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4.2.3 Die Polizei im Kontakt mit gewaltbetroffenen Frauen

Dieses Kapitel widmet sich dem Kontakt zwischen Polizei und gewaltbetroffenen Frauen aus der Perspektive der Polizeikräfte. Zu Beginn des Kapitels werden die beobachteten Reaktionen von Frauen auf den Platzverweis erläutert. Darauf folgend werden Möglichkeiten und Grenzen in der Beziehung zu Opfern häuslicher Gewalt thematisiert. Abschließend werden die gegenseitigen Erwartungen sowie der Unterstützungsbedarf von gewaltbetroffenen Frauen in der Wahrnehmung der befragten Polizist/innen behandelt.

4.2.3.1 Die Haltung von Frauen zum Platzverweis aus Sicht der Polizei

Grundsätzlich ist diesen Ausführungen voranzustellen, dass die befragten Polizist/innen einen hohen Informationsstand in der Bevölkerung über den Platzverweis in Fällen häuslicher Gewalt vermuten. Sie begründeten dies mit einer intensiv geführten Diskussion bis hin zu einem „Aufputschen“ (P 1, Abs. 61) der Maßnahme durch Politik und Medien. Die Mehrheit der gewaltbetroffenen Frauen, die sie bei ihren Einsätzen antreffen, hat ihres Erachtens bereits Kenntnisse über den Platzverweis. Der Ausspruch eines Platzverweises erfolgt damit ihrer Erfahrung nach für die wenigsten Frauen überraschend.

Die Polizeibeamt/innen nehmen auf den Ausspruch eines Platzverweises gegenüber dem Partner bei den Frauen unterschiedliche Reaktionen wahr. Es wurde von Frauen erzählt, die „erleichtert“ (P 2, Abs. 81) und „froh“ (P SZ 6, Abs. 55; P 4, Abs. 67) auf den Erlass dieser Maßnahme reagieren. Die Erleichterung bezieht sich dabei ihres Erachtens auf die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen sowie auf die Chance, ohne Beeinflussung durch den Mann über die Beziehung und ihr Leben nachdenken zu können.

Eine Polizeibeamtin berichtete zusätzlich von Frauen, die dem Platzverweis ablehnend gegenüberstehen. Ihrer Konstruktion entsprechend können ambivalente Frauen eine von der Polizei verhängte räumliche Trennung nicht als Chance für sich oder gar die Beziehung begreifen. Der Platzverweis bedrohe vielmehr in den Augen der Frauen die Hoffnung auf eine Änderung der Gewaltproblematik:

„...oft denk ich, ist ´s halt einfach das Unschlüssige. Irgendwie liegt ihnen an ihrem Partner noch was, und sie haben es noch nicht völlig aufgegeben, merken aber, dass es irgendwie immer weiter eskaliert und ja. Also ich denk mal, sobald einer Frau am Partner noch was liegt und sie ihn nicht aufgeben WILL, wird ´s natürlich auch schwierig, weil dann will sie ihn natürlich auch hier behalten, in der Wohnung.“ (P SZ 3, Abs. 61)

Sie nimmt außerdem eine ablehnende Haltung gegenüber dem Platzverweis bei Frauen wahr, die in großer Angst vor dem Partner und vor seiner Reaktion auf den Platzverweis leben. Diese befürchten, dass der Platzverweis nicht folgenlos für sie bleibt. Die Konsequenzen, die der Platzverweis für sie bedeuten kann, scheinen sie mehr zu ängstigen als die des Verbleibens des Mannes in der Wohnung.

