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3.3.3 Durchführung der Expert/innenbefragung

Die Abfolge der Datenerhebung orientierte sich am Interventionsverlauf im Platzverweisverfahren: Polizeivollzugsdienst – Ortspolizeibehörde – Opferberatung. Ein Informationsblatt über Ziel, Zweck und Hintergrund der Untersuchung sowie über den Ablauf des Interviews, dessen Bandaufzeichnung und den Umgang mit den Daten wurde vorab erstellt und den Interviewpartner/innen zugeschickt. Die Interviews fanden in der Arbeitsstelle der Expert/innen statt. Diese Wahl war für die Untersuchung gewinnbringend, denn auf diese Weise erlebte ich die Professionellen in ihrer Arbeitswelt und bekam einen Einblick in die Atmosphäre ihrer Institution.

Um Offenheit und einen ersten persönlichen Kontakt zu den Interviewpartner/innen herzustellen, achtete ich vor Beginn des Interviews auf ein kurzes “Warm-up” in Form eines lockeren Eingangsgesprächs. Anschließend erläuterteich Erkenntnisinteresse und Design meiner Forschungsarbeit. Dabei betonte ich meine Angewiesenheit auf ihr Fachwissen sowie mein Interesse an ihren Sichtweisen im Tätigkeitsfeld Häusliche Gewalt und Platzverweisverfahren und würdigte ihre Bereitschaft zur Teilnahme. Außerdem griff ich im Vorfeld des Interviews das Thema Tonbandaufzeichnung und Anonymisierung der Transkripte auf, gab Gelegenheit zu Rückfragen und holte eine schriftliche Einverständniserklärung zur Nutzung der Daten in anonymisierter Form ein. Hierbei wurde auch auf mögliche Grenzen der Anonymisierung hingewiesen: Expert/innen arbeiten in Teams, sind in Gremien eingebunden und kennen die Kolleg/innen sowie externe Akteure aus verschiedenen beruflichen Arbeitszusammenhängen. Durch fachlichen Austausch und informelle Gespräche können so manche Haltungen und Sichtweisen einzelner Fachkräfte, Praktiken einzelner Institutionen sowie spezifische Einzelfälle dem beruflichen Umfeld bekannt sein. Selbst bei sorgfältigster Anonymisierung der Daten kann nicht vermieden werden, dass Leser/innen einzelne Interviewzitate auf eine bestimmte Person zurückführen. Insgesamt legte ich Wert darauf, mich als wertschätzende und engagierte aktive Zuhörerin zu präsentieren und passte mich ihrem Sprachgebrauch sowie ihrem Kenntnisstand an.

Die Befragung der Expert/innen erfolgte mittels offenen, halbstandardisierten Leitfadeninterviews. Dieser Interviewtyp empfiehlt sich, da durch ihn die Behandlung relevanter Themen sichergestellt und eine Vergleichbarkeit von Interviews ermöglicht wird (vgl.: Meuser/Nagel in Bogner u. a. 2005: 77ff). [1] Der Leitfaden zeichnete sich durch eine Orientierung an einer relativ eng umgrenzten Forschungsfrage und einem systematischen Aufbau der für die Forschungsfrage relevanten Themenbereiche aus. Die interviewte Person kann aufgrund der offenen Gestaltung der Fragen in Bezug auf das Thema weitgehend frei antworten. Für jedes der drei Untersuchungsfelder wurde ein eigener Interviewleitfaden entwickelt, der in vier Themenbereiche sowie einen stärker strukturierten Bilanzierungsteil am Ende des Interviews untergliedert war. Jeder der Themenbereiche wurde mit einem relativ offenen, jedoch thematisch fokussierten Erzählanreiz eingeführt, welche dem Probanden die Möglichkeit überließ, den Sachverhalt nach eigenen Relevanzund Ordnungsstrukturen darzulegen. Auf diese erste Ausführung hin folgten spezifischere Nachfragen, die entweder bestimmte bereits angedeutete Aspekte aufgriffen und eine Vertiefung evozierten oder neue forschungsrelevante Aspekte einführten, die vom Interviewpartner bislang ausgespart wurden (vgl.: Helfferich 2009: 102ff; Przyborski u. a. 2010: 140f).

