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4.2.3.4 Erwartungen der Polizei an gewaltbetroffene Frauen

In den Interviews kommen mehrere Erwartungen der Befragten an gewaltbetroffene Frauen in jeweils unterschiedlicher Intensität zur Sprache. Eine davon ist die Erwartung, dass die Geschädigte „mitmacht“ (P SZ 6, Abs. 11), im Sinne einer Kooperation mit der Polizei. Konkret bedeutet dies für sie, dass Frauen die erfahrene Gewalt nicht leugnen und den polizeilichen Interventionen zu ihrem Schutz nicht zuwiderhandeln.

„Oft krieg ich des dann hinterher mit wenn die Frau dann wieder kommt und sagt: „ha ja das letzte Mal ging es zwei Tag dann stand er wieder vor der Tür, dann hab ich ihn dann wieder reingelassen weil er mir LEID GETAN HAT“, wobei dann in dem Fall denk ich mal die Frau bestraft werden müsste (lächelt).“ (P SZ 3, Abs. 135)

In diesem Zitat wird die Erwartung der Polizeibeamtin hörbar, dass polizeiliche Interventionen von den Geschädigten mitgetragen werden. Sollte sie die Intervention nicht mittragen, richtet sich ihr Unmut auf sie – nicht auf den Mann, der vor der Tür steht. Dass Frauen für die Aufrechterhaltung des Platzverweises häufig nicht sorgen, wird von mehreren der Befragten thematisiert. Widersprüchliches Verhalten gewaltbetroffener Frauen ist eine „Normalität“ (P SZ 5, Abs. 21), die dann ärgerlich ist, wenn die Gewalt fortgesetzt wird. Den Expert/innen zufolge kann ein einmaliges Fehlverhalten der Frau entschuldigt werden. Ebenso wird eine einmalige Chance, die eine Frau ihrem Partner einräumt, als verständlich und angemessen bewertet. Setzt sich die Gewalt jedoch fort, sollten nach Vorstellung der Befragten Geschädigte konsequent handeln, indem sie sich entweder trennen oder vom Partner entschieden Aktivitäten zur Beendigung seines Gewalthandelns fordern.

Eine zweite Erwartung besteht darin, dass Frauen sich während des Platzverweises mit dem Gewaltproblem innerhalb der Beziehung auseinandersetzen, nach Lösungen suchen und wirkungsvoll handeln, so dass sie nicht erneut Opfer von Gewalt werden.

„Die kriegen von uns ausführliches Broschürenmaterial, also – aber man sagt halt, ich sag halt immer zu den Frauen: “SIE müssen jetzt was machen. Wenn die Stadt mitmacht,

[Befristung des Platzverweises durch die Ortspolizeibehörde, Anm. Verf.] haben Sie jetzt ZWEI WOCHEN ZEIT und ZWEI Wochen ihre Ruhe! In denen zwei Wochen müssen Sie schauen, dass Sie was auf die Reihe bringen.“ (P 4, Abs. 55)

Die Polizei kann Gewaltopfern den Rahmen einer zweiwöchigen „Ruhe“ von der Gewalt und der Beziehung liefern, der nach ihrer Vorstellung von der Frau zum Nachdenken, Entscheiden und Handeln genutzt werden sollte. Erwartet wird, dass die Geschädigten diese Zeit in diesem Sinne auch als Chance ergreifen und

„ihr Leben selber in Angriff nehmen“ (P SZ 6, Abs. 41).

Im Gegensatz zu ihren Erwartungen stehen ihr Wissen und ihre Erklärungsansätze, weshalb Frauen in gewalttätigen Beziehungen verbleiben. So wurde eine Vielzahl an Aspekten benannt, die Frauen ihres Erachtens an gewalttätige Partner binden können. Zudem wird Trennung im Allgemeinen als eine hohe Anforderung betrachtet. Dennoch beharren sie auf der Notwendigkeit eines aktiven Handelns der Frau entgegen der Gewalt. Wie kann dieser Widerspruch in den Interviews erklärt werden? In folgender Interviewpassage zeigt sich die Konstruktion, ein Leben ohne Gewalt müsse normalerweise für gewaltbetroffene Frauen oberste Priorität haben, und sie müssten doch wissen, dass ein gewalttätiger Mann nicht einfach sein Verhalten grundlegend ändert:

„Also ich hab schon oft Frauen gehabt, die haben gesagt: „Es war zwei Wochen Ruhe! Jetzt fängt der heut wieder an. Hätt ich gar nicht gedacht“. Also die war praktisch mit dem zufrieden, dass zwei Wochen mal nichts war. Die fand das gut! – Schwer nachvollziehbar Da schüttelt man mit dem Kopf! Ja! Das war wirklich so. Die fand das okay: „He, zwei Wochen, nichts mehr gemacht. Die ganze Zeit. Ich weiß auch nicht warum.“ Aber das geht jetzt seit fünf Jahren so. So so, so – solche Sachen kriegt man an den Kopf hin geschmissen...“ (P 4, Abs. 9799)

Unverständnis, weshalb Frauen Hoffnungen nachhängen sowie Ärger über eine vermeintliche Naivität werden hörbar. Bindende Faktoren, Barrieren und Ressourcenarmut der Frauen, welche sie zunächst an einer Trennung hindern, werden von ihm an anderen Stellen des Interviews durchaus benannt. Doch sollten diese bestehen, müsse Frauen seiner Vorstellung entsprechend alles daran gelegen sein, diese zu überwinden um sich zu einer Trennung zu befähigen.

 
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