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4.2.2 Professionelles Handeln der Polizei in Fällen häuslicher Gewalt

Zunächst werden in diesem Kapitel einige Grundtypen der in den Polizeiinterviews verbalisierten Fallgeschichten häuslicher Gewalt vorgestellt. Anschließend werden zentrale Formen ihres professionellen Handelns dargelegt. Zuerst jene, welche die befragten Polizeibeamt/innen im Streifendienst beschrieben. Sie sind jene, welche vor Ort intervenieren. Im Anschluss daran wird die professionelle Praxis der polizeilichen Sonderzuständigen für häusliche Gewalt behandelt.

4.2.2.1 Einsatzsituationen

Die zahlreichen Fallbeschreibungen in den Interviews mit den Polizist/innen dieser Studie machen deutlich, dass die Akteure vor Ort unterschiedliche Situationen antreffen. Die Beschreibung ihrer Fälle zeugt von einer Fülle an Differenz, beispielsweise hinsichtlich des soziokulturellen Hintergrunds der Beteiligten, hinsichtlich der Gewaltschwere und deren Ausmaß an Verletzungsfolgen. Die Menschen, auf die sie stoßen sind in unterschiedlicher physischer und psychischer Verfassung. Die Bandbreite reicht von hoch aggressiven Tätern, die sich provozierend und drohend gegenüber Opfern und selbst der Polizei verhalten, bis hin zu solchen, die passiv wirken, weinen oder „alles mit sich machen lassen“ (P SZ 3, Abs. 35). Sie treffen auf Opfer, die verängstigt und erstarrt wirken sowie auf solche, die lautstark und fordernd auftreten. Oft sind Kinder anzutreffen oder weitere erwachsene Personen, die sowohl mitbetroffen als auch eskalationsfördernd in Erscheinung treten können. In manchen Einsätzen ist das akute Gewalthandeln noch im Gange, in anderen ist die Gewalt bereits beendet, in wieder anderen besteht die Gefahr eines erneuten Aufflammens von Gewalt. Mal prägen heftige Auseinandersetzungen zwischen den Partnern die Situation, mal herrscht eine leise aber angespannte Atmosphäre. In einzelnen Fällen lehnen beide Partner eine polizeiliche Intervention häufig trotz sichtbarer Gewaltspuren ab, in anderen wird das polizeiliche Einschreiten zumindest vom Opfer begrüßt.

Die Interviewpartner/innen wurden nicht ausdrücklich um Fallbeschreibungen gebeten. Ausführliche Erzählungen konkreter Fälle platzierten sie selbst, und zwar hauptsächlich an jenen Punkten im Interviewverlauf, bei denen die Befragten entweder ihre subjektiven Erklärungsmuster zu häuslicher Gewalt darstellten und diese anhand eines Falles beispielhaft erläuterten oder bei Interviewfragen, in denen es um die Grenzen und Schwierigkeiten im Verfahren ging. Die nachfolgend vorgestellten Typen sind also keine vollständige Aufzählung der Fälle, wie sie den Polizeibeamt/innen in der Praxis begegnen. Es sind vielmehr jene Falltypen, die daher für die Polizist/innen von Bedeutung sind, dass sie entweder meinen, hier an die Grenzen ihrer eigenen Handlungswirksamkeit zu stoßen oder durch sie in ihren eigenen Auffassungen bestätigt werden.

• Einsätze bei den „altbekannten Familien“ (P 1, Abs. 3)

Dieser Typus findet sich ausnahmslos in allen Polizeiinterviews, häufig mit sehr ausführlichen Fallgeschichten versehen. Er ist jener, der ihnen die Grenzen polizeilicher Intervention deutlich aufzeigt und häusliche Gewalt für sie zu einem „Lauf ohne Ende“ (P SZ 5, Abs. 23) werden lässt. Die polizeilichen Einsätze finden hier bei Paaren statt, bei denen die Frau die Polizei häufig oder regelmäßig zu Hilfe ruft. Es wurde von Fällen berichtet, in denen phasenweise im Abstand mehrere Monate bis hin zu wenigen Tagen polizeiliche Interventionen notwendig waren. Alle Befragten beobachteten in vielen dieser Wiederholungsfälle eine Alkoholproblematik, entweder allein bei dem Täter oder auch bei beiden Partnern. Ihrer Beobachtung nach fällt die Gewaltschwere in diesen Wiederholungsfällen unterschiedlich aus, bleibt jedoch in ihrer jeweiligen Ausprägung relativ konstant. Es wurde sowohl von wiederholter leichter Gewaltanwendung gesprochen als auch von wiederholter schwerer Misshandlung mit Verletzungsfolgen, die zu Krankenhausaufenthalten führten. Ebenfalls wurden hier einzelne Fälle benannt, in denen das Auftreten von Gewalt den Polizist/innen wiederholt fragwürdig blieb.