Im Hinblick auf die Untersuchungsfelder Polizeivollzugsdienst und Ortspolizeibehörde waren folgende Themenbereiche von besonderem Interesse:

• Die Entscheidungssituation Platzverweis: Wie wird die Entscheidung für den Erlass bzw. die Bestätigung eines Platzverweises getroffen? Welche Kriterien werden in die Entscheidung einbezogen? Wann ist die Entscheidung schwierig? Wie handeln die Expert/innen in schwierigen Situationen? Wann wird ein Platzverweis als wenig sinnvoll erachtet? Wie gestaltet sich das Handeln in diesen Fällen? Wie verläuft der Entscheidungsprozess bei Personen, bei denen bereits mehrfach Interventionen wegen häuslicher Gewalt notwendig waren?

• Der Kontakt zu gewaltbetroffenen Frauen aus Sicht der Expert/innen: Wie erleben die Befragten die Frauen im Kontakt mit der Polizei bzw. der Ortspolizeibehörde? Werden Befürchtungen wahrgenommen? Welche Erwartungen und Wünsche richten Frauen an die Polizei bzw. die Ortspolizeibehörde? Wie werden diese Erwartungen und Wünsche von den Expert/innen eingeschätzt? Welche Erwartungen richten die Expert/innen selbst an die gewaltbetroffenen Frauen? Vor welchen Anforderungen stehen die Beamt/innen, wenn Frauen sich widersprüchlich verhalten und den Mann während des Platzverweises wieder aufnehmen?

• Die Folgen des Platzverweises für Frauen: Verstehen Frauen aus ihrer Sicht die Abläufe des Platzverweisverfahrens und das Handeln der involvierten Institutionen? Wie ist das für die Polizei in der Praxis, wenn Frauen am Strafverfahren nicht mitwirken wollen? Wie gestaltet sich das Verfahren des Einholens des Einverständnisses für die Datenweitergabe an die Beratung? Welche Unterstützung brauchen Frauen aus ihrer Sicht von Beratung?

• Der Umgang mit der Thematik Häusliche Gewalt und mit dem Eingriffsinstrument Platzverweis innerhalb der eigenen Organisationseinheit sowie innerhalb des Kooperationsverbunds: Welche Haltungen erleben die Befragten in Bezug auf den Platzverweis im Kollegium und bei den Vorgesetzten? Mit welchen Einrichtungen und Institutionen stehen die Befragten in Fällen häuslicher Gewalt im Kontakt? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

Im Feld der Opferberatung waren dies folgende Themenbereiche:

• Die Einschätzung des Instruments Platzverweis als Intervention gegen häusliche Gewalt: Wie reagieren gewaltbetroffene Frauen auf den Platzverweis? Was ist aus Sicht der Expertinnen für sie entlastend bzw. belastend am Platzverweis? Verstehen die Frauen den Ablauf des Platzverweisverfahrens?

Gibt es Betroffenengruppen, bei denen Sinn und Zweck des Platzverweises von den Expertinnen in Frage gestellt werden?

• Der Kontakt zu den gewaltbetroffenen Frauen: Welche Erfahrungen werden mit dem zeitnahen pro-aktiven Zugang gemacht? Welche Erwartungen und Wünsche richten die Klientinnen an die Opferberatung? Wie werden diese von den Beraterinnen eingeschätzt? Werden Befürchtungen bei den Frauen gegenüber Beratung wahrgenommen?

• Inhalte und Praxis von Beratung: Welche Inhalte kommen in der Opferberatung zum Tragen? Wie stellt sich der Bedarf von Frauen an Unterstützung aus Sicht der Beraterinnen dar? Wie gestaltet sich Beratung, wenn der geäußerte subjektive Beratungsbedarf der Frau und die Bedarfsdiagnose der Expertin divergieren? Gibt es eine schwierige Klientel in der Opferberatung? Wie verläuft Beratung bei Frauen, die die Partnerschaft aufrechterhalten wollen? Weshalb wird Opferberatung aus Sicht der Expertinnen hauptsächlich als Kurzzeitberatung in Anspruch genommen? [2] Welche Erwartungen haben die Beraterinnen an ihre Klientinnen? Welche Erwartungen an Beratung nehmen sie bei den Frauen wahr? Welche Ansprüche haben sie an ihre eigene Beratungsarbeit? Welche Unterstützung erhalten Frauen im Gruppenangebot der Opferberatung?

