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Handlungsmuster auf organisatorischer Ebene

Auf der Organisationsebene sind die polizeilichen Handlungsmuster nach Konformität ausgerichtet: Kollektiv verbindliche Normen im Polizeialltag wirken handlungsleitend. Wie in einer Situation gehandelt wird, richtet sich nach den polizeilichen Traditionen. Konformitätsorientierung, „Handeln-wie-üblich“, ist insbesondere bei der Schutzpolizei ausgeprägt, da diese die „Generalisten in der Polizei“ (Behr 2000: 195) sind und selten über spezielles Expertenwissen, wie beispielsweise die Sachbearbeiter/innen, verfügen. Dienstgruppenführer/innen, regionale Polizeiführung oder statushohe Kolleg/innen in der Dienstgruppe wirken stärker normenbildend als Vorschriften und Gesetze (vgl.: a. a. O.: 194f). Die Handlungsmuster lauten:

• „Konflikte werden intern gelöst“: Moralisch auf der richtigen Seite stehen.

• „Im Dienst gilt unbedingte Solidarität“: Machtdemonstration, Überlegenheit, soziale Zugehörigkeit.

• „Begonnene Maßnahmen werden durchgezogen“: Identifikation mit einem starken Staat; Machtund Größenphantasien.

• „Erledigung von Aufgaben so, dass sie nicht beanstandet werden“: Normenklarheit, Sicherheit, Kontrolle (Behr 2000: 219).

Hier stellt sich die Frage, welche polizeiliche Traditionen und Routinen das nun täterorientierte Vorgehen in Fällen häuslicher Gewalt herausbildet hat und welche Rolle Führungskräfte oder Sonderzuständige für häusliche Gewalt dabei spielen. Anzunehmen ist weiterhin, dass die doppelte Zuständigkeit von Polizei und Ortspolizeibehörde im Platzverweisverfahren das von Behr beschriebene Handlungsmuster des Durchziehens von Maßnahmen durchkreuzt. Dies wirft die Frage auf, welche Wirkung die Begrenzung der Eingriffsbefugnis auf das Handeln der Polizist/innen vor Ort hat.

Handlungsmuster auf der Handlungsebene

Auf der Handlungsebene orientieren sich die polizeilichen Handlungsmuster nach dem Pragmatismus. Handwerkliche Kompetenzen, innere Einstellungen und individuelle Techniken und Handlungsstrategien sind handlungsleitend (vgl.: Behr 2000: 202). Hier lauten die Handlungsmuster:

• „Man muss stets Verdacht schöpfen“: Konstruktionen von Normalität und Gefahr /Risiko.

• „Übereifer zahlt sich nicht aus“: Rechtfertigung von Passivität.

• „Man muss etwas von der Gegenseite wissen“: Einblick in deviante Muster wird legitimiert, Affinität zur Klientel normativ abgesichert (Behr 2000: 219)

Das erste Handlungsmuster spricht den professionellen Argwohn der street cops an. Er ist nach Behr eine „Grunderfordernis im Polizeidienst“ (Behr 2000: 212) und wirkt sich stärker aus als alle anderen Handlungsmuster. Argwohn entsteht aus einem sich bestätigenden Praxiswissen, ist jedoch ein widersprüchliches Potential. Einerseits schützt er vor Naivität und damit vor unangenehmen Erfahrungen, andererseits verhindert das chronische Misstrauen die Wahrnehmung von Unverdächtigen und einen positiven Blick auf Situationen (vgl.: a. a. O.: 212).

Hier stellt sich die Frage, inwiefern Argwohn gegenüber Tätern wie Opfern häuslicher Gewalt zum Tragen kommt und wenn ja, worauf sich dieser bezieht. Außerdem: Von welchem Handeln wird in welchen Fallkonstellationen häuslicher Gewalt möglicherweise abgesehen, weil mit einem zufriedenstellenden Ertrag kaum gerechnet wird? Dieses Handlungsmuster lässt meines Erachtens erwarten, dass polizeiliches Handeln in der Wahrnehmung der Polizist/innen erfolgreich sein muss: In Bezug auf häusliche Gewalt bedeutet dies, dass Beziehungsgewalt mit Hilfe polizeilichen Handelns beendet werden kann. Übereifrig sein ist negativ konnotiert. Übereifer besteht, wenn trotz dem vollen Ausschöpfen von Ermessenspielräumen, Interventionsmöglichkeiten und individueller Hilfestellungen im Einzelfall das Ziel der Gewaltbeendigung nicht erreicht wird. Er ist ein Ausdruck für ein Zuviel an Intervention, für ein Handeln, das sich nicht auszahlt. Hier stellt sich die Frage nach der Reichweite des Ziels der Gewaltbeendigung. Gilt polizeiliches Handeln als erfolgreich, wenn situativ Gewalt beendet wird oder besteht der Anspruch nach einer dauerhaften Beseitigung häuslicher Gewalt? Beim letzten Handlungsmuster stellt sich die Frage, was Polizist/innen meinen von der „Gegenseite“ zu wissen. Welche Erklärungsansätze haben sie für häusliche Gewalt? Wie deuten sie mögliche Stabilitäten von Gewaltbeziehungen und wie wirken sich diese Deutungen auf ihr Handeln aus?

Zusammenfassend: Leitbilder der Polizei zeugen von der Zielsetzung Schutz der Bürgerrechte durch Bürgernähe und Verständigung. Sie sind ein Ideal und dienen der Außendarstellung der Polizei sowie der Orientierung der polizeilichen Akteure an eine gewisse Handlungsethik. Diesen gegenüber stehen Handlungsmuster, welche sich an den beruflichen Alltagserfahrungen der Polizist/innen orientieren. Während die Leitbilder eine polizeiliche Nähe zu den Menschen der Gesellschaft signalisieren, betonen die Handlungsmuster der street cops eher Distanz und Misstrauen gegenüber den Bürger/innen.

 
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