Was diese Fallgeschichten charakterisiert, ist die kontinuierliche Aufrechterhaltung der Beziehung oder zumindest des räumlichen Zusammenlebens trotz der langen Gewaltproblematik, die regelmäßig das Einschreiten der Polizei notwendig macht. Die Befragten beschrieben Versöhnungen des Paares im Sinne eines Beiseite-Schiebens der Konflikte wenige Tage nach der polizeilichen Intervention. Sie berichteten von Frauen, die den Partner trotz Platzverweis wieder in die Wohnung ließen, sowie von solchen, die entweder keine Bereitschaft zeigten, an einer Strafverfolgung mitzuwirken oder deren zunächst bekundeter Wille, gegen die Gewaltsituation durch einen Strafantrag, eine Aussage oder eine Trennung aktiv zu werden, am Folgetag wieder hinfällig war.

Die Beschreibungen dieser „altbekannten Familien“ beinhalten verschiedene Muster der Macht und Gewaltdynamik zwischen den Partnern. Zwei Gruppen lassen sich in diesem Typus finden: Ein Teil der Fallgeschichten der befragten Polizeibeamt/innen beschreibt eine Machtkonstellation und Gewaltdynamik, die den Mustern „intimate terrorism“ (vgl.: Johnson u. a. 2000: 950), „partnership terrorism“ (vgl.: Piispa 2002: 880ff) oder auch dem der „Ambivalenten Bindung“ (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 46f) zugeordnet werden kann. Sie berichteten hier von systematischer schwerer Gewalt, die einseitig vom gewaltausübenden Partner ausgeht, sowie über ein hohes Ausmaß an Kontrollverhalten des Mannes über die Frau. Die Lebenssituation des Paares ist häufig durch einen ressourcenarmen sozialen Status geprägt:

„Also wir haben hier, – ich sag jetzt mal sozial schwache Familie, wo beide ziemlich, also was heißt hier ziemlich, das sind beide richtig kräftige Alkoholiker. Die Frau ist, glaub ich, von ihrem vorigen Partner auch schon geschlagen worden, und sie selber ruft auch nicht die Polizei, sondern da wird man immer hinzu gerufen, und die sieht auch immer dementsprechend aus. Verletzt? Und die sagt aber gar nichts, nichts und wenn die Kollegen des Nachts ihr schon den Spiegel gezeigt haben, dann kommen Ausdrücke „dieses DRECKSCHWEIN!“ und was weiß ich, aber sie lässt nichts raus. Da haben wir schon Haarbüschel und Bilder und alles eingeschickt, wenn eine Frau ÜBERHAUPT NICHTS SAGT, und es gibt keine Zeugen, dann ist halt nichts möglich. Einen Platzverweis haben wir natürlich gemacht, aber wir können das ja auch nicht ständig überwachen, und ich denk, die hat ihn halt größtenteils wieder rein gelassen, ne. Strafantrag ist nie gestellt worden. Und das geht auch heut noch so.“ (P SZ 3, Abs. 33)

In dieser Fallbeschreibung wird das von Behr beschriebene polizeiliche Handlungsmuster „eine Straftat muss gesühnt, ein Täter angemessen bestraft werden“ (vgl.: Kap. 4.2.2) besonders hörbar. Gleichzeitig wird eine geschädigte Frau beschrieben, welche sich diesem Handlungsmuster zuwider verhält. Sie verweigert die Kooperation mit der Polizei, auf welche eine Strafverfolgung angewiesen wäre. Die Polizei macht nach Darstellung der Befragten das ihr Mögliches, um eine Bestrafung der offensichtlichen Straftat Körperverletzung dennoch zu erwirken, kann dieses Ziel jedoch ohne Aussage der Frau nicht erreichen. Die Straftat bleibt ungesühnt, der Täter unbestraft.