Alle Interviews der drei Forschungsfelder schlossen mit einem allgemeinen Bilanzierungsteil. Die Fragen umfassten hier Einschätzungen zu den Ursachen häuslicher Gewalt, zum Potential des Platzverweises, um häusliche Gewalt beenden zu können, zu Verbesserungsmöglichkeiten hinsichtlich des Platzverweisverfahrens, zur Einbindung der Ortspolizeibehörde in den Entscheidungsprozess in Baden-Württemberg sowie zur Wirkung des Platzverweises auf Täter. Zudem wurde gefragt, ob die Expert/innen – über den gesetzlichen Auftrag hinaus – persönliche Ansprüche an ihr Handeln im Problemkreis Häusliche Gewalt stellen. Eine offene Frage, was ihnen noch wichtig sei und noch nicht angesprochen wurde, beendete das Interview.

Gemäß des Kriteriums der Offenheit folgte ich nicht strikt der Abfolge der Themen und Fragestellungen des Leitfadens, sondern orientierte mich weitgehend an der Themensetzung der Interviewten. Ebenso wurden Aspekte der Befragten aufgegriffen, die im Leitfaden nicht vorgesehen waren, die jedoch für die Untersuchung zusätzlich von Interesse erschienen. Es ist gelungen, in allen Interviews die Themenbereiche des Interviewleitfadens aufzugreifen sowie die Bilanzierungsfragen zu stellen. Eine Vergleichbarkeit der Antworten ist damit gewährleistet. Nach Durchführung eines Interviews wurde ein Interviewprotokoll erstellt, in dem Eindrücke zur Atmosphäre und zur Interaktion festgehalten wurden.

Die Interviewdauer betrug je nach Erzählfreudigkeit der Befragten zwischen ca. 60 und ca. 120 Minuten. Die Polizeibeamt/innen mit dem Auftrag der Sonderzuständigkeit für häusliche Gewalt zeigten eine hohe Motivation zur Teilnahme an dieser Untersuchung. Sie präsentierten sich als Expert/innen für das Thema innerhalb der Polizei und nutzten das Gespräch nebenbei zur Darstellung ihrer Rolle, der Bedeutsamkeit der Sonderzuständigkeit und zur Darlegung eines gewandelten Verständnisses über häusliche Gewalt innerhalb ihrer Institution. Auch die Polizeibeamt/innen im Streifendienst zeigten sich motiviert, jedoch tendenziell in einer anderen Richtung als ihre Kolleg/innen mit der Aufgabe der Sonderzuständigkeit: Hier wurde an einigen Stellen in den Interviews deutlich, dass ihre Intention in die Richtung ging, darzulegen, wie es „wirklich“ abläuft vor Ort. Beschreibungen schwieriger Einsatzsituationen, auch Ärger über das Vorkommnis häuslicher Gewalt und Kritik am Verhalten der gewaltbetroffenen Frauen kamen hier deutlich häufiger zur Sprache. Diskrepanzen in der Einschätzung der Problematik häuslicher Gewalt zwischen den Vor-Ort-Polizist/innen und der administrativen Polizei (Revierleitungen oder Polizeibeamt/innen im Bezirksdienst) wurden ebenfalls sichtbar: So berichtete eine Streifenpolizistin nach Beendigung des Interviews, dass ihr höherrangiger Kollege mit Auftrag der Sonderzuständigkeit für häusliche Gewalt ihr anbot, an dem Gespräch teilzunehmen, was sie mit den Worten „du hast dein Gespräch, ich habe meins“ recht rigoros ablehnte. Diese Begebenheit zeugt vom Interesse der Polizeibeamtin, offen und unbeeinflusst ihre persönliche Sicht darlegen zu können, was ihr im Beisein des Kollegen nicht unbedingt möglich erschien. Sie zeugt möglicherweise auch von einer Skepsis des ranghöheren Polizisten, ob die Kollegin das in seinen Augen Richtige sagt, treffende Einschätzungen und eine korrekte Präsentation der Institution Polizei vertritt. Dieses Spannungsverhältnis zwischen den verschiedenen Akteuren der Polizei trug zur Ergiebigkeit des Interviewmaterials bei.

