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4.2.4 Handlungsorientierungen der Schutzpolizei – Zusammenfassung der Ergebnisse

Im Folgenden werden nun die Ergebnisse in zentralen Handlungsorientierungen der Polizeibeamt/innen gefasst, welche sich in der Auswertung der Interviews herauskristallisiert haben. Es werden jene dargestellt, die für alle Befragten mehr oder weniger handlungsleitend sind. Es wird auf jene verzichtet, welche das Handeln einzelner prägen.

• Handlungsorientierung: dauerhafte Gewaltbeendigung

In den Interviews mit den Polizeibeamt/innen zeigt sich deutlich das Bestreben, durch ihre Intervention einen Beitrag zur dauerhaften Gewaltbeendigung zu leisten. Dieser Handlungsorientierung liegt die Konstruktion zugrunde, dass häusliche Gewalt in der Regel kein einmaliges Ereignis sei, sondern sich fortsetzt. Die Dynamik der Gewaltspirale ist den Interviewpartner/innen vertraut, ebenso jene hochstrittiger Paarkonstellationen, die sich dadurch auszeichnen, dass beide kämpfen und verletzen in enger Bindung zueinander. Opferund Täterrolle können bei letzterer im Unterschied zu ersterer nicht eindeutig zugewiesen werden. Wie es in Partnerschaften weitergeht, bei welchen sie nur ein einziges Mal tätig werden, wissen sie nicht. Ob Gewalt in der Partnerschaft überwunden wird, ob eine Frau der Gewalt durch Trennung Einhalt gebieten konnte oder ob eine Frau vor einer weiteren Inanspruchnahme polizeilicher Hilfe zurückschreckt, bleibt ihnen in der Regel verborgen.

Alle befragten Polizeibeamt/innen kennen beständige Gewaltproblematiken aus ihrer beruflichen Praxis, häufig verbunden mit einer Alkoholproblematik eines oder beider Partner sowie weiterer belastender Lebensumstände. Teilweise erleben sie bei ihren Einsätzen schwer verletzte Frauen sowie eine Gefährdung der eigenen Person. Ihr Handlungsinstrumentarium kann ihren Beschreibungen zufolge bei einer solch manifesten Problematik kaum etwas ausrichten. Mehr noch: Polizeiliche Interventionen werden ihrer Wahrnehmung nach regelmäßig nach kurzer Zeit wieder abgelehnt. Diese Fälle erleben die Beamt/innen als ärgerlich, weil sie gezwungen sind, regelmäßig zu intervenieren ohne dass ihnen irgendeine Veränderung ersichtlich wird. Sie sind zudem besorgt, weil sie Gefährdungen nicht abwenden können.

Diese Einzelfälle sind den Polizeibeamt/innen sehr präsent. Sie halten das Revier oft über Jahre hinweg auf Trapp. Diese eindrücklichen Erfahrungen prägen meines Erachtens die Gesamtheit ihrer Interventionen in Fällen häuslicher Gewalt. Solchen chronischen Verläufen ohne Hoffnung auf Besserung gilt es vorzubeugen. Die Polizei will häusliche Gewalt erledigt wissen, sie will einen Fall abschließen, sie versteht sich nicht als beständige Feuerwehr.

• Handlungsorientierung: Zur dauerhaften Gewaltbeendigung bedarf es des Handelns der Frau

Wie in diesem Kapitel dargestellt wurde, werden die gewaltbetroffenen Frauen von den Polizeibeamt/innen als die Verantwortlichen für die dauerhafte Beseitigung häuslicher Gewalt verstanden und angesprochen. An die Frauen richten sich die Handlungsaufforderungen der Polizei sowohl bereits vor Ort als auch nachfolgend durch die Sonderzuständigen für häusliche Gewalt.

