Wandel der Organisationsformen

Die Mobilisierungsfähigkeit kollektiver Akteure ist abhängig von verschiedenen Faktoren, neben institutionellen und diskursiven Gelegenheitsstrukturen zählen dazu auch die einer Bewegung zur Verfügung stehenden Ressourcen wie etwa die Leistungsfähigkeit der Organisationsstrukturen. Die gesteigerte Mobilisierungskraft des Neonazismus etwa ist unter anderem auf stark veränderte Strukturen zurückzuführen. Jahrzehntelang wurde die extreme Rechte von klassischen Wahlparteien und hierarchischen Organisationen dominiert und wies somit kaum bewegungsförmige Elemente auf (vgl. Botsch 2012). Dies hat sich radikal geändert. Mit Beginn der 1980er Jahre war es zunächst die extrem rechte Jugendkultur, welche sich nicht mehr an den traditionellen Parteien der extremen Rechten ausrichtete, sondern andere Artikulationsund Organisationsformen wählte (vgl. Klärner 2008: 24). In Folge der rassistischen Gewaltwelle zu Beginn der 1990er Jahre wurden ab 1992 eine ganze Reihe extrem rechter Organisationen verboten. Im Neonazismus setzte daraufhin ein intensiver Diskussionsprozess über die Frage ein, wie man die eigenen Strukturen zukünftig besser gegen derartige staatliche Maßnahmen absichern könnte (vgl. Stöss 2010: 119, Worch 2005: 4). Tatsächlich vollzog man einen fundamentalen Wandel: während zuvor in der Regel auf überregional agierende Parteien und parteiähnliche Zusammenschlüsse zurückgegriffen wurde, organisierten sich Neonazis nun in kleinen, lose strukturierten Gruppen auf lokaler Ebene, den Kameradschaften. Zentrale Elemente dieses neuen Konzepts sind voneinander unabhängige Gruppen ohne formale Mitgliedschaft, die sich in ihrer politischen Arbeit im Wesentlichen auf einzelne Regionen beschränken und deren überregionale Koordination durch ein Netzwerk bekannter Führungspersonen erfolgt, sowie die Bereitstellung von Infrastrukturen für einen effektiven Informationsaustausch (vgl. Pfahl-Traughber 1997, Virchow 2004). Das neue Organisationsmodell bietet den einzelnen Gruppen parteipolitische Unabhängigkeit, so können sie losgelöst von wahltaktischen Überlegungen ihre eigenen ideologischen Positionen offen vertreten. Zum anderen können die in der rechten Jugendkultur gut vernetzten Kameradschaften wesentlich einfacher neue Mitglieder rekrutieren als die häufig elitären Organisationen in den 1980er Jahren. Die neuen Strukturen bieten zudem den einzelnen Gruppierungen die Möglichkeit, eigenständig die Themen ihrer politischen Agenda zu bestimmen und etwa lokalpolitisch aktuelle Themen aufzugreifen, um die örtliche Bevölkerung zu erreichen (vgl. Schedler 2011: 21). Allerdings zeigt sich auch, dass etwa die Durchführung bundesweiter Kampagnen mit einem wesentlich höheren Koordinationsaufwand einhergeht. Auch die zu Beginn angestrebte Absicherung gegenüber staatlicher Repression ist inzwischen kaum noch gegeben, sind doch in den vergangenen Jahren verschiedene Kameradschaften ebenso verboten worden wie ihre stärker formalisierten Vorgänger. Auf Grund dieser Entwicklung ist gegenwärtig ein Trend zurück zu parteiförmigen Strukturen zu beobachten, die Partei Die Rechte etwa rekrutiert sich in starkem Maße aus zuvor verbotenen Kameradschaften.

Parallel zu dieser Entwicklung des parteiunabhängigen Teils des Neonazismus hat sich die NPD seit Mitte der 1990er Jahre radikal gegenüber dem Neonazismus geöffnet und kann mittlerweile als in weiten Teilen neonazistisch geprägt gelten (vgl. Pfahl-Traughber 2009). Diese Öffnung ist Teil des sogenannten Viersäulenkonzepts, das die Partei seit 1998 verfolgt. Ursprünglich bestehend aus den drei Säulen "Kampf um die Köpfe", "Kampf um die Straße" und "Kampf um die Parlamente", wurde es 2004 um den Punkt "Kampf um den organisierten Willen" zum Viersäulenkonzept erweitert. Während erstere auf die Vermittlung der eigenen ideologischen Vorstellungen, die langfristige Bindung neuer AnhängerInnen an die Partei und nicht zuletzt auch die erfolgreiche Wahlteilnahme abzielen, dringt letzterer auf eine Bündnispolitik mit ›Freien Kameradschaften‹, auch der Zusammenschluss mit der Deutschen Volksunion (DVU) ist eine Folge dieser Strategie (vgl. Schulze 2009: 94 f.).

 
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