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4.1.9 Zur Kultur von Polizei und Polizist/innen

Empirische Forschung über die Polizei in der Bundesrepublik als eine sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Institution als Ganzes oder mit ihren Subgruppen hat noch keine ausgeprägte Tradition. Ein Vertreter, der sich der Erforschung der „cop culture“ widmet, der Kultur der Polizisten auf der Straße, ist Rafael Behr. Nach mehreren Jahren eigener Tätigkeit im Polizeidienst beschäftigte er sich mit Männlichkeiten und Handlungsmustern der „street-cops“ aus soziologischer Perspektive sowie mit dem Spannungsverhältnis zwischen der Polizeikultur mit ihren theoriegeleiteten Leitbildern und der Polizistenkultur mit ihren Alltagserfahrungen, Gerechtigkeitsvorstellungen und Handlungsmustern (vgl.: Behr 2000, 2000a, 2006). In diesem Kapitel werden das Selbstverständnis der Polizei sowie Handlungsmuster der Polizisten an der Basis ausgeführt.

• Das Selbstverständnis der Polizei

Das polizeiliche Selbstverständnis wandelte sich in den 80er Jahren von einer Rechtsschutzpolizei zu einer Bürgerschutzpolizei. Bei dem Verständnis der Polizei als Rechtsschutzpolizei, welche nach 1945 wirksam war, stand die Funktionsfähigkeit des Staates im Mittelpunkt. Im Verständnis der Polizei als Bürgerschutzpolizei rückten gesellschaftspolitische Fragen sowie die Angemessenheit und Verantwortung für Konflikteskalationen stärker in den Mittelpunkt (vgl.: Behr 2006: 68). Einen Einblick in das Selbstverständnis kann man durch die Leitbilder der Landespolizeien gewinnen. Das Leitbild der Polizei in Baden Württemberg ist in sechs Aussagen festgehalten. Sie lauten:

- Für uns steht der Mensch im Mittelpunkt.

- Nur gemeinsam erreichen wir unsere Ziele.

- Unser Dienst erfordert den ganzen Menschen.

- Recht und Gesetz bestimmen unser Handeln.

- Die Zukunft mitgestalten – unser Weg.

- Bürgernähe führt uns zum Erfolg.

(vgl.: Innenministerium Baden-Württemberg 2006: 40f)

Deutlich zum Ausdruck kommen hier Ideale wie Bürgernähe, die Sorge für Sicherheit und Ordnung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sowie die Tugenden Menschlichkeit, Fürsorge und Gerechtigkeit. Polizeiarbeit wird eher als Konfliktmanagement und Kommunikation definiert als durch autoritäres Handeln.

Behr kritisiert das Fehlen einer Aussage über die polizeiliche Gewaltlizenz und ihre Handhabung in den Leitbildern. Er weist darauf hin, dass polizeiliche Leitbilder politisch gewünschte, wenig praxisnahe Ideale darstellen. In ihnen zeigt sich das Bestreben nach einem positiv besetzten Bild der Polizei in der Gesellschaft. Je mehr man sich dem konkreten praktischen Alltagshandeln der Polizist/innen zuwendet, desto mehr verlieren seiner Auffassung entsprechend die Begrifflichkeiten der Leitbilder an Aussagekraft. In der Auseinandersetzung über polizeiliche Leitbilder innerhalb der Polizei liegt jedoch seines Erachtens die Chance einer Reflektion über Anspruch und Wirklichkeit in der Polizeiarbeit und einer Abkehr von traditionellen Handlungsmustern (vgl.: Behr 2006: 36ff).

Neben der in den Leitbildern propagierten offiziellen Polizeikultur existiert nun nach Behr eine Kultur der Polizist/innen, welche die praktische Polizeiarbeit ausführen. Polizeikultur und Polizistenkultur sieht er in einem gewissen Spannungsverhältnis, welches den Polizeialltag prägt. In ihrem Verhältnis zeigt sich die Diskrepanz von Theorie und polizeilichen Alltagserfahrungen (vgl.: Behr 2000: 18). Im Folgenden werden die von Behr entwickelten kollektiven Handlungsmuster der „street cops“und deren symbolische Wirkung beleuchtet. Ergänzt werden sie mit Überlegungen, welche die Handlungsmuster aufwerfen können, wenn man sie in Bezug auf das Problemfeld häusliche Gewalt setzt.

Polizeiliche Handlungsmuster sind nach Behr eine „ungeschriebene Schutzmann-Fibel, sie fungieren als lebensweltliche Entgegensetzung zum Theoriewissen, das man in der Polizeischule lernt. Handlungsmuster sind das Rüstzeug des Schutzmannes, mit ihrer Hilfe bewältigt er seinen Job sehr viel pragmatischer als mit wissenschaftlichen Erkenntnissen“. Sie werden innerhalb der Dienstgruppe während der Einsätze vermittelt. Handlungsmuster sind von Einstellungen zu differenzieren, denn sie stehen immer in Verbindung mit dem konkreten Handeln in realen Situationen. Einstellungen dagegen können bestehen, ohne in der Aktion zum Ausdruck zu kommen (vgl.: Behr 2000: 188f). Handlungsmuster von Polizist/innen lassen sich nach Behr auf drei Ebenen erkennen: auf der Institutions-, der Organisationsund der Handlungsebene.

 
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