Ein Änderungsvermögen des Mannes wird in der Vorstellung der Interviewpartnerinnen stark bezweifelt. Gewalttätige Männer haben sich „nicht im Griff“ (P SZ 3, Abs. 47), sie können sich ihrer Konstruktion entsprechend nicht kontrollieren und verschließen sich psycho-sozialen Hilfen und Suchttherapien – sofern diese nicht gerichtlich angeordnet werden. Auch die eigenen Interventionen – Platzverweis, Ingewahrsamnahme und Gefährderansprache – scheinenihres Erachtens nur im Einzelfall Gewalthandeln längerfristig einzudämmen. In Bezug auf ihre Einflussnahme zeigen sie sich skeptisch. So bleibt die gewaltbetroffene Frau, an die sich Hoffnungen und Appelle richten. In ihrer Anschauung haben diese durchaus Möglichkeiten, der Gewalt zu entkommen. Diese werden zwar als anforderungsreich eingeschätzt – es gibt sehr viel für die gewaltbetroffenen Frauen zu tun – dies scheint jedoch in den Augen der Polizeibeamt/innen bewältigbar zu sein, denn die Frauen werden dabei nicht alleingelassen. Sie erhalten Informationen, Orientierung und Begleitung durch die Polizei sowie durch die Opferberatung. Der Weg in ein gewaltfreies Leben wird dieser Konstruktion entsprechend zu einer Frage des Willens.

Deutlich wird, dass die Möglichkeiten, welche Frauen haben um Gewalt zu beenden, eine Trennung vom Partner implizieren. Betrachtet man die Erklärungsansätze der Polizeibeamt/innen, weshalb Frauen in gewalttätigen Beziehungen bleiben, so werden in den Interviews mehrere Aspekte hörbar: stark bindende Kräfte innerhalb der Partnerschaft, zu denen Liebe, die besondere Bindung einer Suchtgemeinschaft, die Gewöhnung an ein prinzipiell gutsituiertes Leben, aber auch Angst vor lebensbedrohlicher Gewalt im Falle einer Trennung aufgezählt werden. Ebenso lassen ihres Erachtens Zukunftsängste Frauen in diesen Beziehungen verharren, denn sie wissen nicht, welche Anforderungen ein Leben als alleinstehende Frau aufwirft und ob sie diese bewältigen können. Diesen Gründen, zu bleiben wird zum Teil mit einem gewissen Verständnis begegnet, wie im folgenden Zitat zum Ausdruck kommt:

„Zu erkennen, dass ´ne Beziehung nicht mehr funktioniert, ist schwer oder sich des einzugestehen, unsere Beziehung funktioniert nicht mehr, das ist bestimmt für jeden Beteiligten schwer. Und dann, wenn man sagt okay, eigentlich funktioniert ´s ja nicht mehr, den Schritt zu vollziehen, ich trenn mich jetzt von dir komplett, ist noch schwerer. Zumal dann ja oftmals die Frau (...) Hausfrau ist, also sprich, dann Kinder noch vorhanden sind, auch wenn ´s ältere sind, die Frau arbeitet nicht, finanziell in Not oder Gebundenheit an den Mann.“ (P 1, Abs. 9)

Ein weiterer Erklärungsansatz der Polizist/innen, welcher von ihnen häufig abwertend konnotiert wird, kann zusammenfassend als Passivität von Frauen beschrieben werden, im Sinne eines Ausweichens gegenüber jeglicher Anforderung. Diese Passivität beziehen sie auf eine Auseinandersetzung mit der Gewaltproblematik sowie auf ein ihres Erachtens erforderliches Handeln der Frauen in Richtung Gewaltfreiheit. Es werden Frauen beschrieben, die sich in den Augen der Befragten „mit diesem Thema einfach nicht beschäftigen wollen“ (P 4, Abs. 79). Sie wollen ihr Leben nicht kritisch hinterfragen. Beklagt wird diesbezüglich auch der Wunsch mancher Frauen, andere mögen für sie handeln. Diese Frauen scheinen der Einschätzung eines Polizisten nach lieber zu bleiben anstatt selbst eine erste Anforderung in Angriff zu nehmen:

„Es ist halt der Aufwand. Ich muss mich irgendwo hin begeben, ne, und die Erfahrung zeigt auch oft bei den Fällen, wo ich hatte, dass die Beteiligten einfach erwarten, man kommt auf sie immer zu. Mhm Sie möchten die Probleme gelöst haben für sich, ohne dass man selber muss.“ (P 1, Abs. 29)

Passivität wird von den Befragten jedoch unterschiedlich interpretiert: Es ist, wie dargestellt, von einer Unselbständigkeit und einer gewissen Bequemlichkeit die Rede als auch von der Beschwerlichkeit des Weges einer Trennung. Ein einzelner Polizist sprach davon, dass Frauen auf sich alleingestellt oft nicht in der Lage sind, in der kurzen Zeitspanne des Platzverweises überhaupt zu reagieren. Er erklärt sich die Passivität mit einer Handlungs-Ohnmacht der Frauen nach einem Gewaltvorfall und bringt damit ein gewisses Verständnis für deren scheinbare Untätigkeit zum Ausdruck.

Unabhängig jedoch, ob Untätigkeit als ein Nicht-Können oder NichtWollen interpretiert wird, die Handlungsaufforderung der Polizei ist eindeutig: Sie müssen. Die von Helfferich u. a. eruierte Intention von Frauen für den Hilferuf bei der Polizei, eine aktuelle Notsituation zunächst einmal überleben zu wollen ohne sofort Strategien für die Zukunft zu entwickeln (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 58f), scheint den Polizeibeamt/innen dieser Studie relativ fremd zu sein. Ihrer Anschauung nach haben die Frauen nur die wenigen Tage des Platzverweises Zeit, um Schritte aus der Gewalt in die Wege zu leiten. Mit dem Mann kommt über kurz oder lang das Problem der Gewalt wieder zurück. Der täterorientierten Maßnahme Platzverweis folgen nun eine ganze Reihe opferorientierte Interventionen: Appelle und Ermahnungen, Erläuterungen zur Gewaltspirale, Informationen über Schutzmöglichkeiten, Ermutigung zum Strafantrag, Vermittlung in Beratung – all diese Interventionen implizieren das Ziel, die Frau zum Handeln zu motivieren. Die Männer „bräuchten viel Unterstützung, aber das Problem ist eben, dass die nichts wollen. Brauchen täten die viel.“ (P 4, Abs. 142). Es scheint, als würde ein Großteil gewalttätiger Männer – in Bezug auf die weichen Interventionen gegen Gewalt – von den Polizeibeamt/innen aufgegeben werden.

• Handlungsorientierung: „Klar, man glaubt dem Opfer am Anfang schon“ (P SZ 3, Abs. 37)

In dieser Handlungsorientierung zeigt sich eine Praxis polizeilichen Handelns, indem der Aussage des Opfers zu Beginn eine zentrale Bedeutung beigemessen wird. Für die Intervention vor Ort ist es „entscheidend, was die Frau zu mir sagt.“ (P 4, Abs. 45). Berichtet sie über Gewalttätigkeiten des Mannes, so wird ihr zunächst Glauben geschenkt, auch wenn keine Verletzungen sichtbar sind oder sich die Angaben des Mannes über den Vorfall gegenüber jenen der Frau im Widerspruch befinden. Die Polizeibeamt/innen gehen auf Nummer sicher: Sie wollen nicht das Risiko eingehen, eine Gefahrensituation nicht erkannt und auf diese nicht angemessen reagiert zu haben. Ihre Entscheidung Handeln versus Nicht-Handeln vereinfacht sich durch die Praxis der zweiten Überprüfung der Berechtigung des Platzverweises durch die Ortspolizeibehörde. Sie können es sich dadurch auch bei unklarer Faktenlage erlauben, auf Nummer sicher zu gehen.