Eine andere Reaktion von Frauen auf den Platzverweis des Mannes wurde von einem der Befragten als „Befriedigung“ (P 1, Abs. 84) beschrieben. Diese Frauen kennen seiner Erfahrung nach die Maßnahme und fordern die Polizei vor Ort direkt zum Ausspruch eines Platzverweises auf. Diese Reaktion wird im Zusammenhang mit den wiederholt auftretenden Fällen beobachtet, in denen beide Partner in Streit und „Kampf“ (P SZ 6, Abs. 15) miteinander verstrickt erlebt werden. Dieser Polizeibeamte antwortete auf die Frage, ob der Wunsch der Frauen nach Ruhe durch den Platzverweis einem Empfinden von Erleichterung nahe kommt, folgendermaßen:

„Es ist oftmals wirklich so: wir kommen hin, dann wird uns gleich entgegen gehalten: „da nehmt ihn mit, mir reicht ´s jetzt.“ Und das ist wirklich dann so nach dem Motto: ich will jetzt heut meine Ruhe haben, und die rechnen dann schon damit, dass man ihn mitnimmt. Erleichterung würd ich das nicht nennen. Ich würd einfach nur eine Befriedigung, sprich: ich hab jetzt meine Ruhe heut, jetzt ist ´s Ende Gelände hier. Aber eine Erleichterung sehe ich eigentlich eher dann gegeben, wenn das Problem gelöst ist. Aber das ist ja nicht der Fall.“ (P 1, Abs. 84)

Die beobachtete Befriedigung bezieht der Interviewte darauf, dass dem Handeln des Mannes durch die polizeiliche Intervention ein kraftvolles Ende gesetzt wird und sie „heut“ ihre Ruhe bekommt. Ihr „reicht 's“ und die Polizei handelt entsprechend ihres Willens – sofern sie den Platzverweis ausspricht. Die Polizei setzt dem Mann eine Grenze, die ihr nicht möglich ist, selbst zu setzen. Der von ihr geforderte und von der Polizei umgesetzte Platzverweis erscheint in der Darstellung des Befragten als eine Trumpfkarte der Frau. Dies schafft ihr seiner Auffassung nach eine Befriedigung im Sinne einer Genugtuung. Das Kämpferische steht bei dieser Sichtweise für die Frau im Vordergrund. Es scheint seiner Konstruktion entsprechend diesen Frauen in erster Linie um eine Unterbrechung der Gewaltsituation und um ihre Machtposition in einem aktuellen Konflikt zu gehen und weniger um die Lösung der Probleme, welche der Gewalt zugrunde liegen. So beschrieb er an anderer Stelle die Stimmung der Frauen als „euphorisch“ (P 1, Abs. 5), sowohl während des Polizeieinsatzes als auch hinsichtlich ihrer Darstellung der Beziehung nach der kurz darauf erfolgenden Versöhnung:

„Friede, Freude, Eierkuchen“ (P 1, Abs. 5). Die gewählte Begrifflichkeit „euphorisch“ bezeichnet eine überschwängliche Gemütsverfassung, ein Hochgefühl, häufig auch trotz besseren Wissens über die im Grunde höchst schwierige Lage einer Situation. Prinzipiell weiß sie wie auch die Polizei, dass das „Problem“ (P 1, Abs. 11) durch die polizeiliche Intervention nicht aus der Welt geschaffen wird. Der Machtkampf wird weitergehen, die Verstrickung bleibt.

Zusätzlich nimmt er Befriedigung als Reaktion auch bei den Frauen wahr, die sich durch die polizeiliche Intervention eine Besserstellung im Scheidungsverfahren erhoffen. Auch hier scheint es seines Erachtens eine Art von Kampf zwischen den Partnern zu geben, jedoch ist dieser hier kein konstituierendes Merkmal der Partnerschaft. Die Lösung der Beziehung scheint bereits relativ weit fortgeschritten, gekämpft wird um Besitzstände.

Das fordernde Auftreten von Frauen erklärt der Polizeibeamte sich damit, dass der Platzverweis und der Schutz von Frauen „überall propagiert“ (P 1, Abs.

89) wird. In dieser öffentlichen Verbreitung von Informationen zum Platzverweis sieht er weniger die Chance der Ermutigung von Gewaltopfern, sich vertrauensvoll an die Polizei zu wenden und Wege aus der Gewalt zu suchen, sondern vielmehr die Instrumentalisierung der Polizei in Beziehungskonflikten.

 
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