Anders als im obig zitierten Fallbeispiel beschrieben, rufen in anderen Fallbeschreibungen viele der reviktimisierten Frauen die Polizei wiederholt selbst um Hilfe. Dieses aktive Handeln zum eigenen Schutz stößt jedoch auf keine Wertschätzung. Die Interviewpartner/innen beanstanden hier eine scheinbar fehlende Bereitschaft der Gewaltbetroffenen, an ihrer Situation selbst etwas zu ändern. Im Gegensatz zu der obigen Fallbeschreibung erleben sie diese Frauen zunächst gesprächsbereit. Eine Mitwirkung an der Strafverfolgung sowie Angebote von Seiten der Polizei, wie beispielsweise die Vermittlung eines Frauenhausplatzes oder einer Suchtberatung, werden in der Regel zuerst begrüßt, jedoch kurze Zeit später wieder abgelehnt. Der Platzverweis wird meist nicht eingehalten. Ärger und Frustration der Polizist/innen richteten sich auf die fehlende Änderungsbereitschaft der Frau. Eine Kritik an der bestehenden Strafverfolgungspraxis oder an fehlenden weiteren polizeilichen Handlungsmöglichkeiten unterblieb.

Eine zweite Gruppe an Erzählungen über „altbekannte Familien“ der Polizist/innen handelt von Einsätzen auf Gewaltereignisse, bei denen von beiden Partnern wechselseitige Verletzungen psychischer Art ausgehen, die in regelmä ßigen Abständen in körperlicher Gewalt gipfeln. Beide Beteiligten erscheinen sowohl als Opfer als auch als Täter. Die Beschreibungen ähneln dem von Johnson dargestellten Muster des „situational couple violence“ (Johnson u. a. 2005:

324) Beim Ausmaß der körperlichen Verletzungen kann das beschriebene Gleichgewicht nach Aussagen der Befragten jedoch zu Lasten der Frau eine Änderung erfahren, weil der Mann „krafttechnisch (...) überlegen ist“ (P 2, Abs. 15). Diese Beziehungen scheinen relativ stabil zu sein. Eine Befragte spricht in diesen Fällen von „Hass-Liebe-Beziehungen“ (P SZ 6, Abs. 19) und beschreibt diese folgendermaßen:

„Das ist immer das Gleiche. Die brauchen einander, die brauchen vielleicht auch ein Stück weit diese GeWALT, diesen Kampf,...“ (P SZ 6, Abs. 15)

Kämpferische Auseinandersetzung und Gewalt bilden in dieser Interpretation einen stabilisierenden Faktor für die Beziehung. Sie sind Ausgangspunkt für Versöhnungen, die nach Interpretation der Befragten Gefühle der Liebe für diese Partner spürbar werden lassen:

„...die haben sich gesucht und gefunden, und es passt soweit. Er kann nicht ohne sie, das weiß sie, und da kommt ´s halt immer mal wieder, dass. Wahrscheinlich ist die Versöhnung einfach zu schön, um das mal ein bisschen sarkastisch zu sagen...“ (P SZ 6, Abs. 21)

Diese Beschreibungen erinnern an den Spruch „Pack schlägt sich – Pack verträgt sich“, welcher früher weitverbreitet war und heute von weniger abwertenden Bezeichnungen ersetzt wurde. Die vermutete gegenseitige Abhängigkeit der Partner voneinander, ihr scheinbares Zusammenpassen und die Interpretation einer Funktionalität der Gewalt für das Spürbarwerden von Liebe lässt die Gewalt in der Wahrnehmung der Polizist/innen weniger destruktiv erscheinen. In der Praxis der Polizist/innen rückt bei diesen Wiederholungsfällen das von Behr beschriebene Handlungsmuster „die Polizei kann gesellschaftliche Probleme nicht lösen“ in den Vordergrund.

„Das Grundproblem ist die Beziehung wahrscheinlich und ja, wie kann ich das Grundproblem lösen, wenn ich ihn jetzt für zehn Tage von daheim wegschicke? Mhm Es kann natürlich auch durchaus sein, dass er dann sagt: „äh ich soll jetzt zehn Tage GEHEN, von hier, ich darf in mein EIGENES HAUS nicht!“. Das kann ja das Problem noch verstärken unter Umständen ne...“ (P 1, Abs. 19)

Ein Platzverweis löst in der Einschätzung dieses Polizisten das Grundproblem: Festhalten an einer „gescheiterten Beziehung“ (P 1, Abs. 110) nicht. Dieser Befragte stellt im Gegensatz zu der vorab Zitierten die Gefahr einer Verschärfung der konfliktreichen Beziehung nach einer polizeilichen Intervention in den Vordergrund. Zum Ausdruck kommt hier das Bestreben einer langfristigen Beseitigung der „Störung“ (P 1, Abs. 102) häusliche Gewalt, welches in Fällen dieser altbekannten Familien als aussichtslos erscheint.