Bei der Befragung der Akteure im Berufsfeld der Ortspolizeibehörde, jener Verwaltungsfachkräfte mit Sitz in den kommunalen Rathäusern, vermerkte ich im Vorfeld einige Hinweise auf Unsicherheit in Bezug auf die Teilnahme an dieser Forschungsstudie: So vereinbarte ich mit einer Sachbearbeiterin einen Interviewtermin, wurde aber von der Abteilungsleitung empfangen. Die entsprechende Person hatte ihre Vorgesetzte gebeten, das Interview mit mir zu übernehmen. Zwei weitere Interviewpartner/innen wünschten im Vorfeld des Inter views den Leitfaden, um sich auf die Fragen vorbereiten zu können. Eine andere Interviewpartnerin wollte sich zunächst nur dann auf ein Interview einlassen, wenn auf eine Bandaufzeichnung verzichtet würde. Erst nach ausführlicher Darlegung der Schwierigkeit meinerseits, ihre Informationen ohne Bandaufzeichnung für diese Untersuchung verwerten zu können, willigte sie in die Tonbandaufnahme ein. Auch ihre anfänglich spürbare Distanziertheit sowie starke Kontrolliertheit in Sprache und Gestik wichen meiner Wahrnehmung nach im Verlauf des Interviews und ihre Ausführungen gewannen an Authentizität, Offenheit und persönlichem Bezug. Diese Begebenheiten führe ich zum einen auf eine gewisse Berufskultur zurück: die Arbeit in der öffentlichen Verwaltung, so wie ich sie in meinem Berufsleben kennengelernt habe, unterliegt einer gewissen Kontrolliertheit, Formalität und Papierlastigkeit. Zum Zweiten – und dies scheint mir hier bedeutsamer zu sein – führe ich sie auf eine tendenzielle Unsicherheit in Bezug auf das Platzverweisverfahren zurück: Die Ortspolizeibehörden erfuhren – anders als der Polizeivollzugsdienst – mit dessen Einführung keine berufsspezifischen Einweisungen oder Schulungen. Sie waren dadurch gezwungen, eine eigene best practise zu entwickeln, welche sich erst im Laufe ihrer zunehmenden Erfahrung herausbilden musste.

Im Untersuchungsfeld der Opferberaterinnen nahm ich ebenfalls eine hohe Motivation zur Teilnahme an dieser Untersuchung wahr. Meine Anfrage wurde von allen ohne Rückfragen oder Skepsis bereitwillig angenommen. Es bestand zudem ein großes Interesse an den Ergebnissen der Befragung, welche ich nach Abschluss der Auswertung präsentierte und zur Diskussion stellte. Meines Erachtens nutzten sie das Interview dazu, ihre Erfahrungen und ihr Handeln nochmals aus einer größeren Distanz heraus zu reflektieren. Diese Interviews zeichnen sich durch eine hohe Konzentration, Fachlichkeit und sprachliche Präzision aus. Die Interviewpartnerinnen präsentierten sich als kompetente und empathische Fachfrauen. Sie berichteten hauptsächlich aus der Perspektive der Professionellen und legten ihren Schwerpunkt – auch in Fallbeschreibungen – auf ihr Handeln, ohne Schwierigkeiten in der Beratungspraxis auszusparen. Dies dürfte nicht allzu sehr verwundern: Diese Expertinnen haben sich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt, sie sind es zudem aus ihrer Berufspraxis gewohnt zu analysieren und zu reflektieren. Sich speziell mir gegenüber, der Initiatorin und Koordinatorin des Projektes Opferberatung, als kompetent auszuweisen, dürfte auch eine Rolle gespielt haben.

  • [1] Eine klassisch narrative Interviewführung mit Expert/innen wird in der Methodenliteratur abgelehnt, da es dem diskursiv-argumentativen Kommunikationsstil des Experten sowie seinem Status nicht gerecht wird (vgl.: Kruse 2011: 278; Helfferich 2009: 164)
  • [2] Diese Frage bezieht sich auf vorhandene Daten der statistischen Erhebung der Beratungskontakte im Rahmen des Projektes Opferberatung. Demnach wurde aus der Opferberatung selten eine längerfristige psycho-soziale Begleitung (siehe hierzu Kap. 5.3.7)
 
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