teilnahme an einem Interview der angefragten Expert/innen sowie im Feld des Polizeivollzugsdienstes durch die Vorauswahl der Leitungsebene bestimmt.

Im Untersuchungsfeld der Polizei wurde der Leiter der Polizeidirektion schriftlich über die geplante Untersuchung informiert und um Erlaubnis zur Durchführung von qualitativen Interviews mit Polizeibeamt/innen gebeten. Nach Erhalt der Erlaubnis wurde Kontakt mit den Revierleitungen aufgenommen und auch diesen die geplante Untersuchung vorgestellt. Sie wurden um die Nennung von teilnahmewilligen Polizeibeamt/innen aus ihrem Revier gebeten, die über konkretes Erfahrungswissen im Bereich häuslicher Gewalt und Platzverweis verfügen. Sie wurden außerdem angehalten, bei der Auswahl ihrer Personen auf Unterschiedlichkeit zu achten, wobei im Anschreiben beispielhaft Alter, Geschlecht, kultureller Hintergrund sowie unterschiedliche Dienstbereiche angeführt wurden. Es wurden all jene Polizeibeamt/innen interviewt, welche mir als Interviewkandidat /innen gemeldet wurden.

Es befinden sich in dieser Gruppe drei Männer und drei Frauen, die Altersspanne liegt zwischen Anfang 30 und Anfang 50. Fünf Befragte trugen die Dienstbezeichnung des Polizeiobermeisters/Polizeiobermeisterin, einer von ihnen besaß den Rang des Polizeihauptkommissars. Vier der Befragten waren im Schichtdienst der Streifenpolizei beschäftigt. Sie gehörten zu denjenigen, die vor Ort fahren und direkt auf einen Ruf häuslicher Gewalt intervenieren müssen. Drei der Polizist/innen waren ausschließlich oder zusätzlich mit der Sonderzuständigkeit für häusliche Gewalt in ihrem Revier betraut. In der Regel sind sie für die Endsachbearbeitung im Bereich der Strafverfolgung zuständig, wozu sie nach der polizeilichen Intervention vor Ort nochmals Kontakt mit den Beteiligten aufnehmen. Häusliche Gewalt war bei allen Interviewpartner/innen kein Thema in ihrer Polizeiausbildung. Sie nahmen jedoch an einer Einweisung in das Platzverweisverfahren in Fällen häuslicher Gewalt durch die Polizeidirektion teil und besuchten teilweise darüber hinaus weitere Fortbildungen und Fachtage.

Die Rekrutierung der Befragungsgruppe der Expert/innen der Ortspolizeibehörden gestaltete sich etwas schwieriger. Nicht in allen Kommunen des Landkreises waren zum Zeitpunkt der Untersuchung bereits Platzverweise in Fällen häuslicher Gewalt ausgesprochen. Das oberste Kriterium für die Wahl von Interviewpartner/innen bildete demnach die praktische Erfahrung mit dem Platzverweis und dies nicht ausschließlich als Einzelfall. Um einen Zugang zu den Expert/innen in der Verwaltung zu erhalten, erbat ich zum einen von den befragten polizeilichen Sonderzuständigen auf den Revieren die Namen ihrer Kooperationspartner/innen auf den Ortspolizeibehörden. Einen weiteren Zugang stellte der kreisweite „Runde Tisch gegen häusliche Gewalt“ im Landkreis dar, in dem einzelne Vertreter/innen der Ortspolizeibehörden der großen Kreisstädte teilnahmen. Einen dritten Zugangsweg bildeten Hinweise einzelner Befragten dieser Profession auf abweichende Vorgehensweisen ihrer Kolleg/innen aus anderen Kommunen. Insgesamt wurden fünf Expert/innen befragt, darunter drei Frauen und zwei Männer im Alter von Mitte 30 bis Anfang 50 Jahren. Zwei dieser Expert/innen arbeiteten in Kommunen ländlichen Charakters, die anderen waren in einer der großen Kreisstädte beschäftigt. Von ihrer Qualifikation sind sie diplomierte Verwaltungsfachwirte bzw. Juristen und verfügen über mehrjährige Berufserfahrung im Ordnungswesen der Verwaltung. Die Thematik Häusliche Gewalt war selten Gegenstand in ihren Ausund Fortbildungen. Einzelne besuchten allgemeine Fachtage oder bewerteten die Auseinandersetzung am kreisweiten Runden Tisch gegen häusliche Gewalt als Informationsquelle.

Im Feld der Opferberatung konnten alle fünf Expertinnen der Opferberatung im Rems-Murr-Kreis befragt werden. Sie waren zum Interviewzeitpunkt zwischen Mitte 40 und Anfang 50 Jahre alt. Die Beraterinnen sind seit Initiierung des Projektes “Opferberatung in Fällen häuslicher Gewalt” des Landkreises im Herbst 2004 in dieser Aufgabe tätig. Vier von ihnen verfügen über den Berufsabschluss der Diplom-Sozialpädagogin; eine von ihnen den der DiplomPsychologin. Ihre Zusatzausund Fortbildungen sind vielfältig und liegen hauptsächlich im therapeutischen Bereich. Die Thematik Häusliche Gewalt ist ihnen zum Teil bereits aus dem Studium, stärker jedoch aus Fachtagen, Fortbildungen sowie ihrer beruflichen Tätigkeit in einer Beratungsstelle bzw. dem Frauenhaus bekannt. Die Heterogenität in dieser Stichprobe beruht auf dem unterschiedlichen institutionellen Kontext, dem die Beraterinnen angehören: Psychologische Beratungsstellen der Caritas, Diakonie und pro familia sowie das regionale Frauenhaus, als die auf häusliche Gewalt konzentrierte Einrichtung im Landkreis, sind an diesem Projekt beteiligt.

 
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