Die Polizist/innen brachten deutlich zum Ausdruck wie „frustrierend“ (P 1, Abs. 110; P SZ 6, Abs. 57), „deprimierend“ (P 2, Abs. 13) und „ärgerlich“ (P SZ 5, Abs. 46; P 1, Abs. 61) die wiederholten Einsätze für sie sind. Die Fälle sind für sie mit viel Arbeit ohne einen für sie wahrnehmbaren Erfolg verbunden. Gefühle des Ärgers und der Machtund Hilflosigkeit prägen die Beschreibungen dieses Typus.

• Der unerwartete „Hilfeschrei“ (P 2, Abs. 11) in eskalierten Beziehungskonflikten

Diese Einsatzbeschreibungen unterscheiden sich von denen des vorangegangenen Typus dadurch, dass die Gewalt in der Wahrnehmung der Polizist/innen nicht in die Beziehungsstruktur eingebunden, sondern eher ein isoliertes Ereignis darstellt. Sie erscheint aus ihrer Perspektive als eine Art explosionsartige Reaktion eines oder beider Partner im Rahmen einer Auseinandersetzung. Bezeichnend für diese Fälle ist auch, dass die Beteiligten im Vorfeld in keinerlei Weise in das Blickfeld der Polizei geraten waren:

„...die sind dann oftmals ja von Null auf Hundert sag ich jetzt mal, ich drück ´s mal so aus: also die waren im Vorfeld nicht bekannt, da wurde man auch nicht gerufen, dass die Nachbarschaft sich beschwert hat, wegen Ruhestörung, weil sie sich streiten oder sonst was. Da ist wirklich ein Punkt erreicht, da macht es einen Knall und dann ist die Situation eskaliert. Und dann gibt ´s dann einfach ja die häusliche Gewalt oder was oder Tätlichkeiten der Parteien gegeneinander.“ (P 1, Abs. 15)

Dargestellt wird hier das Erstaunen des Befragten über das Vorkommnis von Gewalt in scheinbar geordneten Familienverhältnissen, welche bislang keinen Anlass für Beschwerden bei der Polizei gaben. Hier wird eine Konstruktion widerlegt, nach der häusliche Gewalt ein eher chronisches Phänomen in Partnerschaften sei, welche durch diverse Störungen ohnehin auffällig sind. Auffälligkeiten im sozialen Leben der Beteiligten werden erwartet, umso überraschender ist es, wenn sich dieses Bild nicht bestätigt. Diese Fälle scheinen den Beschreibungen zufolge eine Ausnahme von der Regel darzustellen, welche ihre Konstruktion über die klassische Variante häuslicher Gewalt nicht ändert.

Es können auch Fallbeschreibungen einer anderen Interviewten diesem Typus zugeordnet werden, in denen über ein leichteres Gewalthandeln, meist ausgehend vom Mann, berichtet wird, auf das die Frau „emotional überreagiert“ (P 2, Abs. 11). Will man den Begriff der Explosion auch hier aufgreifen, so bezieht sich diese nicht auf die Gewalt, sondern auf die Reaktion der Frau auf dieses Widerfahrnis. Diese Überreaktion macht die Befragte daran fest, dass häufig tags darauf im Gespräch mit der Polizei der Vorfall als „doch nicht mehr so schlimm“ (P 2, Abs. 29) eingeschätzt und Bedauern darüber geäußert wird, die Polizei überhaupt gerufen zu haben. Der getätigte Hilferuf wird quasi nach einer ersten Beruhigung wieder zurückgenommen. Diese Frauen – so berichtete die Polizeibeamtin – äußern im Gespräch, keine Strafverfolgung und keine weiteren Schutzmaßnahmen zu wünschen. Die Partnerschaft soll weiterbestehen.