Diese Handlungsorientierung kann sich verändern, wenn wiederholt von der Frau ein Häuslicher-Gewalt-Vorwurf erhoben wird, die Polizeibeamt/innen vor Ort jedoch nicht sofort eindeutig Gewalthandeln erkennen können. An die Glaubwürdigkeit der vermeintlich Geschädigten werden nun höhere Anforderungen gestellt. Es geht nun nicht mehr allein darum, ob eine Frau tatsächlich als Opfer von Gewalt oder als Gefährdete identifiziert werden kann, sondern auch darum, ob sie ernsthaft bemüht ist, an ihrer Lebenssituation etwas zu verändern. Berichtet wurde, dass hierfür durch die Sonderzuständigen für häusliche Gewalt zum Teil weitere Erkundungen bei Angehörigen oder Expert/innen eingeholt werden. Dabei können Unaufrichtigkeiten der Frau gegenüber der Polizei aufgedeckt werden. Versicherungen ihrerseits, beispielsweise einen Aufenthalt im Frauenhaus anzustreben oder einen Entzug in einer Suchtklinik bereits vereinbart zu haben, stellen sich bei diesen Nachforschungen oft als falsch heraus. Es findet sich hier eine Handlungspraxis, in der die Frau „zur Rede gestellt“ wird, „weil wir einfach halt auch zeigen wollten: Wir wissen, dass du uns anlügst.“ (P SZ 3, Abs. 35). Hier zeigt sich eine Abkehr vom Vertrauensvorschuss, der einer Frau zu Beginn eingeräumt wird. Vielmehr wird nun der Frau signalisiert, dass man den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen grundsätzlich in Frage stellt. Der professionelle Argwohn (vgl.: Kap. 4.2.2) wird nun als Mahnung gegenüber den Frauen kommuniziert, um sie zur Zurückhaltung hinsichtlich möglicher Falschaussagen zu bewegen. Wie dargestellt wurde, kann nun innerhalb eines Reviers die Absprache getroffen werden, dass ein weiterer Platzverweis nur noch bei Auffinden einer unzweifelhaften Faktenlage ausgesprochen wird.

Diese Handlungsorientierung zeigt, dass Schutz bei Ersteinsätzen mit einem gewissen Vertrauensvorsprung und auch mit Fürsorglichkeit gegenüber der Frau verbunden wird. Das Risiko einer möglicherweise unangemessenen Entscheidung für einen Platzverweis wird von den Polizeibeamt/innen getragen. Bei erneuten Gewaltvorfällen wird strenger nach Gesetzeslage entschieden. Der erstmals umsichtigen Aufklärung über die Rechtslage folgen nun eindringliche und mahnende Handlungsaufforderungen.

• Handlungsorientierung: Wir entscheiden – Stärke und Sicherheit im polizeilichen Handeln ausstrahlen

„Ich weise auch ganz ausdrücklich die Beteiligten darauf hin, es ist eine polizeiliche Entscheidung. Also wir setzen uns jetzt nicht mit allen an den Tisch und sagen dann quasi: Wie hättet ihr ´s gern oder so ähnlich. Also wir als Polizei müssen selber entscheiden. Und auch das Opfer kann nachher nicht sagen: Nö, das passt mir jetzt nicht. Ich lass den wieder rein oder so ähnlich. Wenn wir die Entscheidung getroffen haben, dann muss er auch draußen bleiben.“ (P SZ 5, Abs. 5)

Entworfen wird in diesem Zitat das Bild einer autonomen und durchsetzungskräftigen Polizei. Das Signal „wir entscheiden und bestimmen“ kann als eine Demonstration polizeilicher Autorität und Macht gelesen werden. Die Ablehnung eines Mitspracherechts der Beteiligten symbolisiert Distanz und moralische Überlegenheit. Vermittelt wird, dass es in der Einsatzsituation nicht um Beruhigung und Schlichtung unter Beteiligung der Partner geht, sondern um die konsequente Bekämpfung von häuslicher Gewalt durch die Polizei, deren Handeln sich an Recht und Gerechtigkeit ausrichtet.

