Der Unterstützungsbedarf gewaltbetroffener Frauen aus Sicht der Polizei

Die Interviewpartner/innen der Polizei wurden gefragt welchen Bedarf an Unterstützung gewaltbetroffene Frauen, zu deren Schutz ein Platzverweis ausgesprochen wurde, ihres Erachtens haben. Der entscheidende Aspekt, der von der Mehrheit der Befragten in unterschiedlichen Facetten auf diese Frage hin genannt wurde, kann zusammengefasst als eine Stärkung der Frau bezeichnet werden. Dieser Aspekt der Stärkung bezieht sich in der Vorstellung eines der Polizisten auf eine Stabilisierung nach der Gewalteskalation. Frauen müssen „so schnell wie möglich Fuß fassen“ (P SZ 5, Abs. 42), um den Zeitraum des Platzverweises gewinnbringend nutzen zu können. Zwei der Polizistinnen beschrieben einen Bedarf an Unterstützung für die Entwicklung eines gestärkten Selbstbewusstseins. Insbesondere Frauen, die bereits viele Jahre unter Gewalt leiden, haben ihres Erachtens einen hohen Verlust an Selbstwertgefühl erlitten. Ohne eine diesbezügliche Stärkung verbleibt sie ihrer Vorstellung nach in einem Denkschema eines „ich bin so schlecht, ich hab ja auch nichts anderes verdient.“ (P 2, Abs. 121) und damit in einer unhinterfragten Bindung zum Mann. Eng mit dem Aspekt der Stärkung des Selbstbewusstseins ist die Entwicklung von Eigenverantwortung verbunden, welche für mehrere der Befragten einen zentralen Bestandteil des Bedarfs gewaltbetroffener Frauen darstellt. Frauen müssen nach Ansicht dieser Interviewten befähigt werden, für die eigene Gewaltfreiheit aktiv zu werden.

Interessant bei dem Aspekt der Stärkung ist der Auftrag, den verschiedene Interviewpartner/innen diesbezüglich Beratungsstellen zuweisen. Beratung soll hinsichtlich des einen Polizisten Frauen verdeutlichen, dass Partnerschaften, in denen es wiederholt zu Gewalt kommt, gescheitert sind und sie zur Erkenntnis führen, dass der Beziehung keine Chancen mehr eingeräumt werden können. Ein anderer sprach von einer „Kopfwäsche“ (P 4, Abs. 89), die Beratung gegenüber Frauen aus mehrjährigen Gewaltbeziehungen seines Erachtens zu leisten habe:

„Kopfwäsche. Denen mal klar machen, je nach dem, grad so die Fälle, wo es so seit drei Jahren geht, dass man – ich versuch ´s nachts schon, (lacht leise) denen den Kopf zu waschen. Ähm ich glaub viele muss man zu dem Glück zwingen. Manchmal einfach klar machen, dass das nicht sein kann, wie das jetzt vielleicht seit drei Jahren schon läuft. Ne? Ich find halt manchmal, ja ein Tritt in den Hintern brauchen manche. Hab ich den Eindruck. Da fehlt ´s auch vielleicht sag ich mal im Familienkreis und im Bekanntenkreis, dass einfach einer die mal nimmt und – und die richtig mal durchschüttelt, sagt: ‚sag mal, guck doch mal was da abgeht!'“ (P 4, Abs. 89)

Das Zitat beschreibt durch seine kraftvollen Ausdrücke eher einen Behandlungsbedarf denn einen Unterstützungsbedarf von Frauen. In sehr konfrontativer Weise sollen Professionelle aus der Beratungsarbeit gewaltbetroffenen Frauen vermitteln, dass die normative Grundordnung unserer Gesellschaft es verbietet, sich Gewaltrisiken auszusetzen. Es verdeutlicht auch seine Einschätzung, dass sich Frauen in verqueren Denkschemata über ihre Beziehung befinden, die ihnen einen realistischen Blick auf die Beziehung verstellen. Hier bedarf es seines Erachtens einer rigorosen Korrektur.

Viele der Interviewzitate zu diesem Aspekt der Stärkung stehen unter dem Vorzeichen, dass Frauen Kraft und Überzeugung gewinnen sollen, der Beziehung ein Ende zu setzen. Zum Teil wird dies ausdrücklich formuliert: „...die Frau einfach stärken zu sagen, okay ich trenn mich jetzt von dem Mann.“ (P 1, Abs. 98). Zum Teil wird der Trennungsaspekt eher angedeutet: „So kannst du nicht weitermachen!“ (P 4, Abs. 156) Der Unterstützungsbedarf gewaltbetroffener Frauen erscheint hier als Hilfen zur Trennung.

Eine andere Interviewpartnerin erörterte die Wichtigkeit von „Verständnis“ (P SZ 3, Abs. 109) der Opferberatung gegenüber den Frauen. Sie verhilft ihr zu „Orientierung“ (P SZ 3, Abs. 109) über die Ursachen der Gewalt in ihrer Partnerschaft und reflektiert mit ihr die eigene Lebenssituation. Hierdurch kann sie ihrer Ansicht nach Entscheidungen für ihren weiteren Lebensweg treffen.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass sich die Antworten von Polizist/innen des Streifendienstes von jenen des Bezirksdienstes mit Aufgabe der Sonderzuständigkeit deutlich unterscheiden. Diejenigen, die im Streifendienst arbeiten, sprechen eine rigidere Sprache. Sie fordern von gewaltbetroffenen Frauen Schritte zur Beendigung der Gewalt, meist in Form einer Trennung, und weisen Beratung den Auftrag zu, Frauen in diese Richtung zu weisen. Die Polizeibeamt/innen der Sonderzuständigkeit äußern sich insgesamt milder. In ihren Ausführungen ist zu erkennen, dass sie darüber informiert sind, wie die Opferberatung arbeitet, welche Aufgaben diese übernimmt und wo deren Grenzen liegen. Sie bringen zwar auch den Wunsch zum Ausdruck, Frauen mögen etwas zur Gewaltbeendigung beitragen, sprechen aber auch von der Notwendigkeit, dass betroffene Frauen ihren eigenen Weg finden müssen.

 
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