Hier klingen in den Interviews Hinweise an, dass es sich in diesen Fällen um erstmalige Gewaltvorkommnisse handelt und es ihres Erachtens offen ist, ob sich die Gewalt in der Beziehung überhaupt und wenn ja, in welcher Form verfestigen wird. Gewalt tritt im Zusammenhang mit einem konkreten Konflikt auf und bleibt auf diesen bezogen. Die Beschreibung der Polizist/innen, dass die Frauen Wert auf die Fortsetzung der Partnerschaft legen, kann eine Parallele zu dem Muster „Neue Chance“ (Helfferich u. a. 2004: 43ff) darstellen. Auch hier werden Gewaltvorfälle als Bruch innerhalb einer gewaltfreien Normalität der Partnerschaft beschrieben. Der Verzicht der Frauen auf eine Strafanzeige scheint in diesen Fällen für die Polizist/innen kein Ärgernis darzustellen. Dies kann auf ein Deutungsmuster hinweisen, bei dem die Vorstellung besteht, dass eine Rückkehr des Paares zur Gewaltfreiheit hier prinzipiell möglich erscheint und eine Strafverfolgung dieser Entwicklung eher entgegenstünde.

• Einsätze auf Hilferufe in Trennungssituationen

In diesen Fallbeschreibungen schilderten die Polizeibeamt/innen Einsätze, in denen sie auf Frauen trafen, die sich bereits zur Trennung entschlossen haben, jedoch noch mit dem Mann in einer gemeinsamen Wohnung leben. Diese Beschreibungen weisen Parallelen zu den Erzählungen des Musters „Fortgeschrittener Trennungsprozess“ (Helfferich u. a. 2004: 44f) auf. Die Frauen haben sich hier für die Trennung entschieden und wollen ihre Interessen verteidigen, insbesondere die Wohnung für sich und die Kinder behalten. In den Erzählungen der Polizist/innen fanden sich zwei unterschiedliche Motive für den Ruf der Polizei, die sie bei den Frauen vermuteten: zum einen Frauen, die sich durch das Aktenkundig-Werden häuslicher Gewalt eine Stärkung im Scheidungsverfahren erhoffen – ein Ratschlag, den diese nach Aussagen der Befragten zum Teil von ihren Rechtsanwält/innen bekamen. Zum Zweiten berichteten sie von Frauen, denen der Mut fehlt, den Partner überhaupt mit ihrer Trennungsabsicht zu konfrontieren und die Trennung in die Tat umzusetzen. Die Intention für den Ruf der Polizei sahen sie hier in der Entfernung des Mannes aus der Wohnung und damit in dem Vollzug der Trennung an ihrer statt:

„...bei manchen Frauen hat man so den Verdacht, dass sie gehört haben, es gibt einen Platzverweis, wenn man zur Polizei geht, dann werden die Männer aus der Wohnung geschmissen. Und da hat man schon das Gefühl, dass sie jetzt einfach die Partnerschaft nicht mehr haben wollen, und dann aber nicht ehrlich ihrem Partner sagen können: hör zu, das funktioniert nicht mehr, ich möchte mich trennen. Sondern dann macht's man auf dem Weg.“ (P SZ 3, Abs. 23)

Deutlich wird in dieser wie anderen Beschreibungen zu diesem Einsatztyp, dass den Frauen unlautere Motive zugeschrieben werden. Den für die Polizei typischen Argwohn trifft hier die um Hilfe rufenden Frauen deutlich stärker als den der Gewalt beschuldigten Mann, welcher häufig eine Gewaltanwendung abstreitet. Auffällig ist, dass generell in diesen Interviews Gewalt im Zusammenhang mit Trennung und Trennungsabsichten selten und in diesen Fallbeschreibungen gar nicht thematisiert wurde. Es wurde von den Beamt/innen zwar Streit und Auseinandersetzung vermerkt, der Gewaltvorwurf der Frau scheint für sie jedoch zweifelhaft. Nicht eine Notlage aufgrund Gewalt ist nach Ansicht mancher Polizist/innen hier der Auslöser für den Polizeiruf, sondern die Instrumentalisierung der Polizei und des Platzverweises für die eigene Trennung. Hier findet sich die Idee, nach der manche Frauen einen persönlichen Nutzen aus dem Polizeieinsatz ziehen wollen. Trennungsentschlossenen Frauen wird mit Misstrauen begegnet. Dies ist insbesondere diesbezüglich interessant, dass im ersten Typus wiederum die Passivität gewaltbetroffener Frauen und ihr Verharren in gewaltbelasteten Beziehungen stark kritisiert wird. Hier schließt sich die Frage nach dem aus der Sicht der handelnden Polizist/innen „redlichen Opfer“ an. Im Umkehrschluss der Erzählungen sind dies Personen, welche an der Bekämpfung häuslicher Gewalt mitwirken und daraus keinen weiteren Nutzen schlagen wollen.

 
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