Es lassen sich jedoch zahlreiche Beschreibungen in den Interviews finden, welche darauf hindeuten, dass der Wille der Frau bzw. das zu erwartende Handeln der Beteiligten durchaus Einfluss auf die Entscheidung der Polizei nimmt. So weist das Entscheidungskriterium Durchsetzbarkeit und Nachhaltigkeit bereits darauf hin, dass in Folgeeinsätzen bei einem Paar möglicherweise gegenüber der Maßnahme Platzverweis Zurückhaltung geübt wird, weil davon ausgegangen wird, dass ein erneuter Platzverweis vom Paar ohnehin nicht eingehalten wird. Auch die Praxis des Improvisierens, des Suchens nach weniger restriktiven Alternativen auf Grundlage einer freiwilligen Selbstverpflichtung kann von der Intention geleitet sein, das Bild einer letztendlich machtlosen Polizei vermeiden zu wollen. Wird die Anordnung eines Platzverweises unterlaufen

– so die Konstruktion – verpufft die abschreckende und normengebietende Wirkung. Die Polizei kann in diesen Fällen nichts ausrichten, handelt möglicherweise sogar kontraproduktiv, weil Täter die Erfahrung machen, dass ein Überschreiten der Anordnung ohne Ahndung bleibt. Die fehlende Praxis einer systematischen Kontrolle der Einhaltung des Platzverweises schwächt die Autorität der Polizei. Es wäre jedoch falsch, daraus zu schließen, dass diese Handlungsorientierung für die Entscheidungspraxis der Polizei das ausschlaggebende Kriterium schlechthin sei. Den Berichten zufolge werden abermals Platzverweise bei ein und demselben Paar ausgesprochen, auch wenn die zurückliegende Erfahrung zeigt, dass diese wiederholt nicht eingehalten werden.

• Handlungsorientierung: Dienstpflicht Neutralität

Der Grundsatz der Neutralität beinhaltet die Verpflichtung zu einer unvoreingenommenen offenen Herangehensweise. Er hält die Polizeibeamt/innen dazu an, ihre Maßnahmen nicht auf subjektive Vermutungen zu stützen, sondern ausschließlich auf die Fakten, welche sie im Einsatz vorfinden. Einige der Befragten griffen in den Interviews diese dienstliche Pflicht auf, den Sachverhalt sorgfältig und „neutral“ (P 4, Abs. 148) erforschen zu müssen, und zwar ganz unabhängig davon, welche persönlichen Vermutungen sie nach einem ersten Eindruck vor Ort haben oder welche sich ihnen durch vorangegangene Erfahrungen mit einem Paar aufdrängen. In den Beschreibungen der Polizeibeamt/innen wird angesprochen, dass es für sie schwierig sein kann, den Grundsatz der Neutralität aufrechtzuerhalten, wenn die Einsätze bei Paaren stattfinden, die wiederholt die Polizei wegen häuslicher Gewalt riefen:

„...man ist halt nicht neutral, man ist irgendwann nicht mehr neutral. Also, ich versuch immer auch wenn ich jetzt schon weiß, ich fahr jetzt DA schon wieder hin, neutral an die Sache heranzugehen. Ja, man kann sich zwar schon denken, was passiert ist, aber es wird trotzdem erfragt: Was war los? Ja grad die Geschichte – ja, da weiß man schon vorher, okay, der hat sie wahrscheinlich wieder verprügelt, aber trotzdem muss ich eben hingehen und erfragen: Was ist passiert? Wo ist sie verletzt? Was hat er gemacht? Wie hat er sie geschlagen?“ (P 4, Abs. 148)

In diesem Zitat wird dargestellt, dass dem Polizeibeamten in Wiederholungsfällen eine neutrale Haltung innerlich nicht mehr möglich ist. Was passiert ist, kann er sich „schon denken“. Er versucht jedoch Neutralität äußerlich im Handeln aufrechtzuerhalten, indem er sich streng an die Regeln der Befragung über einen Vorfall hält. Der Grundsatz der Neutralität gleicht einem Korsett, das ihn davor schützt, subjektive Vermutungen zur Richtschnur seines Handelns werden zu lassen.

Eine andere Interviewpartnerin mit Aufgabe der Sonderzuständigkeit berichtete von der Gefahr des Verlusts der Neutralität, wenn sie nur mit der gewaltbetroffenen Person im Kontakt steht. Die Möglichkeit bzw. die Pflicht der Polizei, mit beiden Beteiligten zu sprechen führt zu einer professionellen Skepsis und damit zu einem Zurückgewinnen der Neutralität, was sie folgendermaßen beschreibt:

„...man entwickelt sooo bissle, sagen wir mal so ´ne Skepsis, das bringt mich wieder zurück zu einer Neutralität, das ist eigentlich sehr gut, man wird nicht so arg eingenommen. Man lässt sich gerne einnehmen, aber darf man nicht. Man muss ja diese Neutralität bewahren, Ich hab oft so – schon mitgekriegt, dass es sich widerspricht, dass es anders dargestellt wird, und ja da muss man halt einfach schauen, dass man so wie sie ´s halt erzählt entsprechend drauf eingeht und ihr die Möglichkeiten aufzeigt, aber im Gegenzug immer IHN hören muss und oft – ja liegt ´s an beiden Seiten, gell. Mhm Nee nicht oft, manchmal, manchmal. Dass

sie halt einen Auslöser irgendwie geliefert hat oder auch er, und ja es sich dadurch dann entsprechend eskaliert.“ (P SZ 6, Abs. 49)

Die Interviewte drückt hier aus, dass ihr die Gefahr prinzipiell groß erscheint, sich von der Darstellung der Frau als dem Opfer von Gewalt „einnehmen“ zu lassen. Mehr noch: Man würde sich sogar „gerne einnehmen“ lassen – auch als Polizistin, was jedoch nicht sein darf. Was bedeutet dieses Sich-EinnehmenLassen an dieser Stelle? Interpretativ kann es dafür stehen, die Erzählung der Frau uneingeschränkt und unhinterfragt zu glauben, keine Zweifel daran zuzulassen und Position für sie zu beziehen. Es kann auch ein Berührt-Sein oder ein Mitgefühl für die Frau als Betroffene von Gewalt beinhalten. Der These, dass man sich gerne einnehmen lässt, verleiht sie eine allgemeine Gültigkeit. Sie spricht damit von einer generellen Neigung des Menschen, eindeutig und einseitig Schuld und Unschuld verteilen zu wollen. Neutralität dagegen spricht von einer grundsätzlichen Offenheit dafür, dass alles auch ganz anders und komplexer sein könnte. Neutralität bedeutet, sich auf keine Seite zu schlagen, keine Partei zu ergreifen. Sie ist ein Gegenstück zum Eingenommen sein. Die Gefahr des Vereinnahmt-Werdens kann sie bannen, wenn sie zu der Aussage der Frau auch die des Mannes einholt und dadurch zum einen oft widersprüchliche Darstellungen erhält und zum Zweiten auslösende Faktoren erfährt, die auch auf das Konto der Frau gehen könnten. Für ihr konkretes Handeln gegenüber der Frau scheint es ihren Worten nach keinen Unterschied zu machen, ob sie ihre neutrale Haltung aufrechterhalten kann oder nicht. Sie geht im Gespräch mit der Frau von deren Darstellung aus und berät sie dahingehend, welche Möglichkeiten sie in dieser von ihr geschilderten Situation hat.

 
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